HAMBACH

Damit Rebhuhn und Lerche eine Chance haben

Damit Wildkräuter im Acker eine Chance erhalten, können Lichtstreifen gelassen werden oder die Aussaat dünner erfolgen. Foto: Silvia Eidel

Ist es denn wirklich so schlimm? Ja, ist es! Der Rückgang der Artenvielfalt in Europa ist in der Fachwelt längst bekannt, in der breiten Öffentlichkeit erhält das Thema bei uns jetzt verstärkte Aufmerksamkeit. Der Landkreis Schweinfurt ist, was das Verschwinden von Vögeln oder Insekten anbelangt, keine Ausnahme. Was Landwirte, speziell ökologisch wirtschaftende, aber auch Kommunen oder jeder Einzelne dagegen tun können, war Thema eines Info-Abends.

Von 1980 bis 2010 hat das Rebhuhn um 94 Prozent abgenommen, die Feldlerche um 48 Prozent, die Goldammer um 42 Prozent. Auch bei Insekten, nötig zum Bestäuben der Pflanzen, sieht es nicht besser aus und Ackerwildkräuter sind zu einem Drittel vom Aussterben bedroht. Mit solchen Zahlen konfrontierte Katharina Schertler, Naturschutzberaterin beim Anbauverband Bioland, die gut 50 Zuhörer im Hambacher Gasthaus zum Hühnernest.

Empfehlungen für die Praxis

Öko- und konventionelle Landwirte, Vertreter von Kommunen, Verbänden, aber auch Organisationen wie der Streuobst-Initiative Hausen oder Imker waren gekommen, um Praxis-Empfehlungen zu erhalten.

Hinter dem Abend standen die drei unterfränkischen Öko-Modellregionen Oberes Werntal, Waldsassengau und Rhön-Grabfeld, das Landwirtschaftsamt Karlstadt mit seinem Fachzentrum Agrarökologie, die Öko-Akademie Bamberg und die LVÖ, die Landesvereinigung für den ökologischen Landbau.

Dass in Deutschland die Landwirtschaft als Schuldiger am Pranger steht, verhehlte Schertler nicht. Fakt ist, dass der Rückgang der genannten Arten gekoppelt ist an die Ackernutzung, dass die moderne Landbewirtschaftung ihren Tribut fordert.

Unkraut ist auch im Biobetrieb ein Problem

Fakt ist auch, so Schertler, dass laut zahlreicher Studien die Biodiversität in der Regel im Öko-Landbau höher ist. Aber auch Biobetriebe können sich nicht aus der Verantwortung stehlen: Auch dort wird intensiv, wenn auch nicht chemisch, sondern mechanisch, das „Unkraut“ oder Beikraut reguliert. Auch dort nehmen Spezialbetriebe und eine intensive Fruchtfolge zu.

Dennoch bleibe es Aufgabe, etwas für die Artenvielfalt zu tun, appellierte Schertler, was oft auch mit kleinen Maßnahmen möglich sei. Beispielsweise Reststreifen des Kleegras stehen zu lassen, damit Falter, Vögel oder Feldhasen zu ihrem Recht kämen. Für brütende Feldlerchen sei ein später erster Schnitt des Kleegras wichtig oder auch der Anbau von Sommerkulturen wie Sommergerste. „Biertrinken ist Feldlerchenschutz“, nannte die Naturschutzberaterin plakativ eine Möglichkeit.

Lichtstreifen zwischen den Kulturen

Um Ackerwildkräuter zu erhalten und zu fördern, genüge eine kleinflächige Extensivierung. Etwa Lichtstreifen zwischen den Kulturen, dünneres Einsäen am Feldrand, sparsamer Striegeleinsatz, verspäteter Stoppelumbruch. Zwar müsse der Landwirt an die diversen Möglichkeiten denken und sie in sein Wirtschaften einbauen, meinte Schertler. Aber es koste wenig und die Natur profitiere.

Auch Maßnahmen wie Blühstreifen und -flächen, wildtier- und insektenfreundliches Mähen oder Reststreifen auf Wiesen seien wirksame Möglichkeiten. Neuanlagen von Hecken seien sinnvoll für die Artenvielfalt und dienten gleichzeitig einer Ertragssteigerung: weil sie als Windbremse fungieren und die Verdunstung minimieren. Dazu gebe es Fördermöglichkeiten nach der Landschaftspflege- und Naturpark-Richtlinie (LNPR), informierte die Beraterin.

Vernetzung der Lebensräume wichtig

Wichtig sei grundsätzlich eine Vernetzung der verschiedenen Lebensräume und ihre richtige Pflege, wandte sie sich an die Landwirte, aber auch an Gemeinden und private Grundstücksbesitzer. Das Wissen, wann welche Flächen, Gräben oder Hecken mit welchem Ziel gemäht oder gemulcht werden müssten, sei unabdingbar. Und: Eine von manchem als unordentlich empfundene Landschaftsteile gehörten dazu.

Vorschläge, wie auch Nicht-Landwirte zur Artenvielfalt beitragen könnten, zielten auf Dachbegrünung, Kleinstbiotope wie Totholz, Stein- und Holzhaufen, Fassadenbegrünung, insektenfreundlichen Stauden im Garten, sinnvollen Insektennisthilfen oder Nistkästen.

Ein Landwirt ist auch Unternehmer

Zu den vielen Vorschlägen kam aus dem Besucherraum der Einwand, dass der Landwirt aber bezahlt werden müsse, dass er Unternehmer und nicht nur Landschaftspfleger sei. Dazu hatte zum Einstieg des Abends Anne Wischmann vom AELF Karlstadt und Wildlebensraumberaterin Unterfranken referiert. Sie erläuterte staatliche Fördermöglichkeiten nach dem Kulturlandschaftsprogramm (Kulap) und dem Vertragsnaturschutzprogramm (VNP), die vor allem von konventionellen Landwirten beantragt werden.

Unter den zahlreichen, mit diversen Einschränkungen aufgeführten Fördermöglichkeiten gibt es für Öko-Bauern einige Möglichkeiten, etwa die Umwandlung von Ackerland zu Grünland in sensiblen Gebieten. Allerdings, so die Kritik, sei das pro Betrieb beschränkt, auf maximal fünf Hektar.

In der Diskussion regte Bernhard Schwab, Fachberater für Öko-Landbau am AELF Bamberg, an, dass sich neue Geschäftsfelder für Landwirte ergeben könnten, wenn sie gegen Entlohnung beispielsweise Streuobstwiesen richtig pflegen.

Streuobstwiesen wie hier bei Obbach bieten einer Vielfalt von Arten einen Lebensraum. Foto: Silvia Eidel
Extra ausgesäte Blühstreifen und Blühflächen in der Kulturlandschaft bieten Insekten das ganze Jahr über Nahrungsmöglich... Foto: Silvia Eidel
Um blühende Ackerwildkräuter für Insekten zu schaffen, ist das richtige Mähen an den Feldrändern wichtig. Foto: Silvia Eidel
Selten und vom Aussterben bedroht ist der Ackerrittersporn, der hier in einem Feld des Naturland-Betriebs Schlossgut Obb... Foto: Silvia Eidel

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