THEATER

Der Mut, die Wahrheit zu sagen

Freut sich auf die 50. Spielzeit: Schweinfurts Theaterleiter Christian Kreppel. Foto: Katharina Winterhalter

In seine 50. Spielzeit geht das Theater der Stadt Schweinfurt im September. Eine besondere, wie Theaterleiter Christian Kreppel weiß, der ein außergewöhnliches Programm zusammengestellt hat. Im Gespräch erklärt er seine Schwerpunkte für die neue Spielzeit, wie wichtig Theater gerade im 21. Jahrhundert ist, warum nicht nur ein Theaterchef heutzutage auch ein bisschen Mut bei der Programmgestaltung braucht und warum er zur Eröffnung mit „Terror“ ein für die Zuschauer forderndes Stück gleich zu Anfang der Saison bringt.

Die 50. Spielzeit im Schweinfurter Theater steht vor der Tür, eine ganz besondere?

Christian Kreppel: Ja, natürlich. Mein Ex-Chef hat den Ensembles immer gesagt, jeder Auftritt soll eine Premiere sein. In diesem Sinne sollte natürlich jede Spielzeit eine 50. sein. Aber natürlich macht man sich besonders Gedanken, wo man Schwerpunkte setzen kann.

Worauf freuen Sie sich?

Kreppel: Man ist durch die 16 Abo-Ringe, die wir hier haben, einfach gebunden. Aber ich habe versucht, jeden Monat einen besonderen Schwerpunkt zu setzen. Ich freue mich sehr, dass es zum Saisonauftakt mit „Terror“ von Ferdinand von Schirach geklappt hat, weil es einfach ein wahnsinnig wichtiges Stück ist heute. Im Oktober haben wir die Europapremiere der Legacy-Tour der Dance-Company von José Límon, einem der ganz Großen des amerikanischen Tanzes. Im November haben wir etwas ganz Besonderes. Wir sind eines der wenigen Gastspielhäuser unserer Größe, das bisher noch nicht selbst produziert hat. Weil die Tanzbegeisterung seit Jahren hier ein großes Thema ist, wollten wir eine Sache zusammenstellen, die es zunächst nur bei uns gibt. Wir haben sechs große Kompanien, die jeweils eine eigene Choreografie zeigen mit dem Übertitel „Dance is the key, Tanz ist der Schlüssel“. Es soll zeigen, dass Tanz generationenfrei ist, man kann als junger Mensch teilnehmen, auch als 40-Jähriger und es sind ja auch 70-Jährige da. Die am schwierigsten zu erreichende Generation sind die 20- bis 40-Jährigen, da kommen Kinder, Hausbau, etc. Die erreicht man aber durch solche Angebote.

Und natürlich ist am 1. Dezember das Jubiläum. Wir haben uns dazu entschlossen, ein schönes Konzert anzusetzen. Die Bamberger Symphoniker waren zu diesem Termin leider vergeben, dann haben wir uns an die Anhaltische Philharmonie gewandt, die dieses Jahr 250 Jahre alt wird und Beethovens Neunte für uns spielt.

Sie haben an Ihrem Schreibtisch ein kleines Banner hängen, auf dem „Mut“ steht. Wie viel Mut braucht ein Theaterchef heute?

Kreppel: Jeder, der sich in Kunst und Kultur und Theater bewegt heutzutage, braucht Mut. Man muss ein Bewusstsein für das Theater schaffen. Es ist eine Illusion zu glauben, alle ins Theater zu bringen. Ein Dr. Fuhrmann hat Riesen-Mut gehabt und vor allem der Stadtrat damals. Es gehört Mut dazu, dieses Theater hierher zu stellen und es über 50 Jahre zu bespielen. Es gehört auch Mut zum eigenen Ich, dieser Beruf ist kein Nine-to-five-Job. Es ist immer das Theater im Vordergrund, es gibt kein Wochenende, keinen Feiertag, kein privates Silvester.

Sie stammen aus einem Opernhaus, ist Wagner in dieser Saison einer Ihrer heimlichen Höhepunkte?

