Schweinfurt

Das neue Buch von Martina Müller-Wagner: Eine Kindheit im Krieg

Die Festung: 70 Jahre nach Kriegsende erscheint das Buch von Martina Müller-Wagner. Erinnerungen an die Kindheit auf dem Dorf und im zerstörten Schweinfurt in literarischer Form.
Martina Müller-Wagner Foto: Katharina Winterhalter

Martina Müller-Wagner war sechs Jahre alt, als ihre Mutter ein paar Habseligkeiten zusammenpackte und Schweinfurt verließ. In einem Dorf bei Würzburg, bei den Großeltern, fanden sie Unterschlupf. Der Vater war im Krieg. Am 28. April 1945 wurde er auf dem Rückzug von Partisanen erschossen. Erst ein Jahr danach erreichte die Nachricht seine Familie. 50 Jahre später schrieb Martina Müller-Wagner ihre Erlebnisse auf. Eine Weile lagen die Aufzeichnungen in der Schublade, bevor die Schriftstellerin sie in eine literarische Form brachte. Weil sie damals keinen Verlag fand, blieb das Buch erst einmal liegen. Bis die Zeit reif war. 70 Jahre nach Kriegsende hat ein Verlag die noch einmal überarbeitete Version von „Die Festung“ veröffentlicht.

Eigentlich möchte Martina Müller-Wagner dem biografischen Aspekt nicht zu viel Raum geben, auch nicht im Gespräch über ihr neues Buch. Die Ereignisse von damals und die Wirkung auf die Menschen sind ihr wichtig. Deswegen hat sie einen literarischen Kunstgriff angewendet, der die Erzählung ein Stück von ihr entfernt. Der Roman beginnt in der Jetzt-Zeit. Ein Junge mit Namen Andreas, 13 oder 14 Jahre alt, findet im Keller einen alten Holzkoffer und entdeckt darin Briefe. Er beginnt zu lesen und kann nicht mehr aufhören. Es sind Briefe, die sein Vater Joachim Winter als Kind an seinen Vater geschrieben hat. Den Mann, der im Krieg war und am 28. April 1945 auf dem Rückzug kurz vor der deutsch-italienischen Grenze von Partisanen erschossen wurde.

Alles, was Martina Müller-Wagner ihren Protagonisten Joachim Winter aufschreiben ließ, hat sie genau so erlebt. Sie hat nichts hinzugefügt und nichts weggelassen. Deswegen birgt dieses Buch mehr dramatische, anrührende und aufregende Geschichten, mehr Hinweise auf die politischen Hintergründe dieser Zeit, mehr Details über das Leben auf einem Dorf und in einer zerstörten Stadt, als es die Schriftstellerin vermutlich in einem fiktiven Roman gewagt hätte. Gleichzeitig ist es ihr gelungen, das 150 Seiten schmale Buch in einer Sprache zu verfassen, die glaubhaft der Kriegs- und Nachkriegszeit entspricht, aber heute noch von Jugendlichen verstanden wird.

Auch wenn der Verlag „Die Festung“ als Jugendbuch angekündigt hat und Martina Müller-Wagner damit in Schulen gehen wird, es ist auch ein Buch für Erwachsene, die sich für diese Zeit interessieren. Die wissen wollen, wie es für ihre eigenen Eltern war, wenn auf dem Dorf des ersten Kriegsopfers gedacht wurde und die Trompeter das Lied „Ich hatt' einen Kameraden...“ anstimmten und der Herr Oberlehrer die Kinder mit den Worten heimschickte „Wir werden das Lied in der Schule üben, Kinder, damit ihr nächstens mitsingen könnt.“

Oder das schreckliche Warten auf die Mutter, die ausgerechnet an dem Tag in die Schweinfurter Wohnung ging, um Sachen zu holen, als die Stadt zum ersten Mal bombardiert wurde. Als sie nicht zurückkam, machte sich der Großvater auf den Weg und durchsuchte die Leichenberge am Bahnhof nach seiner Tochter. Die war inzwischen wieder zurück, erschöpft, aber unverletzt.

Einerseits erlebte Martina Müller-Wagner ein wunderbar freies Leben auf dem Dorf, aber die Ängste und Sorgen der Erwachsenen waren immer spürbar. Die Angst der Großmutter, der Großvater könnte sich „um Kopf und Kragen“ reden (so der Untertitel des Buches), die Angst der Mutter um den Ehemann, die eigene Angst, zu vergessen, wie der Vater aussieht. Sie spürte, wie der Krieg die Menschen veränderte. Der Großvater sprach nicht mehr viel, die Bauern wurden geizig, weil so viele hungrige Städter kamen, die Mutter wurde in einem Café nicht bedient, weil man sie für eine Jüdin hielt. Wenn es zu schlimm wurde, zog sie sich auf den Dachboden zurück, in ihre kleine „Festung“, die dem Buch den Titel gab.

Martina Müller-Wagner ist Schriftstellerin und das erklärt ihr Bedürfnis, den eigenen Erlebnissen eine literarische Form zu geben. Der Wunsch nach Abstand hat ihre Ursache aber vielleicht auch in den traumatischen Erfahrungen. Wer ihr Buch liest, mit Zeitzeugen spricht oder sich Fotografien von damals anschaut, kann erahnen, was die Menschen durchmachen mussten. Auf die Frage, ob sie als Kind auch nach dem Tod des Vaters das Bedürfnis gehabt habe, mit ihm zu sprechen, sagt die 80-Jährige: „Oh ja. Da war eine große Leere. Das war schlimm.“

„Die Festung“ ist im Verlag Leben in der Sprache erschienen und im Buchhandel erhältlich. Martina Müller-Wagner und der Schauspieler Peter Hub bieten Lesungen und Gespräche für Schulklassen (ab elf Jahren) an.

Nach dem ersten Luftangriff: Die Aufnahme zeigt vermutlich die Wolfsgasse. Im Hintergrund ist der Bauschturm zu erkennen. Foto: Stadtarchiv

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Schweinfurt
  • Katharina Winterhalter
  • Festungen
  • Kriegsende
  • Kriegsopfer
  • Peter Hub
  • Verlagshäuser
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!