Eßleben

Damit der Übergang in den Ruhestand nicht schiefgeht

Jahrzehntelang hat der Job das Leben strukturiert. Mit dem Eintritt in den Ruhestand fällt dieses Gerüst plötzlich weg. Wie geht man als Neu-Rentner am besten damit um?
So nicht! Als Neu-Ruheständler Heinrich Lohse geht Loriot seiner Umwelt gehörig auf die Nerven. Szene aus der Filmkomödie "Pappa ante Portas" mit Dagmar Biener. Foto: imago/United Archives

An einem Märzmorgen des Jahres 2018 schnürte Bernhard Weisenberger die Wanderschuhe und machte sich auf den Weg. Er klappte die Gartentüre seines Hauses im Wernecker Ortsteil Eßleben hinter sich zu und lief – bis Santiago de Compostela im Nordwesten von Spanien. 2800 Kilometer. „Ich wollte schon immer mal auf dem Jakobsweg pilgern. Zudem brauchte ich Zeit zum Nachdenken. Über mein bisheriges Leben und darüber, wie ich es in Zukunft gestalten will“, erzählt er. Nachdenken tat not: Der heute 62-Jährige hatte altersbedingt mit dem Arbeiten aufgehört.

Der Eintritt in den Ruhestand – ob in die Rente oder die passive Phase einer Altersteilzeit wie bei dem Eßlebener Informatiker – ist der Übergang zu einem neuen Lebensabschnitt. Die meisten kommen gut damit zurecht, so Tanja Bipp, Professorin für Arbeits- Betriebs- und Organisationspsychologie an der Würzburger Universität. Bei einer Langzeitstudie seien repräsentativ ausgewählte Personen 30 Jahre lang Jahr für Jahr nach der "Lebenszufriedenheit" gefragt worden – 15 Jahre vor bis 15 Jahre nach dem Termin der Verrentung. "Bei rund drei Vierteln gab es keine Veränderung", so die Professorin. Zehn Prozent gaben an, es ginge ihnen im Ruhestand besser. Schlechter fühlten sich 15 Prozent.

Rechtzeitige Planung ist wichtig

Der Grad der Lebenszufriedenheit hänge natürlich stark mit dem Gesundheitszustand zusammen, so Tanja Bipp. Auch Geld spielt eine Rolle – darin sieht sie einen Grund, warum sich in der Gruppe der Unzufriedenen mehr Frauen als Männer finden: "Es ist ja immer noch so, dass Frauen finanziell meist schlechter gestellt sind als Männer."

Viele Menschen definierten sich über ihren Beruf, so die Psychologin. Zudem habe "die Arbeit viele psychosoziale Funktionen. Sie strukturiert den Tagesablauf. Sie bietet Sozialkontakte mit Kollegen." Der Neu-Ruheständler steht nach Jahrzehnten nun plötzlich ohne solch ein Gerüst da. Er wird wahrscheinlich ziemlich lange ohne dieses Gerüst zurechtkommen müssen: Wer in Rente geht, kann bei der heutigen Lebenserwartung damit rechnen, 20 Jahre sinnvoll verbringen zu müssen – in etwa ein Viertel seines Lebens.

Also sollte man den Ruhestand planen, rät Tanja Bipp – "nicht nur finanziell. Und man sollte nicht erst ein Jahr vorher damit anfangen." Wer sich beizeiten mit der anstehenden Veränderung auseinandersetze, komme mit dem Übergang besser zurecht, das zeige die Forschung.

Es gibt keine Pauschallösung

Der Rentner in spe könnte sich etwa fragen: Was macht mir Spaß? Was wollte ich schon immer mal machen? Welche Rolle möchte ich im Ruhestand für die Familie oder die Gesellschaft einnehmen? Gibt es noch Ziele, die ich erreichen möchte? Pauschallösungen gebe es aber nicht. Jeder muss seinen individuellen Weg finden. Weil die Gesundheit ein wichtiger Faktor ist, sollte man sich auch fit halten, Sport treiben, sich bewegen.

Auszeit am Beginn des Ruhestands: Pilger Bernhard Weisenberger in Santiago de Compostela Foto: Weisenberger

Wer schon als Berufstätiger Hobbys pflegte, tut sich leichter. Bernhard Weisenberger ist seit Jahrzehnten im örtlichen Musikverein aktiv. Nach seiner dreieinhalbmonatigen Pilgerreise-Auszeit engagiert er sich zudem in der Nachbarschaftshilfe des Marktes Werneck, erledigt kleine Haus- und Gartenarbeiten. Und er macht einen Baumpflegekurs. Bäume, Sträucher, Pflanzen: Dafür hat er sich schon immer interessiert. Bloß war da halt zu wenig Zeit. In seinen letzten zwölf Berufsjahren war der Computermann täglich vier Stunden mit der Bahn unterwegs – zu seinem Arbeitsplatz nach Nürnberg.

Angeregt von den Erfahrungen ihres Mannes mit dem Nicht-mehr-arbeiten-müssen und von ihren eigenen Erfahrungen als ehrenamtliche Familienberaterin der LFB, der Ländlichen Familien-Beratung in der Diözese Würzburg, hat sich auch Silvia Weisenberger mit der Thematik auseinandergesetzt. Über das Bildungswerk der Katholischen Landvolkbewegung (KLB) bietet sie einen entsprechenden Vortrag an.

Einfach so in den Tag hinein zu leben, das funktioniere auf Dauer nicht, sagt die 60-Jährige. "Nur Lesen und Fernsehgucken, das erfüllt nicht. Ich höre immer wieder, wie wichtig es ist, die Tage zu strukturieren." Soll heißen: Aufstehen, Mahlzeiten, zu Bett gehen sollten einem einigermaßen festen Schema folgen. Und vor allem: "Man muss selbst aktiv werden." Denn Aufgaben kommen auf den Rentner eben nicht mehr einfach von Außen zu, wie zu Zeiten der Berufstätigkeit.

Das Verhältnis zum Partner

"Beim Übergang in den Ruhestand kann es auch helfen, die Arbeitsstunden langsam zurückzufahren", so Professorin Bipp. Oder, wenn möglich, den Betrieb weiter unterstützen nach der Pensionierung, um zum Beispiel die eigene Erfahrung weiterzugeben.

Auf dem Land sei der Übergang leichter als in der Stadt, vermutet Silvia Weisenberger: Viele haben ein Haus, einen Garten oder können als Altenteiler noch in der Landwirtschaft helfen – Aufgaben, die für viele Städter wegfallen. Doch Vereine gibt es überall. Und auch in der Familie gibt es Möglichkeiten, sich zu kümmern. Die Weisenbergers – Eltern von vier Kindern, die schon aus dem Haus sind – haben jetzt immer wieder "Enkelzeit" wie sie es nennen.

Womöglich muss auch das Verhältnis zum Partner, zur Partnerin neu justiert werden: Man ist ja nun viel öfter zusammen. Psychologin Bipp rät, gemeinsam zu planen, wie der Ruhestand ablaufen soll.

Wie's nicht geht, zeigte Loriot in "Pappa ante Portas": Der frisch verrentete Heinrich Lohse geht seiner Gattin gehörig auf die Nerven. Auch wenn der Film eine Komödie ist: Sowas kann schon passieren . . .

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