HERLHEIM

Das Haus mit den zwei Dächern

Dach überm Dach: Seit Jahren ist in der Herlindenstraße Herlheim dieses Notdach und darunter einer der ältesten Bauernhöfe im Landkreis zu erblicken, der gut 400 Jahre alte Riehlshof. Die Interessengemeinschaft Bauwerkerhalt will heuer die Sanierung fortsetzen. Foto: Brigitte Pfister

Zunächst blieben Vorbeikommende neugierig stehen und informierten sich über die ins Auge fallende Konstruktion mitten in Herlheim. Nachdem sich nach Jahren allerdings immer noch nichts geändert hat, wird häufig nur noch verständnislos oder gar verärgert der Kopf geschüttelt und das nicht nur von Dorfbewohnern.

Mitten auf der Südseite der Herlheimer Herlindenstraße, der Hauptstraße des Dorfes, fällt seit nun bald sechs Jahren der Blick auf ein Dach mit Trapezblechplatten, das auf einem Gerüst steht. Beinahe versteckt, entdeckt man darunter ein kleines Gebäude. Dieses 400 Jahre alte sogenannte Wohnstallhaus soll durch das Notdach vor Wind und Wetter geschützt werden, bis nach einer Renovierung das Dach des Hauses diese Funktion wieder übernimmt.

Begonnen hat die Geschichte des Dachs über dem Dach kurz vor Weihnachten 2008, als ein Teil des Daches des alten Hauses einstürzte. Eigentlich wollte der Besitzer das Gebäude beseitigen lassen. Die Abrissgenehmigung hatte er bereits erhalten. Das wusste dann allerdings Matthias Braun, ein Freund und Bewahrer alter historischer Gebäude, zu verhindern.

Zusammen mit dem damaligen Kreisheimatpfleger Longin Mößlein überzeugte er den Eigentümer, dass das Haus ein Denkmal sei und erhalten bleiben müsse. Letztendlich kaufte die Interessengemeinschaft (IG) für Bauwerkerhalt, Umwelt und Kulturpflege, deren Vorsitzender Braun ist, das Gebäude in Herlheim mitsamt Grundstück und Nebengebäuden.

In der folgenden Zeit herrschte dann rund um das Gebäude eine rege Tätigkeit. Zahlreiche Helfer entfernten den beschädigten Teil des Daches und im Frühsommer 2009 wurde das Notdach zum Schutz der Bausubstanz errichtet. Experten und Liebhaber alter Bauwerke, darunter Thomas Eißing von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg mit Studenten der Denkmalpflege, beschäftigten sich in der Folgezeit intensiv mit dem alten Haus und fanden Erstaunliches heraus.

Erbaut wurde es im Jahre 1608. Teile können sogar noch älter sein. Viele Veränderungen gab es am Haus in den 400 Jahren seit dem Bau nicht. Es ist noch sehr ursprünglich erhalten, mit vielen Details aus der Erbauerzeit. Auch das Gehölz des Dachstuhles stammt aus dieser Zeit. Die Sparren sind aus Fichtenholz, das als Floßholz aus dem Frankenwald antransportiert wurde.

Bei Tagen des offenen Denkmals wurde das Gehöft der Öffentlichkeit präsentiert und stieß auf großes Interesse. Longin Mößlein hat dafür eine Beschreibung von Haus, Nebengebäuden und Grundstück erstellt, in der er auch auf das bäuerliche Leben früher einging.

Das Gehöft ist ein Teil eines ehemaligen Ebracher Zehnthofes, von denen es in Herlheim neun gab, hat Mößlein recherchiert. Wahrscheinlich war das Anwesen Wohnstätte eines Schultheißes, was den repräsentativen Raum im Dachgeschoss des Hauses erklären würde. Ebenfalls im Dachgeschoss stellt die Ritzzeichnung eines Mannes mit Pluderhose und Federhut im Verputz eine Besonderheit dar. Nach vielen Untersuchungen und Vorarbeiten, nach all der Betriebsamkeit zu Beginn, sind seit dem Tag des offenen Denkmals im September 2012 die Aktivitäten zum Erliegen gekommen. Dies führt im Dorf zu einigen Spekulationen und Mutmaßungen. Befürchtet wird vor allem, dass das Notdach bis zum Sankt Nimmerleinstag stehen bleibt.

Direkt betroffen ist die unmittelbare Nachbarin Maria Rudolph. Einigen Nebenräumen ihres Hauses wird ihr durch das Notdach das Tageslicht genommen, bei Starkregen kann ihre Hauswand in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Familien Pfister und Kopp auf der gegenüberliegenden Straßenseite nervt vor allem der seit Jahren andauernde tagtägliche Anblick der Noteinhausung. Deshalb sprechen sie dieses Ärgernis jedes Jahr bei der Bürgerversammlung an.

Das Gebäude ist sicher historisch bedeutend, antwortet Bürgermeister Horst Herbert auf Nachfrage. Allerdings kann es nicht im derzeitigen Zustand bleiben und das Gerüst nicht für ewige Zeiten auf öffentlichem Grund stehen bleiben. Eigentum verpflichte, das heiße, die IG müsse etwas aus dem Gebäude machen. Dazu brauche der Verein Fördergelder, die wiederum nur bei einem überzeugenden Nutzungskonzept gewährt würden. Und dieses liege immer noch nicht vor. Deshalb sei er skeptisch gegenüber Ankündigungen einer baldigen Renovierung, so das Gemeindeoberhaupt.

Matthias Braun bezeichnete Befürchtungen, dass nichts weiter geschehe, als grundlos. Bei solchen Vorhaben, besonders wenn sie von einem gemeinnützigen Verein durchgeführt werden, „mahlen die Mühlen langsam“. Es benötige Zeit, um aus verschiedenen Töpfen Fördergelder zu erhalten damit die Sache finanziert werden kann.

Jetzt arbeite man eng mit dem Landesamt für Denkmalpflege, der Stiftung Denkmalschutz und weiteren Institutionen zusammen, und die finanzielle Unterstützung sei in Sicht. Bereits in diesem Sommer sollen erste Ausbesserungsarbeiten am alten Gemäuer durchgeführt werden, berichtete Braun weiter. Für das nächste Jahr sei die Sanierung des Daches geplant. Danach könnte das Notdach entfernet werden. Wie das Haus nach der Renovierung genutzt werden soll, sei noch nicht beschlossen. Hierfür habe man noch Zeit.

Auch für den neuen Kreisheimatpfleger Stefan Menz ist das historische Anwesen erhaltenswert. Bei einer Führung mit den Verantwortlichen der IG und seinem Vorgänger Longin Mößlein, war er sehr angetan. Er versprach, seine Verbindungen zu nutzen und sich für eine Unterstützung einzusetzen.

Die stellvertretende Landrätin Christine Bender wünscht sich ebenfalls dass das Haus renoviert wird. Allerdings solle es nicht nur einfach instand gesetzt werden. Wichtig sei zunächst ein überzeugendes, lebendiges Konzept für die Nutzung des Gebäudes zu finden. Positiv wäre es, die Dorfgemeinschaft einzubinden. Gut wäre es, eine Lösung zu finden, die nicht nur für Fremde, sondern auch für die Dorfbewohner zweckdienlich wäre. „An Liebhaber günstig abzugeben“, ist auf der Internetseite der IG zu lesen. Man sei auch für diese Möglichkeit offen, sagte Matthias Braun auf Nachfrage. Ein Käufer müsste aber das Gebäude erhalten und eine Lösung im Sinn der IG finden.

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