SCHWEINFURT

Das Sachs-Stadion auf Wolke 7

Open Air in Schweinfurt: Knapp 10 000 Besucher waren beim Herbert-Grönemeyer-Konzert im Willy Sachs Stadion mit dabei. Foto: Christoph Weiß

Auch mit 59 ist er noch Kult – und ein Ausdauerprofi noch dazu. In Schweinfurt spielte Herbert Grönemeyer vor 10 000 Fans. Knapp drei Stunden am Stück, das soll dem Altmeister mal jemand nachmachen.

Mensch Herbert, wie die Zeit vergeht: Gerade eben, 1981, warst Du noch der rockige Jungschauspieler, der kauernd zuschauen musste, wie „Das Boot“ im brackigen Hafenwasser von La Rochelle abgesoffen ist. Jetzt bist Du schon mehr der Typ Hafenpoller.

Ein ganz besonderer, unverwüstlicher Halt für zehntausend Fans eben, der selbst nach einem optisch-musikalischen Bombardement von mehreren Stunden nicht zu Boden sinkt. Anders als „der Alte“. Bis lange nach „Land Unter“ nicht, da hast Du dich erst auf Arbeitstemperatur gesungen, beim grandiosen Ausdauer-Konzert am Main.

Grönemeyer ist auch mit 59 Kult, und Pastor Herbert feiert dazu, am Sonntag in Schweinfurt, den Kirchentag. Ok, die letzten musikalischen Predigten, nach „Mensch“, kamen für viele recht gedankenschwer daher. „Es sind halt Nachdenklieder“, sagt eine Besucherin dazu, Botschaften zum Thema Asyl, digitale Privatsphäre, Zusammenleben der Religionen, das Leben selbst.

Es hätten auch ein paar Karten mehr verkauft werden können im Willy Sachs-Stadion. Dafür herrscht eine ehrliche Andacht, wie man sie bei keinem hippen, makellosen Jungstar mehr findet.

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Grönemeyer

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Als eine Art Introitus aufflackert, oben auf den Leinwänden steht die ganze Gemeinde geschlossen auf, von der Abdeckmatte auf dem Fußballrasen: Wow. „Ich seh ne, ich seh ne“, flüstert einer: „Da ist irgendjemand Blondes.“ Falscher Alarm. Die ersten setzen sich wieder. Bis zum eigentlichen Auftritt dauert es noch etwas.

Schweinfurt, ich komm zu dir: Aus Sindelfingen und Wiesbaden sind die Autos angereist, in den benachbarten „Ledward Baracks“ gibt es dort, wo einst Panzer rangiert wurden, erstmals einen großen, friedlichen PKW-Parkplatz.

Manch einer im Publikum könnte mit dem klassischen Grönemeyer verwechselt werden, sogar die Bierbecher zeigen das Konterfeit des herben Blonden. Ein Gruppe Münchner im gesetzteren Alter schwärmt von den Zeiten mit „Flugzeugen im Bauch“. Heute heißt es beim Meister also: Kugellager im Bauch.

Herbert kommt, dank Sehrohr-Vergrößerung auf der Leinwand in ganzer, geschmeidiger Pracht zu sehen. „Herbert“, schallt es aus dem Fußballstadion. „Ihr haltet die Spannung“, bedankt sich einer der populärsten deutschen Künstler bei der Kurve unter den Bäumen. Es herrscht Volksfestatmosphäre: Selfies Richtung Mega-Bühne werden gemacht, ein Banner fordert „Currywurst“, bei „Bochum“ halten Zwei hinterm Stadiongitter einen VfL-Schal in die Höhe.

Künstler und Publikum scheinen mit sich, nein, fast schon sämtlichen Elementen um sich herum im Einklang. Es herrscht ja auch ideales Konzertwetter, frühsommerlich warm mit frischem Lüftchen, oben drehen Schwalben ihre Kreise.

Rechtzeitig zu Neuer Tag („Die weißen Wolken zieh'n wie ein, ein heller See“) türmt sich ein prachtvoll leuchtendes Atlantik-Wolkenpanorama a la U96 über der Stadt, im Wettbewerb mit dem Kunsthimmel auf den Bildschirmen. Bei „Roter Mond“ wandern erneut verzauberte Blicke nach oben: Gerade jetzt steigt der echte, runde Himmelskörper über den Wipfeln auf: Wie macht der Mann das bloß? Vor allem die alten Songs gehen wie Alkohol sofort ins Blut. Zu „Was soll das?“ groovt sogar die hübsche Johanniterin mit.

Apropos: Die Schweinfurter Rettungsdienste, verstärkt durch Würzburger Helfer, berichten von einem „sehr ruhigen Verlauf ohne schwere medizinische Zwischenfälle“: Insgesamt 13 Fans müssen wegen leichter Verletzung oder Kreislaufproblemen behandelt werden, ins Krankenhaus kam keiner, zwei Behandlungsplätze, drei Erstversorger-Teams und vierzehn Fahrzeuge waren vor Ort.

„Die Bedingungen für das Konzert waren aus medizinischer Sicht perfekt“, heißt es in der Pressemitteilung: angenehm warme Temperaturen bis in die Abendstunden, tagsüber dank wechselndem Sonnenschein keine Gefahr für einen Sonnenstich oder gar einen Hitzeschlag.

Und wer möchte bei so einer Mucke schon ernsthaft kollabieren, wenn selbst „Gröni“ mit fast 60 keinen Feierabend zu kennen scheint? Nach Einbruch der Dunkelheit herrscht endgültig Sambastimmung in Schweinfurt, mit Wunderkerzen und Feuerzeugen, bis das Volk in gelöster Stimmung zu den Ausgängen strömt. „Es ist faszinierend, in diesem Alter“ meint eine Bad Neustädterin zu Grönemeyers Bühnenshow: „Die Atmosphäre hat von Anfang an gepasst.“

Den Bochumer auf dem Becher: Zwei Grönemeyer-Fans aus Niederwerrn warten auf den Konzertbeginn. Foto: Uwe Eichler
 
 

Bochum, Männer, Kinder an die Macht: die Fans singen begeistert mit bei #Grönemeyer. Kann man bis aufs Hochfeld hören. Foto: Chris Weiß

Posted by Schweinfurter Tagblatt on Sonntag, 31. Mai 2015

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