Geldersheim

Der Klang der fränkischen Steine

Vorm Zahn der Zeit geschützt: Denkmalschützer Klaus Nitzschner, Bürgermeister Oliver Brust, Kreisheimatpfleger Guido Spahn und Bildstockforscher Hans Schömburg (vorne von links) vor der Lindenholz-Figur der Großmutter Jesu, mit Tochter Maria. Die "Heilige Anna" stand vor der Restaurierung in der Karolingerstraße, nun hat sie im Zürch 11 ein eigenes Bildhaus. Foto: Uwe Eichler

Wenn Hans Schömburg einen alten Bildstock untersucht, geht es schon mal zu wie beim Zahnarzt: In den Bischofshöfen steht ein Kreuzigungs-Monolith in einer Mauernische. Um die "eingemauerte" Heilige Apollonia auf der Seite zu entdecken, brauchte es einen Spiegel. Die Märtyrerin aus Alexandria wurde durch Zahnausreißen gefoltert. Dank des Attributs, der Zange, war die Schutzheilige der Dentisten trotz aller Verwitterung noch erkennbar.

Solche Symbole erklärten Menschen, die nicht lesen oder schreiben konnten, einst  den Glauben – und erleichtern Bildstockforschern wie Hans Schömburg heute die Deutung, dem Zahn der Zeit zum Trotz. Die viereckigen Monolithe seien typisch für die Gegenreformation, erklärt der Schonunger auf einer Besichtigungstour. In der Welt eines Fürstbischofs Julius Echter, um 1600, herrschte noch religiöses "Blockdenken". Erst im Barock und Rokoko wurden die Heiligen oder Marias im "Biegenbach-Florenz" luftiger, leichter, prachtvoller.

Jahrzehntelang "Marterli" untersucht

1991 hat der Fachmann seine erste Bildstock-Wanderung im Raum Schweinfurt angeboten. Der Rentner hat jahrzehntelang "Marterli" untersucht, einschließlich der Inschriften, die Denkmäler schriftlich und fotografisch dokumentiert und das Bildstockzentrum Egenhausen mit aufgebaut. Ein Bildstock-Führer liegt jetzt auch für Geldersheim vor, der von der Gemeinde herausgegeben wird und im Einwohnermeldeamt erhältlich ist. In zwei Routen lassen sich die Zeugnisse fränkischer Volksfrömmigkeit erwandern: 27 Bildstöcke sind im Ortsbereich registriert, 18 in der Flur.

Die Steinsäulen konnten Sühnezeichen sein, Ausdruck des Dankes für Errettung aus Krankheit, Krieg und Unglücksfällen, oder wurden gestiftet, um von Unheil verschont zu werden. Kreisheimatpfleger (und Theologe) Guido Spahn sieht darin ein Zeichen, "dass die Menschen sich der Gnade Gottes anvertraut wussten, in Freude und Leid, Trauer und Angst, kurzum in den Höhen und Tiefen ihres von harter Arbeit gekennzeichneten Lebensalltags."

Geldersheim sei eine Gemeinde, die besonders reich sei an solchen Glaubenszeugnissen – und sich aktiv um deren Erhalt kümmere. Bei der Führung dabei ist Bürgermeister Oliver Brust, Klaus Nitzschner von der Unteren Denkmalschutzbehörde sowie Eva Braksiek, Managerin der Allianz "Oberes Werntal".

Oft dramatische Geschichten

Ein Lieblingsbildstock des Kreisheimatpflegers ist der "Weihnachtsbildstock" an der Kapelle: eine Krippenszene aus dem Jahr 1737. Das "Schaf" im Vordergrund ist ein Hund, weiß Schömburg: "wegen der spitzen Ohren". In der Frankenstraße hat Kriegsveteran Ludwig Herrmann noch 1969 eine Marienfigur erichten lassen: Der Geldersheimer war Retter des Würzburger Käppeles, dessen Beschießung er 1945 verweigerte.

Der älteste Bildstock stammt aus dem Jahr 1522. Die in Stein verewigten Geschichten sind oft dramatisch: Der Heilige Georg attackiert mit der Lanze den Drachen. Im Zürch wird der Pestheilige Sebastian von Pfeilen durchbohrt, im Unterdorf zertritt Maria die Schlange des Bösen, den Betrachter im Blick. An der Ecke Untertor- und Schützenstraße haben sich die 14 Nothelfer versammelt: einst Startpunkt der Wallfahrt nach Vierzehnheiligen. Jeder Stein hat irgendwie einen eigenen Klang. Dass die Bildnisse je nach Blickwinkel und Sonnenstand neue Details offenbaren, fasziniert Hans Schömburg besonders: "Man muss öfters zu einem Bildstock."

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