GEROLZHOFEN

Das Wandeltheater: „Das geht schon unter die Haut“

Am Ende treffen die beiden im Spitalgarten in Gerolzhofen aufeinander: Fürstbischof Julius Echter (1545 - 1617) und Reformator Martin Luther (1483 - 1546). Das ist natürlich nur im Theater möglich. Denn als der eine geboren wurde, hatte der andere gerade noch ein knappes Jahr zu leben.

In dem Stück „Du musst dran glauben“ geht es um das Leben in der Stadt, in der seit zwei Generationen die überwiegenden Protestanten mit den wenigen Katholiken einträchtig miteinander lebten. Damit ist es spätestens seit Februar 1586 vorbei.

Nachdem all seine Anordnungen und Maßnahmen aus Würzburg nicht griffen, kommt der seit 13 Jahren regierende Julius Echter nach Gerolzhofen und fordert bei seinem berühmt-berüchtigten Besuch höchstpersönlich die Gerolzhöfer Bevölkerung auf, wieder zum katholischen Glauben zurückzukehren. Unmissverständlich macht er als Fürst klar: Wer dazu nicht bereit ist, muss das Hochstift verlassen. Über 300 Menschen verlieren ihre Heimat, weil sie ihrem Glauben treu geblieben sind. Dies haben die Forschungen des Würzburger Professors Rainer Leng ergeben. Die „Exulanten“ ziehen in die Umgebung Gerolzhofens, etwa nach Prichsenstadt, das Ansbacher Gebiet ist.

Im Theaterstück wird die Frage nach dem „rechten Glauben“ dramatisch zugespitzt. Wie einst die Gerolzhöfer vor ihnen müssen auch die Theaterbesucher in der letzten Szene „dran glauben“. Mehr möchte Regisseurin Silvia Kirchhof nicht verraten. „Das soll eine Überraschung sein“, sagt die Schauspielerin, Sängerin und Leiterin des Kleinen Stadttheaters bei einem Rundgang durch die Altstadt Gerolzhofens.

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Wandeltheater Kostümprobe

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In wenigen Tagen ist die Uraufführung des Theaterstücks aus der Feder von Roman Rausch und Christine Weisner. Sie stützen sich nicht nur auf die Erkenntnisse von Professor Leng, sondern auch auf die Forschungen des Würzburger Historikers Robert Meier, der das Bild Echters als „Hexenbrenner“ relativiert.

In Auftrag gegeben hat „Du musst dran glauben“ die Stadt Gerolzhofen. Anlass ist das Doppeljubiläum 500 Jahre Reformation und 400. Todestag von Fürstbischof Echter. Am 31. Oktober 1517 soll Luther seine Thesen ans Portal der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben. Am 13. September 1617 starb der Fürstbischof, der als Gegenreformator in die Geschichte einging.

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Wandeltheater Ensemble

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Auch das düstere Kapitel der Hexenverfolgung wird dramatisch in Szene gesetzt, die Anschuldigungen, Denunziationen – und dazu ein skrupelloser Zentgraf, der die Situation schamlos ausnutzt. Auch die Ängste und Nöte der Bevölkerung, die in diesen Umbruchzeiten leben, werden die Theaterbesucher miterleben, ebenso ihre Freuden. Sie sind „mitten im Geschehen“, so Kirchhof.

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Wandeltheater Proben

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Das alles wird nicht auf einer einzigen Bühne präsentiert, sondern an mehreren historischen Stätten in Gerolzhofen, die direkt mit Julius Echter in Verbindung stehen. Die Besuchergruppen wandeln von Spielort zu Spielort – dazu gehören drei Kirchen und die Echtervogtei – und treffen erst im Spitalgarten zum Finale aufeinander (siehe Infokasten).

Seit einem Vierteljahr proben die annähernd 70 Darsteller – Laien und professionelle Schauspieler, Kinder und Erwachsene. Sogar die örtlichen Seelsorger sind darunter. Der evangelische Pfarrer von Gerolzhofen, Reiner Apel, kommt als prächtig gekleideter Bürgermeister Caspar Lesch daher, sein katholischer Kollege Stefan Mai als barfüßiger Armenpfründner Lukas.

