SCHWEBHEIM/SCHWEINFURT

Das persönlichste Buch von Bernhard Gehringer

Auf zwei Bildern im Gedichtband von Bernhard Gehringer ist er selbst zu sehen. Hier im Andy-Warhol-Stil auf einem Portrait das ihm seine Tochter zum 50. Geburtstag schenkte. Foto: Ursula Lux

Es ist sein achtes Buch und wohl sein persönlichstes. Der ehemalige Schwebheimer und Schweinfurter Gymnasiallehrer Bernhard Gehringer hat in einem Gedichtband seine eigene Krankheitsgeschichte verarbeitet. Es war 2013, als das Leben des Autors plötzlich aus den Fugen geriet. Die Diagnose: Krebs. Und alles musste plötzlich ganz schnell gehen. Eine solche Diagnose ist etwas Elementares, Existenzielles, „keiner denkt doch daran, dass es ihn selbst trifft“, meint Gehringer. Eigentlich hätte er noch Abituraufgaben stellen müssen, aber sein Alltag wurde jäh unterbrochen.

Im Möglichkeitsdenken eines Robert Musil, im „Mann ohne Eigenschaften“, findet sich der Germanist in jener Zeit wieder. Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ hilft. Schließlich aber findet er bei Nietzsche das passende Zitat, mit dem er auch sein Buch eröffnet. „Aber es erquickt uns so, wieder die gedämpften Lichter des Lebens zu sehen und aus der furchtbaren, nüchternen Helle herauszutreten, in welcher wir als Leidende die Dinge und durch die Dinge hindurch sehen.“

Ein Buch, zwei Leidenschaften

„Von dort nach hier“ heißt sein neues Buch, in dem er seine Schreibleidenschaft mit seinem Hobby der Fotografie verbindet. Jedem Gedicht ist ein passendes Foto zugeordnet, Wort und Bild ergänzen und interpretieren sich gegenseitig. „Gerade in der Reha hatte ich das Gefühl, mir sei meine Handschrift abhandengekommen“, erinnert sich Gehringer. Das Schreiben war für ihn Therapie, „Stabilisierungsmaßnahme“. Und so beschäftigen sich Gedichte mit der Verarbeitung des Erlebten. Ein Werk betitelt er mit dem theologisch-philosophischen Programm des Anselm von Canterbury „Credo ut intelligam“ (Ich glaube, damit ich erkennen kann). „Verglichen mit dem abenteuerlichen Wuchern eines Karzinoms ist das flutende Erlebnis einer Mondscheinnacht prosaisch“, heißt es darin. Zeilen später fragt sich der Autor „irgendeines Willen muss wohl geschehen unter den Händen des Urologen“.

Die Zeit in der Reha hat Gehringer aber nicht nur zum Schreiben benutzt, sondern auch zum Lesen. „Die Reha war ja so langweilig, das habe ich die dicken Wälzer gelesen wie beispielsweise „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi. Die Figuren des Romans finden sich dann in Gehringers Gedichten wieder. „Krieg und Krebs“ heißt eines der Werke und erzählt: „Mit Rostow und Dolochow spiele ich Karten, mit Pierre und Andrej kämpfe ich bei Austerlitz und verzehre mich nach einem Blick Bonapartes.“ Wenn man nichts habe als vier Wände und ein Buch, dann müsse man mit „diesen Sachen rumspielen“, erklärt der Autor.

Eine Hommage an den Dichter Jean Paul

Jean Paul „den ich im Studium sehr gemocht, in der Schule aber nicht gebraucht habe“, setzt er ein dichterisches Denkmal. „Und blond ist er“, betitelt er seine Hommage an den Dichter. „Ihm grenzt das Tolle an das Schöne, das Erhabene an das Komische.“ Dann wiederum verknüpft er die Zeiten. Das Gedicht „Zwielicht“ von Joseph von Eichendorff verbindet er mit einer gehörten Verkehrsmeldung, „Zwischen Murnau-Süd und Garmisch Partenkirchen ist ein Reh auf der Fahrbahn.“ Und aus Eichendorffs „Hast ein Reh du lieb vor andern, lass es nicht alleine grasen“, wird: „Hast du es lieb, hol es da weg, rät der Dichter.“

Das Buch sei „lesbar für jedermann“, meint Gehringer, vermutet aber, Literaturkenner hätten dabei wohl „mehr Erkenntnisse und mehr Spaß“. Ob das so stimmt, davon kann sich jeder, den es interessiert, selbst überzeugen.

Die Lesung: Am Mittwoch, 5. Dezember, um 18 Uhr, liest Bernhard Gehringer im Musiksaal 2 des Olympia-Morata-Gymnasiums aus seinem neuen Buch „Von dort nach hier“.

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