Depression: wenn der Kopf erkältet ist

Kennt viele Kulturen: In Persien geboren, in Österreich aufgewachsen, mit einem Polen verheiratet und in Deutschland lebend, die Ärztin Dr. Solmaz Golsabahi-Broclawski spricht in Schweinfurt über „Transkulturelle Medizin“. Foto: Evang. Johanneswerk/Christian Weische

Chinesen kennen 500 Begriffe für Kopfschmerzen, Deutschen wird das Herz schwer, wenn sie traurig sind. Ein türkischer Patient hat nicht etwa eine Grippe, wenn er über seinen „erkälteten Kopf“ klagt, sondern er fürchtet, den Verstand zu verlieren. Nicht nur Männer und Frauen gehen unterschiedlich mit Krankheit um, auch die Herkunft eines Menschen spielt eine große Rolle. Da etwa 15 bis 20 Prozent aller Patienten im deutschsprachigen Raum einen Migrationshintergrund haben, sind diese Unterschiede eine große Herausforderung für die Medizin. Dr. Solmaz Golsabahi-Broclawski beschäftigt sich seit ihrem Studium mit dem transkulturellen Ansatz, also einer Medizin über Kulturgrenzen hinweg. Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie wird Mitte Mai beim Ärztlichen Kreisverband Schweinfurt sprechen und einen öffentlichen Vortrag halten.

Frage: Seit wann ist Medizinern bewusst, dass Menschen aus anderen Kulturen ihre Krankheit anders benennen?

Solmaz Golsabahi: Eigentlich schon lange, die Psychiater waren die Ersten. Aber dem Thema wurde lange keine Beachtung geschenkt. Das ist erst mit der großen Welle an Migranten gekommen.

Frage: Ich dachte, das Problem sei vielen Medizinern nicht bewusst...

Golsabahi: Das ist so. Die transkulturelle Psychotherapie ist zwar seit den 1950er Jahren bekannt, wurde aber bei weitem nicht überall eingesetzt. Im deutschsprachigen Raum wurde sie vor über 20 Jahren von Medizinern und Psychotherapeuten ins Leben gerufen, die bei Menschen aus der Türkei an ihre Grenzen stoßen. Als Beispiel erzähle ich von einem türkischen Familienvater, der eine Odyssee von einem Spezialisten zum anderen hinter sich hatte. Er klagte über Schmerzen und Jucken am ganzen Körper. Immer wieder wurde er geröntgt, sein Herz untersucht, alles ohne Befund. Bis er zu mir kam. Mit der Zeit fand ich heraus, dass er Probleme mit seinen Kindern hatte und sich eingeengt fühlte. Er hatte eine Depression. Die Sprachkenntnisse spielen dabei keine Rolle. Deutsch hat nur fünf Worte für Kopfschmerz, Chinesen 500. Als Chinesin werden Sie sich anders ausdrücken, egal ob sie Deutsch sprechen.

Frage: Leidet der Chinese anders oder drückt er sich nur anders aus?

Golsabahi: Es kann niemand sagen, ob eine Frau anders leidet als ein Mann. Wir Frauen drücken uns nur anders aus, wenn wir krank sind. Wer will den Leidensdruck messen und mit welchen Instrumenten? Der deutsche Patient hat sicher nicht weniger Leidensdruck, nur weil er sich in unseren Ohren weniger dramatisch ausdrückt.

Frage: Warum gehen Menschen mit Migrationshintergrund weniger zur Psychotherapie als Deutsche?

Golsabahi: Gesundheitskonzepte sind nicht in aller Welt gleich. Migranten bringen quasi das Konzept ihres Mutterlandes mit und sind gar nicht informiert über das hiesige. Deswegen nehmen sie es auch nicht in Anspruch. Außerdem stellt sich die Frage, ob die Psychotherapie, wie wir sie anbieten, tatsächlich nützlich ist. Ich nenne als Beispiel die Gruppenangebote für depressive Patienten, bei denen sie lernen sollen, für sich zu sorgen und nein zu sagen. Alles gute Werte, aber nicht für einen Patienten, der in einer kollektiven Struktur aufgewachsen ist. Der bricht diese Therapie nach zwei Wochen ab.