Kreppel: Ja, wir bringen Meistersinger von Nürnberg, ein absoluter Kraftakt mit 17 Solisten. Eigentlich ist die Oper ja meine größte Liebe, aber ich kann ja nicht nur Oper spielen. Das Landestheater Detmold, mit dem wir hier zusammenarbeiten, hat ein schönes, historisches Haus, wo die Bühne ein bisschen schmäler ist als bei uns und die finden Raumlösungen, die für uns eins zu eins kompatibel sind. Ich freue mich darauf, es ist wirklich etwas Besonderes. Wir versuchen insgesamt, es inhaltlich möglichst breit aufzustellen, wir zeigen Oper, wir machen Operette ebenso wie Musical, Sprechtheater und natürlich Konzerte. Es gibt ja das große Vorurteil gegen das Bespieltheater, dass es oft eine Resterampe für abgehalfterte Fernsehschauspieler sei. Wir sind's nicht und beweisen das seit vielen Jahren.

Sie stellen die Spielzeiten immer unter ein besonderes Motto. Wie viel Mut brauchten Sie für „Heimat – Wer ist Wir?“?

Kreppel: Das letzte Thema war „Toleranz“, zu einem Zeitpunkt, wo uns die Flüchtlingskrise noch nicht erreicht hatte. Aber jeder denkende Mensch hat gewusst, das wird kommen. Offenbar hat es nur die Politik nicht wahrhaben wollen. „Wer ist Wir?“ ist sehr generalisierend, aber das Thema Flüchtlinge beschäftigt die Menschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren 50 Millionen Menschen unterwegs und dieses Land hat sie aufgenommen. Heute haben wir das Phänomen, wie sehr die Menschen sich Sorgen machen. Wir müssen aufklären, wie es wirklich ist.

Was kann das Theater da konkret leisten?

Kreppel: Bei der Basis anfangen. Zu fragen, wer wir wirklich sind. Für mich ist Kultur und Theater die Basis des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Theater kann eine Grundinformation über menschliche Werte geben und das menschliche Dasein. Wir zeigen zum Beispiel zum Thema 500 Jahre Reformation 2017 von Dieter Forte das Stück „Martin Luther & Thomas Münzer – oder die Einführung der Buchhaltung“.

Ein grauenhafter Titel, aber das Thema ist absolut heutig. Es geht um Machtmechanismen. Um die Macht der Bank, der Wirtschaft, der Mächtigen, dass der kleine Mann überhaupt keine Chance hat. Natürlich ist unsere westliche Abendlandkultur unser Herzstück. Aber bitte, beschäftigen Sie sich doch mal mit dem Islam. Er ist im Grunde eine friedliche Kultur. Wenn man sich den Beginn des Islam, die Hochkultur, die es damals gab, anschaut, was war das Wichtigste? Bibliotheken, Kunst, Kultur, Theater, Literatur, Malerei, Theater, das hatte eine Hochblüte.

Da wären wir bei Friedrich Rückert, „Weltpoesie allein ist Weltversöhnung.“

Kreppel: Es steht ja auf der Rückseite des Katalogs der Rückert-Ausstellung in der Schweinfurter Kunsthalle. Man kann nur froh sein, so ein Zitat zu haben. Genau das ist es: Man kann sich doch nicht über etwas anderes aufregen, wenn man nichts davon weiß. Deswegen haben wir in der neuen Spielzeit so viele Beiträge dabei, die versuchen zu zeigen, wie es ist.

Zurück zum Thema Heimat. Wie sehr ist denn Franken für den gebürtigen Wiener Christian Kreppel zur Heimat geworden?

Kreppel: Ich hab's leichter, mein Vater ist Nürnberger, ich bin ein halber Franke. Meine Eltern waren beide Opernsänger, meine Mutter ist Düsseldorferin, mein Vater Nürnberger, hatte eine Weltkarriere und war die letzten 20 Jahre an der Staatsoper in Wien fest und parallel in Berlin. Ich war vor Schweinfurt 16 Jahre im Hochschwarzwald, das ist immer noch Heimat, völlig anders als hier. Franken ist auf jeden Fall auch ein Stück Heimat. Ich mag, dass der Franke auf den ersten Blick ein bisschen schroff ist, nicht viel redet, das berühmte „Passt scho'“. Wenn man ihn dann näher kennt, ist es ganz eng und man kann sich hundertprozentig verlassen. Ich habe hier Freunde gefunden, bei denen das so ist. Ich kenne Schweinfurt auch noch aus den 1980er Jahren und was aus der Stadt gemacht wurde, ist fantastisch. In der Theaterwelt sagt man ja immer, nach sieben, acht Jahren soll man gehen, um dem Haus eine Entwicklung zu ermöglichen. Hier ist es ein Phänomen, dass auch meine Vorgänger so lange hier waren. Ich dachte auch schon ans Weggehen, aber durch das Kulturamt werde ich es mir sehr gut überlegen, ob ich irgendwann einmal etwas anderes mache.

