Schweinfurt

Clowns 2 1/2: Tragisch-komischer Blick aufs Altern

Das Theater an der Ruhr gastiert mit "Clowns 2 ½" in Schweinfurt. Ein Abend eindrucksvoller Bilder, voller Poesie.
Der Blick der Clowns auf das Alter: Das Theater an der Ruhr Mülheim zeigte im Schweinfurter Theater  eine eindrucksvolle Produktion.  Foto: Andreas Köhring

Zu Beginn steht Roberto Ciulli vor dem geschlossenen Vorhang im Schweinfurter Theater. Mit leiser Stimme erzählt er von der Geschichte der Clowns, die bis in die Antike zurückgeht und auf den deutschen Theatern im 19. Jahrhundert und dann in der Zeit des Stummfilms eine weitere Blüte erlebte. Die Clowns und das Theater des inzwischen 85-Jährigen in Mailand Geborenen gehören eng zusammen. Da ist der weiße Clown, der für Macht und Verstand, für das Göttliche steht, und da sind die roten Clowns, die Anarchischen, Rebellischen, Sinnbilder für den Teufel.

Grenzgänger Roberto Ciulli

Ciulli, der mit seinem Theater an der Ruhr Mülheim immer ein Grenzgänger war, der in Staaten gespielt hat, die politisch und kulturell am Rande stehen -Chile, Algerien, Usbekistan oder Kirgistan, um nur einige zu nennen - ist dem Schweinfurter Publikum seit Jahrzehnten verbunden, ein Solitär im Programm, der herausfordert, überrascht, aber auch unterhält.

Das gilt auch für "Clowns 2 ½". Die Würde des Alterns ist im Schwinden. Das Leben dauert länger, verbunden mit psychischen und physischen Einschränkungen. Gespielt wird ohne Worte - in einem Pflegeheim. Der inzwischen gestorbene langjährige Bühnenbildner der Mülheimer, Gralf-Edzard Habben, hat einen offenen Raum geschaffen, begrenzt von einer schwarzen Rückwand mit einem ausgeschnittenen Durchgang. Es gibt einen Flügel im Hintergrund, die dementen Bewohner dieses Heimes sitzen auf winzigen weißen Kindergartenstühlen und zeigen ihr Leben aus der Sicht der Clowns.

Ihr Tagesablauf ist streng geregelt. Sie haben zu funktionieren. Ein bisschen leichte Beschäftigung, essen, bewegen, schlafen, die Zeit totschlagen, überwacht von einem entrückten weißen Clown mit Totenmasken und begleitet von der Musik des Pierrots Matthias Flakes, der das Stück zusammen mit Ciulli erarbeitet hat.

Die Menschen leben aus der Vergangenheit, flüchten gerne in die Erinnerung. Sie sind alle ein wenig schrullig, leben einsam vor sich hin, sind stur abweisend, herrisch und dann doch wieder auch Nähe suchend. Ein ordensgeschmückter Offizier, nähert sich einer vornehmen Dame, macht ihr galant Komplimente, sucht den körperlichen Kontakt, ein Tanz wird zum Aufbäumen und endet doch tragisch.

Bilder voller Poesie und Pathos

Die Inszenierung zeigt schöne, stimmige, ja stimmungsvolle Bilder. Bilder, die sich nicht immer sofort erschließen, voller Poesie, auch voller Pathos, aber auch Komik. Das schönste Bild ist wohl das, wenn sich die Bewohner im Kreis versammelt haben und mit Pillendöschen und Trinkgläsern eine Perkussionseinlage zeigen.

Doch die roten Clowns sind nicht allein Opfer. In ihnen lebt doch auch Lebensfreude, etwas Rebellisches, Subversives fort. Widerstand schafft Selbstbewusstsein. Gemeinsam kann etwas gelingen. Das mag die Botschaft dieses Abends sein, der geprägt ist von einem Ensemble, aus dem man niemand herausgreifen sollte, dem auch fünf Jahre nach der Premiere die Spielfreude in jeder Sekunde anzumerken ist.

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