Frage: Was bräuchte dieser Patient?

Golsabahi: Einen emanzipierten Umgang mit seinem kollektiven Dasein. Die Psychotherapie im Nahen oder Fernen Osten beispielsweise bietet die selben Überbegriffe an, aber sie werden den eigenen kulturellen und familiären Strukturen angepasst. Wenn ich einem deutschen Patienten sage, er müsse sich mehr an seine Familie anbinden, überforder ich ihn auch. Denn er hat den individualistischen Ansatz verinnerlicht. Leute, die in einem kollektiven System aufgewachsen sind, in dem selbst die Meinung des Onkels dritten Grades gilt, die muss ich stärken im Kontext zur Gemeinschaft. Das ist eine andere Stärkung des Individuums als hier. Ich selbst bin schon in meiner Muttersprache kollektivistisch angehaucht und sage beispielsweise, wenn ich Hunger habe „wir haben Hunger“. Unabhängig, in welcher Sprache ich es sage.

Frage: Das heißt, diese Unterschiede betreffen alle Bereiche von Medizin. Ich habe gelesen, ein indischer Diabetiker definiert eine Broteinheit anders als ein deutscher, weil das indische Fladenbrot weniger Kohlenhydrate hat als deutsches Brot. Da kann es ja gefährlich werden. Wie reagieren deutsche Ärzte auf Ihren transkulturellen Ansatz?

Golsabahi: Anfangs sind sie eher skeptisch, weil sie der Meinung sind, dass es reicht, wenn ihre Patienten Deutsch können. Bis ich erkläre, was transkulturelle Kompetenz eines Arztes bedeutet: Nämlich nicht, 20 Sprachen zu lernen sondern sich bewusst zu sein, dass seine Norm nicht die Norm der anderen sein muss. Die Medizin ist in aller Welt gleich, aber die Ausdrucksweise ist anders.

Frage: Was kann der Arzt tun?

Golsabahi: Ich muss wissen, dass mich mein türkischer Patient unter Umständen nicht versteht. Ich kann ihn bitten, mir zu erklären, was mit ihm los ist. Oder ihn fragen, was er von mir erwartet und was mein Kollege in der Türkei jetzt machen würde. Dann verschwindet auch das Gefühl, dass der Patient mich nicht respektiert. Den Patienten ist übrigens auch nicht bewusst, dass ihr Verhalten hier nicht verstanden wird. Selbst die Körpersprache ist unterschiedlich. Nicht überall schaut man sich in die Augen oder gibt sich die Hand.

Frage. Was halten Sie vom Projekt MiMi, Migranten für Migranten, das es auch in Schweinfurt gibt und bei dem Migranten, die gut Deutsch sprechen, andere zum Arzt begleiten?

Golsabahi: Ich finde es gut, aber es hat Grenzen. Wir bilden Mediatoren mit Migrationshintergrund aus, versuchen, sie medizinisch zu qualifizieren. Das ist eine Einbahnstraße. Wir vergessen, auch das deutsche medizinische Personal zu Mediatoren der Kulturen auszubilden. Es reicht eben nicht, wenn der Patient Deutsch spricht, beide Seiten müssen sich der Unterschiede bewusst sein.

Transkulturelle Therapie

Solmaz Golsabahi wurde 1978 in Teheran geboren und kam im Alter von zehn Jahren nach Österreich. Schon während ihres Medizinstudiums in Wien beschäftigte sie sich mit dem transkulturellen Ansatz, also einer Medizin über Kulturgrenzen hinweg. Seit 2004 lebt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Deutschland. Sie ist leitende Ärztin der Bielefelder Hellweg-Klinik. 2008 wurde der gemeinnützige Dachverband der Transkulturellen Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im deutschsprachigen Raum, kurz DTPPP gegründet, dessen Vorsitzende Dr. Solmaz Golsabahi-Broclawski ist. Am 9./ 10. Mai kommt sie nach Schweinfurt und referiert beim Ärztlichen Kreisverband. Am 10. Mai um 10 Uhr hält sie einen öffentlichen Vortrag im Interkulturellen Begegnungszentrum für Frauen, Obere Straße 14, zum Thema „Migrantinnen und Depressionen“.

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