Schweinfurt

Coronavirus: So kreativ gehen Seniorenheime mit dem Besucherstopp um

Spätestens seit dem 20. März sind Seniorenheime für Besucher geschlossen. Das trifft Bewohner, Angehörige. Doch es gibt in Schweinfurt gute Ideen für mehr Nähe trotz Distanz.
Vor dem Marienstift in Schweinfurt halten Charlotte, Peter und Chris Neckermann Schilder hoch. Die Nachricht ist für Oma Anita gedacht. Ein Stück Nähe in Zeiten der wegen des Coronavirus nötigen Distanz. Unter ihr leidet mancher Bewohner in den Senioreneinrichtungen, die inzwischen alle für Besucher geschlossen sind. Foto: Jasmin Singh-Neckerman

Anita Neckermann steht am Fenster des Marienstifts in Schweinfurt und winkt. Die kleine Gruppe, zu der sie sieht, winkt ebenfalls. Ihr Sohn Chris, ihre Enkel Charlotte und Peter halten Schilder hoch. "Wir haben dich lieb", steht darauf. "Anita, kannst Du es sehen, wir haben dich lieb, Anita", ruft Jasmin Singh-Neckerman zum Fenster hoch, während sie die Szene filmt. Es ist ein Gänsehautmoment, einer, der zeigt, wie Nähe in Zeiten von Distanz aussieht.

Distanz, die einerseits nötig ist, andererseits schmerzt. Spätestens seit dem 20. März, mit den vom Freistaat erlassenen Ausgangsbeschränkungen sind Seniorenheime für Besucher geschlossen. Senioren gehören zur Risikogruppe. Viele Bewohner, viele Angehörge verstehen das, doch es tut weh, seine Familie nicht mehr sehen, nicht mehr umarmen zu können. Auch wenn sich die Schwestern im Marienstift "liebevoll" um die Bewohner kümmern, wie Jasmin Singh-Neckermann sagt – die Ausnahmesituation trifft Bewohner wie die 84-Jährige Anita Neckermann ins Mark. Tränen am Telefon. Die Familie ist nah und doch fern.

Anita Neckerman macht die Trennung von ihrer Familie zu schaffen. Umso mehr freut sich die 84-Jährige über die Aktion. Foto: Jasmin Singh-Neckerman

Wie gehen Seniorenheime in Schweinfurt damit um? Die Antwort nach einer Umfrage bei einigen Heimen zeigt: Bei Bewohnern und Angehörigen herrscht weitgehend Verständnis. Problematisch ist die Situation vor allem für Menschen, die an Demenz leiden, die Situation nicht nachvollziehen können. Die Teams in den Heimen suchen kreative Lösungen wie Bild-Ton-Telefonie, zum Beispiel via Skype, rufen Angehörige auf, Briefe zu schreiben, versuchen die weggebrochene soziale Nähe aufzufangen. Und stehen selbst vor großen Herauforderungen.

Balanceakt zwischen Schutz und Menschenwürde

Die Balance zwischen dem nötigen Schutz und der Würde der Menschen zu halten, nennt es Holger Korb, Leiter des Friederike-Schäfer-Heims. "Die Menschen wohnen hier", sagt Korb. Das Heim sei ein Zuhause, keine Anstalt. Und doch muss man in der Coronakrise Abstriche machen. Gruppenangebote gibt es hier – wie überall in den Heimen – nicht mehr. Das gemeinsame Essen im Speisesaal, gestrichen. Gottesdienste ebenfalls. Beschäftigungstherapie nur noch in Einzelbetreuung. Die meisten verstehen das, sagt Korb, sowohl Bewohner als auch Angehörige, die nun verstärkt anrufen. Es gibt aber auch Bewohner, die trotz allem nach draußen, in die Stadt möchten, trotz aller Erklärungen. Sind sie mobil, dürfen sie das – wie jeder von uns – alleine auch weiterhin. Sie kehren aber schon nach wenigen Minuten zurück, sagt Korb. Schließlich ist in der Stadt nichts los.

