GEROLZHOFEN

Das letzte Begräbnis erfolgte heimlich

Jüdische Bestattungskultur: Evamaria Bräuer stellt den israelitischen Friedhof in Gerolzhofen vor.
Jüdische Bestattungskultur: Evamaria Bräuer stellt den israelitischen Friedhof in Gerolzhofen vor. Foto: Matthias Beck

Ein Rundgang über den israelitischen Friedhof in Gerolzhofen war Auftakt der Veranstaltungsreihe zum Programm der laufenden Ausstellung „Mitten unter uns“. Evamaria Bräuer erläuterte rund 30 Gästen – darunter die neue Referentin für Kultur und der dritte Bürgermeister Gerolzhofens – historische Zusammenhänge und viel Interessantes aus der Geschichte und der Bestattungskultur des fränkischen Landjudentums.

Am dritthöchsten Punkt der Stadt Gerolzhofen liegen die sichtbaren 528 Grabstätten in mehr als 40 Grabreihen auf einer Fläche von etwa einem Hektar, so Bräuer. Der Hälfte der Gräber könne man eine Person namentlich zuordnen oder zumindest deren Herkunftsort nachweisen. Einen Belegungsplan gebe es nicht.

Gegründet wurde der Friedhof als Distriktsfriedhof in den Jahren 1631 bis 1632, so Bräuer. Die dort beerdigten jüdischen Familien stammten aus dem Umkreis. Zu diesem gehören Frankenwinheim, Lülsfeld, Prichsenstadt, Altenschönbach, Brünnau, Traustadt, Bischwind, Gochsheim, Euerheim, Westheim, Zeilitzheim sowie Haßfurt, Schweinfurt und die JVA in Ebrach. Auch Gräber von in Unterfranken verstorbenen Durchreisenden, zum Beispiel aus Johannesburg oder Chicago, seien dort zu finden. Mit dem Wachsen der Gemeinden wurde das Areal durch Grundstückskäufe erweitert.

Man wisse aufgrund einer urkundlichen Nennung von 50 Bestattungen im Jahr 1636, so die Gästeführerin. Der Transport der Verstorbenen sei nicht nur weit und schwierig, sondern auch teuer gewesen. Überliefert sei aus dem Jahr 1634, dass man in Würzburg für einen toten jüdischen Bürger einen Gulden als Torzoll verlangte. Sechs Pfennig habe dort der Leibzoll für einen Lebenden betragen. Sie wies darauf hin, dass sich Beispiele dieser Zollvorschriften in den Fangtexten der Ausstellung finden würden.

Die letzte offizielle Beisetzung war die des Gemeindevorstandes Willi Brodmann am 2. Februar 1942. Danach wurde der Friedhof für geschlossen erklärt. Dennoch kam es im April desselben Jahres zur heimlichen Bestattung des 73-jährigen Gerolzhöfer Kaufmanns Hermann Löbhardt. Dies geschah vermutlich mit Hilfe christlicher Bürger, denn drei Tage zuvor waren die verbliebenen Juden deportiert worden. Das vom Gras überwucherte Grab wurde erst 2001 bei einem Projekt mit Prichsenstädter Schülern wiederentdeckt.

Die Grabsteine auf dem Friedhof verlängern laut Bräuer das Andenken an den Verstorbenen. Sie stehen eng beieinander und seien nach Osten ausgerichtet. Erst zum sogenannten Jahrtag nach dem Begräbnis seien sie gesetzt worden. Grabeinfassungen und Fundamente finde man seit dem 19. Jahrhundert. Alle Bestatteten erhielten gleiche Särge und Totenkittel. Im Kindbett oder bei einer Geburt verstorbene Frauen kleidete man in Festtagskleidung. Deren Grabsteine stehen separat im 90-Grad-Winkel nach Norden.

Grabinschriften in hebräischen und lateinischen Buchstaben liefern Informationen über Leben und Wirken des Verstorbenen, so Bräuer. oben finde sich meist eine Ortsangabe, darunter das hebräische Kürzel für „hier ruht“. Den Abschluss bildete die Segensformel „Möge seine Seele eingehen in den Bund des Lebens“. Oftmals seien die Steinmetze Christen gewesen, die die hebräische Schrift nach Vorlagen gearbeitet haben, sagte die Gästeführerin. Daraus habe sich der eine oder andere Fehler ergeben. Viele Nachnamen seien eine Folge von Matrikellisten, denn jüdische Bürger hatten zuvor keine Familiennamen.

Bräuer ging auf zahlreiche Begräbnisrituale und Vorschriften ein. Unter anderem erläuterte sie, dass Frauen den Friedhof nur zum Begräbnis von Angehörigen betreten durften. Kindern unter 13 Jahren war die Teilnahme an Begräbnissen nicht erlaubt. Eine Einäscherung wäre als Schändung betrachtet worden. Der Körper des Toten müsse laut Bräuer unversehrt bestattet werden. Dies hänge mit dem Glauben zusammen, dass die unsterbliche Seele im Körper des Menschen ihre Hülle habe und ein Aufenthalt Gottes war.

Abschließend konnten die Teilnehmer das Innere des Taharahauses mit dem steinernen Tisch besichtigen, auf dem die Verstorbenen mit rituellen Waschungen für den letzten Weg vorbereitet wurden.

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