SCHWEINFURT

Das Ankerzentrum ist gestartet

Das Zimmer 230 ist bislang die einzige Neuerung in der Schweinfurter Erstaufnahmeeinrichtung, die seit 1. August ein Ankerzentrum ist. Leiter Alexander Warkotsch erklärt, dass in der Rechtsantragsstelle des Bayerischen Verwaltungsgerichts Flüchtlinge ihre Klage gegen ablehnenden Asylbescheid protokollieren lassen können. Foto: Anand Anders

Das Zimmer 230 mit dem Schild „Rechtsantragsstelle des Bayerischen Verwaltungsgerichts“ ist das einzig sichtbare Neue in der Erstaufnahmeeinrichtung in Schweinfurt, die seit dem 1. August offiziell nun Ankerzentrum ist. Hier können künftig Asylbewerber ihre Klage gegen einen ablehnenden Asylbescheid protokollieren lassen. Bislang mussten sie dafür nach Würzburg fahren. „Das ist eine echte Erleichterung für die Flüchtlinge“, sagt Alexander Warkotsch, der Leiter der Einrichtung.

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Alexander Warkotsch im Interview

Im Gang neben dem Zimmer 230 wird sich auch das Jobcenter der Bundesagentur für Arbeit ansiedeln. Die zweite Neuerung. Denn Flüchtlinge mit guten Bleibeperspektiven sollen möglichst schnell in den Arbeitsmarkt integriert werden. Vor Ort sollen noch während des Asylverfahrens die möglichen Betätigungsfelder ausgelotet werden. „Das ist eine tolle Sache, weil Beschäftigung für die Flüchtlinge wichtig ist“, weiß Warkotsch.

Berufsschulunterricht im Ankerzentrum

Dritte Neuerung ist die Einrichtung einer Berufsintegrationsklasse direkt vor Ort. Bislang werden berufsschulpflichtige Flüchtlinge ins benachbarte Berufsschulzentrum geschickt, künftig werden die Lehrer ins Ankerzentrum kommen. Ist das nicht Isolation statt Integration? Warkotsch sagt Nein. „Wir kasernieren hier ja niemanden ein!“ Die Flüchtlinge könnten sich frei bewegen, in die Stadt gehen, Veranstaltungen besuchen, Sportvereine aufsuchen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Aber das kostet Geld. Und das werden Flüchtlinge nicht mehr haben, wenn – wie Ministerpräsident Markus Söder angekündigt hat – in den Ankerzentren von Geld- auf Sachleistungen umgestellt wird. Auch da soll es eine Lösung geben: „Wir werden die soziale Teilhabe mit einem Gutscheinsystem oder Wertmarken ermöglichen“, kündigt Warkotsch an. Ein Plan wird noch ausgearbeitet. Die Umstellung auf das Sachleistungsprinzip soll deshalb nicht ad hoc, sondern mittel- und langfristig erfolgen.

Und noch eine Neuerung: Im Ankerzentrum wird es sogenannte Erstorientierungskurse für die Flüchtlinge geben. „Da geht es um Wertevermittlung und darum, wie das gesellschaftliche Leben bei uns funktioniert“, erklärt Warkotsch. Die Kurse werden die Johanniter im Auftrag des Bundesamts für Migration durchführen.

Prozesse werden gebündelt

Alles ruhig am ersten Tag in der zum Ankerzentrum umfirmierten Erstaufnahmeeinrichtung in Schweinfurt. Foto: Anand Anders

Unterm Strich sieht Warkotsch erst einmal keine Nachteile. „Ein Ankerzentrum ist ja auch eine Aufnahmeeinrichtung, nur dass die einzelnen Prozesse des Asylverfahrens hier gebündelt werden.“ Das habe den Vorteil, dass „Flüchtlinge schneller einen Bescheid über ihren Aufenthaltsstatus erhalten, dass sie schneller im Arbeitsmarkt integriert werden und dass sie – unabhängig von ihrer Bleibeperspektive – frühzeitig an die Hand genommen werden, um sich besser zu integrieren“.

Eines räumt Warkotsch allerdings ein: „Aggressionen unter Flüchtlingen sind nicht auszuschließen.“ Der Sicherheitsdienst wurde bereits aufgestockt auf aktuell 24 Kräfte und soll ab 2019 auf 50 Personen erhöht werden – vor allem im Hinblick auf die Verlegung des Ankerzentrums Mitte nächsten Jahres in die größeren Conn Barracks vor den Toren der Stadt. An der Kapazität von maximal 1500 Flüchtlingen soll sich aber nichts ändern, versichert Warkotsch.

Start von Demonstration in Würzburg begleitet

Bayernweite Demo gegen die AnkER-Zentren
Um die 100 Menschen demonstrieren am Mittwoch in der Innenstadt in Würzburg gegen die sogenannten AnkER-Zentren. Foto: Daniel Peter

Doch ihre Arbeit haben die Ankerzentren in Bayern nicht ohne heftige Kritik aufgenommen. Flüchtlingshelfer und die Opposition warnen vor einer Gettoisierung und kritisieren die Zentren als „Abschiebelager“. „Es ist eine Schande, dass die CSU-geführte Staatsregierung in dieser menschenfeindlichen Weise Wahlkampf auf dem Rücken von Flüchtlingen macht“, sagte etwa Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat.

Auch in Würzburg gab es am Mittwoch Proteste. Bei einer Demonstration, zu der die Initiative Bleiberecht aufgerufen hatte, zogen 70 bis 100 Teilnehmer durch die Stadt. Sie skandierten unter anderem, die CSU sei „Rassistenpack“. Prominentester Teilnehmer war Hochschulpfarrer Burkhard Hose, der sich seit langem gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus engagiert und für Migranten einsetzt. Die Ankerzentren, die es bisher nur in Bayern gibt, sollen Asylverfahren und damit auch Abschiebung oder Rückführung derjenigen Migranten beschleunigen, die kein Bleiberecht haben. Standorte sind Manching, Donauwörth, Zirndorf, Regensburg, Deggendorf, Bamberg und Schweinfurt.

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