Das Wichtigste sei nun, Bewohner und Personal so gut es geht zu schützen, betont der Einrichtungsleiter. Ein Satz, der für alle befragten Heime gilt. Er ist oberstes Gebot in einer Zeit, in der die Heime versuchen, so gut wie möglich den schlimmsten Fall zu verhindern und sich gleichzeitig genau darauf vorbereiten müssen. Schon in einigen Einrichtungen in Schweinfurt gab es erste Verdachtsfälle, bei Bewohnern und/oder Mitarbeitern. Bestätigt hat sich bisher keiner.

Einrichtungen arbeiten Notfallpläne aus, das Personal zieht mit

Notfallpläne wurden überall ausgearbeitet. Was, wenn es Infizierte gibt, wenn Teile des Teams ausfallen, weil sie selbst krank oder in Quarantäne sind? Auch bei der Diakonie liegt die Antwort sozusagen in der Schublade. Volker Göbel, Geschäftsbereichsleiter für die Heime der Diakonie, die nicht nur in Schweinfurt, sondern in der ganzen Region Einrichungen betreibt, ist da vor allem dem Personal "sehr dankbar". Teams für dieses Notfallszenario zu finden, sei nicht schwer gewesen, im Gegenteil. Viele Freiwillige hätten sich gemeldet, die notfalls auch in Gruppen drei bis fünf Tage abwechselnd 24 Stunden in den Heimen bleiben würden.

Caritas-Vetreter: Beim Thema Schutzausrüstung ist der Staat gefordert

Das Thema Hygiene ist hier, wie in allen Senioreneinrichtungen, schon immer ein großes. In diesen Tagen noch mehr. Die Caritas Würzburg, die in Unterfranken 14 Pflegeeinrichtungen betreibt, zwei davon in Schweinfurt (Haus Maria Frieden und das Marienstift), hat sich in ihren Krisenstab auch einen externen Hygienebeauftragten geholt. Alle Mitarbeiter tragen inzwischen Mundschutz, sagt Georg Sperrle, Geschäftsführer der Caritas-Einrichtungen gGmbH. "Wir tun alles, um präventiv tätig zu sein." Alles, um eine Infektion zu vermeiden.

Und: man bereitet sich auf den schlimmsten Fall vor, darauf, wenn es einen bestätigten Corona-Fall in einem der Heime gibt. Dafür stehe Schutzausrüstung bereit: Masken, Brillen, Schutzanzüge. Doch um einen Erkrankten auf Dauer betreuen zu können, wäre der jetzige Bestand zu klein, sagt Sperrle offen. Er sieht die staatlichen Stellen in der Pflicht, die Heime entsprechend auszustatten. In der Hinsicht bewege sich nun etwas.

Augustinum: Viele Bewohner sind dankbar für die Schutzmaßnahmen

Und wie geht es den Bewohnern? Die Leitung der Einrichtungen in Schweinfurt hätten den Eindruck, dass die meisten gut mit der Situation zurecht kommen, meint Sperrle. Mehr noch, viele seien "dankbar", dass die Einrichtungen alles versuchen, um Bewohner und Mitarbeiter zu schützen, sagt Matthias Steiner, Leiter der Unternehmenskommunikation der Augustinum-Seniorenresidenzen. In allen bundesweit 23 Einrichtungen gilt seit 18. März ein striktes Betretungsverbot für "betriebsfremde Personen", also auch Besucher. "Im Augustinum haben wir generell eine hohe Betreuungsintensität, das zahlt sich auch in der Krise aus", so Steiner. Zwar gebe es keine Angebote mehr, bitte das Haus die Senioren, in ihren Wohnungen zu bleiben, der enge Kontakt aber bleibe – zum Beispiel über Telefon oder auch die persönliche Betreuung, vor allem bei Demenzpatienten.

Im Haus an den Mönchskutten in Schweinfurt, einer Einrichtung der Korian-Unternehmensgruppe, versucht man jetzt nicht nur mit Skype den Kontakt zwischen Bewohnern und Angehörigen zu stärken. Das Haus hat auf seiner Homepage und in den sozialen Netzwerken auch eine Briefaktion gestartet, dazu aufgefordert, dass Menschen wieder Briefe schreiben, Enkel Bilder für Omi und Opa malen. Die Krise macht erfinderisch, auch in den Heimen. Und sie macht denjenigen, die nun getrennt sind, vielleicht auch noch einmal mehr klar, wie wichtig sie einander sind.

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