Hätte ich keine Freude mehr daran, dann würde ich etwas ändern. Aber die Spannung ist immer noch da.

Kinder- und Jugendtheater ist grundsätzlich sehr wichtig. Wie machen Sie dieser Zielgruppe Theater schmackhaft?

Kreppel: Traditionell sind wir da breit aufgestellt, haben bis zu 25 Stücke pro Saison, fremdsprachige Stücke und bewusst im Schauspiel angebotene Stücke wie Maria Stuart, wo man weiß, dass die Chance besteht, dass da Schulen kommen. Es gibt zwei Mal im Jahr die Institution eines Lehrerstammtisches, wo ich abfrage, was sie sehen wollen. Im neuen Programm sind auch explizit zwei Stücke drin, die gewünscht wurden. Wir machen bewusst Kindertheater ab fünf Jahren, ein Jugendtheaterstück mit Maßbach und das Schauspiel mit Stücken für die Schulen, bieten ein breites Spektrum. Wir haben pro Jahr zwischen 12 000 und 14 000 Kinder und Jugendliche im Haus, das ist viel. Toll sind auch Besprechungen mit den Schauspielern nach den Aufführungen. Als das englischsprachige Stück Martin Luther King da war, war eine große Gruppe vom Humboldt-Gymnasium da und hat gefragt, ob Rassismus heute in den USA noch ein Thema sei. Dann haben einige mit Tränen in den Augen ihren Alltag erzählt und da ist plötzlich Stille eingezogen.

Thema Neue Medien, Facebook, etc. Ist das Theater noch eine Insel der Seligen, kann es die Neuen Medien auch für sich nutzen?

Kreppel: Theater sollte nie eine Insel sein. Ich sage immer: Mitten in der Stadt, für die Stadt, für die Region und darüber hinaus. Aber für die Stadt, das ist die Nummer eins. Es gibt auch Gegenbewegungen, die sagen, vergesst die analoge Welt nicht. Deswegen legen wir auch noch das Spielplanbuch mit einer Auflage von 12 000 Stück auf. Heute gibt es oft fast keine Inszenierung mehr, wo es keine Videoeinspielung gibt, wo Beamer gebraucht werden. Ich weiß nicht, ob es den Einzug der digitalen Welt so braucht, wenn es gekünstelt wirkt. Das Theater wird nicht untergehen, es wird Bestand haben.

Was hat Sie bewogen, ausgerechnet „Terror“ zur Eröffnung der Saison zu bringen?

Kreppel: Ich habe eine Liste an Stücken, die ich unbedingt machen will. Und das stand ganz oben. Ich habe von Schirach ein paar Bücher gelesen und „Terror“ stellt mehrere Fragen. Wie weit darf man gehen, um einen Terroranschlag zu verhindern? Die Geschichte geht so: Ein Luftwaffen-Pilot schießt einen entführten Airbus mit 164 Passagieren ab, der in die mit 70 000 besetzte Allianzarena in München gelenkt werden soll.

Danach wird eine Gerichtsverhandlung gegen den Piloten inszeniert. Wie weit darf Gewalt gehen? Darf man töten, um Leben zu retten? Am Ende kann das Publikum sogar abstimmen und es ist wahnsinnig spannend, denn es gibt regionale Unterschiede im Abstimmungsverhalten. Das Stück ist ein großer Wurf, brandaktueller geht es nicht. Es ist ein Signaturstück, das man unbedingt spielen muss. Es ist sicher kein leichter Einstieg in die Saison, wir haben aber zum Beispiel von den Schulen großes Interesse.

Apropos Signaturstück. Ein wesentlicher Bestandteil der Schweinfurter Theatersaison sind die Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie, die nirgendwo anders mehr gespielt haben als in Schweinfurt. Was darf man erwarten?

Kreppel: Es ist eine wunderbare Erfahrung, dass über Jahrzehnte und Intendanten hinweg klar ist, dass die Zusammenarbeit weiter gehen muss. Es ist eine sehr enge Verbundenheit mit einem der zehn besten Orchester weltweit. Es gibt einen großen Einschnitt, Jonathan Nott hört ja bekanntlich als Dirigent auf und geht nach Genf, jetzt ist Jakob Hrsá, ein Tscheche da, und sie gehen zurück zu ihren Wurzeln. Die Schweinfurter Industriellen-Familie Schäfer und ihre Hilfe nach dem Zweiten Weltkrieg ist in Bamberg nicht vergessen.

