WIPFELD

Der Mörder war nicht der Gärtner

Mörderisch! Zehntgraf Albert Kestler (links) und Charlotte Wahler bei der Weinprobe. Foto: Ursula Lux

Der Secco Saignée glänzt in den Gläsern, seine Farbe erinnert an ausgewaschenes Blut. Und tatsächlich: Saignée bedeutet Aderlass, Ausbluten. Hinweis auf einen blutigen Abend? Nein, noch nicht. Gästeführer Albert Kestler, der in die Rolle des Wipfelder Zehntgrafen geschlüpft ist, erklärt, dass der blutige Begriff mit dem durchaus unblutigen Pressverfahren der Trauben zusammenhängt. Einzig die Rotwein-Maische wird zur Ader gelassen.

Man könnte ihm glauben, wären da nicht diese funkelnden Perlen, die am Weinglas hochsteigen, und der Titel des Abends. Das Literaturhaus hatte zu einer „Mörderischen Weinprobe“ eingeladen. Aber da ist dieses Bukett von Erdbeere und Himbeere und neben Kestler eine kleine, lächelnde Dame – alles ganz harmlos.

Charlotte Wahler entführt die Gäste in die fantastische Welt von Zamonien. Dort hat Succubius Eißpin, der gefürchtete Stadt-Schrecksenmeister mit dem „Krätzchen Echo“ einen Pakt geschlossen. Ein Krätzchen ist ein sprechendes Kätzchen. Eißpin wird das Krätzchen bis zum nächsten Vollmond mit raffiniertesten Leckereien mästen und darf es anschließend töten. Er braucht das wertvolle Krätzenfett für seine alchemistischen Experimente. Wir kommen dem mörderischen Aspekt des Abends schon näher.

„Es wird schon ein bisschen schaurig werden, halten sie sich an ihren Gläsern fest“, rät Charlotte Wahler. Aber die Gläser haben die Gäste ohnehin fest in der Hand: schwenken, riechen, schmecken. Blutrot rotiert der Domina im Glas. „Wie auf Katzenpfoten kommt er daher, dieser kleine, feine Stern am fränkischen Rotweinhimmel“, wirbt der Zehntgraf. Aber ist da nicht schon diese mörderische Note im Abgang?

Auch Eißpin lädt Krätzchen Echo zur Weinprobe ein. Wein kann alles sein, erklärt er: Musik in Gläsern oder saurer Essig in alten Schläuchen. Echo probiert, ihm wird warm. Auch im Rathaussaal werden die Fenster geöffnet. Zum Riechen und Schmecken kommt in Zamonien noch die „Hörung“. Der Wein erzählt Eißpin eine Geschichte, schaurig schön.

„Anno Domini“, ein alter fränkischer Rebensatz, wird eingegossen. Und einst in Zamonien, da verschwanden die Weinleserinnen. Der Wein erzählt: Die Reben tranken Regenwasser und Blut, literweise Blut und sie wuchsen schneller, waren widerstandsfähiger und hatten größere Trauben. Der Mörder aber war diesmal eben nicht der Gärtner, sondern der Winzer. „Achtung, wenn Sie in den Weinbergen besonders große Trauben sehen“, warnt Wahler.

Eine besonders große Traube wandert dann veredelt ins Glas: Grauer Burgunder wird eingeschenkt. „Wir haben das auch ohne das Blut der Winzerinnen geschafft“, erklärt der Zehntgraf stolz. Geht es einigen Gästen schon so wie Echo, dem Krätzchen? „Manche Buchstaben eines Wortes scheinen am Gaumen hängenzubleiben“, stellt es fest und verfällt in einen „traumsüßen Schlaf“.

Um das schaurige Geschehen zu verdauen, wird ein Traminer gereicht. Und Bürgermeister Tobias Blesch resümiert: „Dieser Saal kennt alle literarischen Gattungen, besonders die Märchen, hier tagt der Gemeinderat.“

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