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Hexen, Luther und Gerolzhofen: Hinter den Kulissen des Wandeltheaters - Das Wandeltheater führt die Zuschauer zu vier verschiedenen Orten: zur Echtervogtei, Erlöserkirche, Stadtpfarrkirche und Spitalkirche. Den Startpunkt wählt der Zuschauer selbst aus. Zu Besuch bei den Proben.

Ein Mitglied dieser Redaktion, Klaus Vogt, scheut sich nicht, in die Rolle des Bösewichts zu schlüpfen: Er gibt in den elf Vorstellungen den Zentgrafen Valentin Hausherr und muss sich dafür schon mal als „Haderlump“ schimpfen lassen. Und Silvia Kirchhof stirbt qualvoll auf dem Scheiterhaufen. „Diesen Schmerz nachzuempfinden, das geht schon unter die Haut.“

Die Regisseurin bezeichnet „Du musst dran glauben“ als ein Stück voller Emotionen. Für Pfarrer Apel ist es ein „tiefes Eintauchen in die Geschichte“ – und in eine Stadtgemeinschaft, die an den verschiedenen Meinungen zerbrochen sei. Über die Konfrontationen mit den damaligen Machtverhältnissen „musste ich schon schlucken“, meint er nach einer Probe.

Für Pfarrer Mai ist an den Spielstätten Julius Echter direkt zu spüren. Für ihn ergeben sich aus dem Stück Fragen: Was hat das mit heute zu tun? Wie gehen Menschen mit Angst um, mit Aggressionen, mit Verleumdungen. Und: Was glaube ich überhaupt noch? Hilft mir mein Glaube? „Das Stück soll zum Nachdenken anregen auf vielen verschiedenen Ebenen.“

Theater, Spielorte und Programm

Das Kleine Stadttheater Gerolzhofen inszeniert das Wandeltheaterstück „Du musst dran glauben – Luther, Echter und Gerolzhofen“ unter der künstlerischen Leitung von Silvia Kirchhof. Uraufführung ist am Mittwoch, 24. Mai. Weitere Termine: 25. bis 28. Mai sowie 1. bis 5. Juni; Spielbeginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Eine barrierefreie Veranstaltung gibt es in der Stadthalle am 4. Juni, 14.30 Uhr.

Der Zuschauer wählt beim Kauf der Eintrittskarte einen Startpunkt für das Wandeltheater aus. Da an den Spielorten jede Inszenierung in sich abgeschlossen ist, spielt es laut Angaben der Veranstalter keine Rolle, wo Zuschauer in das Theater-Karussell einsteigen. Zwischen den Spielorten begleiten Schauspieler die Theatergäste. Sie weisen den Weg und verbinden mit Spielszenen das Geschehen auf den Bühnen. Dazu gibt es musikalische und tänzerische Darbietungen sowie multimediale Einblendungen.

Die einzelnen Spielorte in der Gerolzhöfer Altstadt sind: Katholische Stadtpfarrkirche (Marktplatz), Spitalkirche (Spitalstraße 10), Echtervogtei (Bürgermeister-Weigand-Straße 5), Evangelische Erlöserkirche (Dreimühlenstraße 2). Am Ende kommen alle Zuschauer zur Abschlussszene im Spitalgarten zusammen.

Zum Begleitprogramm gehört zum Beispiel die Ausstellung „Lutherbock und Papstesel. Bildsatiren der Reformationszeit“ im Gotikmuseum Johanniskapelle (geöffnet Samstag/Sonntag 14 - 17 Uhr). Dort spricht am Donnerstag, 11. Mai, um 19.30 Uhr Professor Wolfgang Weiß (Uni Würzburg) über „Flugschriften in der Auseinandersetzung zwischen altem und neuem Glauben“.

Karten zu 26 Euro bei der Tourist-Information in Gerolzhofen, Marktplatz 20, Tel. (0 93 82) 90 35 12, bei allen bekannten Vorverkaufsstellen und über das Internet: www.du-musst-dran-glauben.de cj

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