Wir machen acht Konzerte pro Jahr. Als Solisten treten da unter anderem die Geigerin Lisa Batiashvili, die Sängerin Julie Boulianne der Pianist Rudolf Buchbinder, der Cellist Gautier Capuçon oder der Geiger Frank Peter Zimmermann auf.

Abos für die Spielzeit 2016/17 ab 25. Juni 2016

Die Einschreibung für Neuabonnenten findet am Samstag, 25. Juni, von 9.30 bis 12.30 Uhr und von Montag, 27. Juni, bis Freitag, 1. Juli, jeweils von 9.30 bis 12.30 Uhr und 14 bis 17 Uhr (nicht am Freitagnachmittag) im Foyer des Theaters statt.

Telefonische Anmeldungen sind ab Montag, 27. Juni, während der angegebenen Öffnungszeiten im Theater möglich unter Tel. (0 97 21) 51 49 52.

Schriftliche Anmeldungen werden ab Montag, 27. Juni, bearbeitet. Weitere Abo-Bearbeitungen nach der Einschreibe-Meldefrist unter Tel. (0 97 21) 51 49 52. Man hat die Wahl aus 16 Abo-Ringen: Vier Konzert-Abonnements (Konzertmiete I mit neun Veranstaltungen, Konzertmiete

II mit sechs Veranstaltungen, Konzertmiete I „Foyer“ mit fünf Veranstaltungen und als Ergänzung einige Sonderkonzerte. Im gemischten Abo gibt es zehn Veranstaltungen, in der Schauspielmiete ebenfalls zehn Vorstellungen, im Tanz-Abonnement sechs und im Dritten Programm neun Vorstellungen. Darüber hinaus gibt es drei Senioren-Abonnements mit jeweils vier Veranstaltungen (Details zu den Angeboten siehe nachfolgende Seiten).

Rückblick

  1. Schülerwettbewerb in Schweinfurt: Kreatives rund um Friedrich Rückert
  2. Berührend und witzig zugleich
  3. Die Bedeutung von Immigration
  4. Ein „Tiger“ im offenen Hemd
  5. Ursina Maria Braun spielt Bach
  6. Eine tragische Familienchronik
  7. Rossini, Donizetti, Verdi und Puccini
  8. Musicalerlebnis von David Bowie
  9. Neue Sicht auf den alten „König Lear“
  10. Eine Geschichte um Freundschaft und Liebe
  11. Kammermusik mit Querflöte und Harfe
  12. Der Kampf um ein neues Südafrika
  13. Eine wunderbare Freundschaft
  14. Vom Konflikt zwischen Aberglaube und Vernunft
  15. Wie der Schweinfurter Alltag lebendig wird
  16. Talent kennt kein Geschlecht
  17. Zurück aus der Vergangenheit
  18. Irland – Zauber der grünen Insel
  19. Blitzgscheid und sümbaddisch
  20. Laut, energiegeladen und wild
  21. Mit Bauernschläue und Witz
  22. Die Vielfalt des Poetry-Slam
  23. Whiskykunde und ägyptische Märchen
  24. Helene Köppel übergibt zwei komplette Bände
  25. Schwerkraft - Fliehkraft noch bis 8. März
  26. Gitarristen aus der ganzen Welt zeigen ihr Können
  27. Ein Schlüssel zur emotionalen Welt
  28. Rund 60 internationale und deutsche Produktionen
  29. Auf der Suche nach Heimat
  30. Hip Hop, Theater und Gitarrenkurs
  31. Rhythmus und Klang
  32. „Kunst bewegt uns alle!“
  33. Work-Life-Balance im Workshop erlernen
  34. Unterwegs zu Lieblingsplätzen
  35. Kirchenmusik in St. Johannis
  36. Die eigene Lebensgeschichte
  37. Poetry Slam Saisonfinale
  38. Führung mit dem Nachtwächter
  39. Vorleseaktionen für Kinder von 4 bis 6 Jahren
  40. Der Weg in ein eigenes Leben
  41. Mit Leichtigkeit und Transparenz
  42. Die hohe Kunst des Tanzes
  43. Getanzte Leidenschaft in Vollendung
  44. Hommage an Bach
  45. Freies Spiel der Hormone
  46. Die Experten in Sachen Informel
  47. Ein lebendiger Ort der Kunst
  48. In der prachtvollen Welt des russischen Zirkus
  49. Violine, Klarinette und Klavier
  50. Eine anrührende Liebe mit tragischem Ende

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