GRAFENRHEINFELD

Der Nikolaus von Rafeld

Nichte Ida erkennt ihren Onkel nicht hinter dem Rauschebart. Foto: Julian Rohr

„Von drauß` vom Walde komm ich her!“ – Mit goldener Bischofsmütze, einem samtroten Gewand und einem goldenen Bischofsstab betritt Christian Keller den Aufenthaltsraum des St.-Helena-Pflegeheims in Grafenrheinfeld.

Die Bewohner empfangen ihn mit Freude und Begeisterung. Einige von ihnen können sich noch an das alte Gedicht erinnern und stimmen mit ein. Es ist einer dieser magischen Momente, die Keller so sehr an seiner Rolle mag: „Sie schauen dich an und sehen in dir den Nikolaus.“

Im Minuten-Takt von Haus zu Haus

Schon seit 20 Jahren ist Keller als „Rafelder Nikolaus“ unterwegs. Der Besuch im Pflegeheim ist bereits zur Tradition geworden – eine Herzensangelegenheit für den 38-Jährigen. Doch viel Zeit bleibt ihm nicht. Nach zwanzig Minuten eilt er wieder nach draußen. Dort wartet bereits ein blauer Kleintransporter auf ihn. Denn das St.-Helena-Pflegeheim ist nicht die einzige Station an diesem Tag.

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Der "Rafelder Nikolaus" zieht von Haus zu Haus

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16 weitere Termine stehen ihm noch bevor; heute, am Nikolaustag, über 20. Jede Stunde ist genau durchgeplant: Im Minuten-Takt zieht der „Nikolaus von Rafeld“ zwischen 15 und 20 Uhr von Haus zu Haus. Im Auto bleibt ihm Zeit für eine kurze Verschnaufpause.

Angefangen hat Kellers Karriere als Nikolaus bereits mit 18 Jahren. Damals springt er kurzfristig bei der örtlichen Krabbelgruppe als Nikolaus ein. Kurz darauf wird er von einer Mutter angesprochen, ob er auch privat als Nikolaus vorbeikommen könnte: „Da dachte ich mir, das könnte man doch eigentlich anbieten“. Es spricht sich schnell herum – auch in den Nachbarorten. Schon damals ist Keller stark gefragt – und ständig ausgebucht: „Die Eltern rufen teilweise schon im September an“. Für den 6. Dezember nimmt er sich immer extra frei. Weil ein Tag mittlerweile nicht mehr ausreicht, zieht Keller bereits am 5. Dezember als Nikolaus durch die Grafenrheinfelder Straßen.

Geschichten aus dem „Goldenen Buch“

Seine Frau Kerstin übernimmt die organisatorische Planung im Hintergrund. Sie nimmt alle Termine entgegen und organisiert den Ablauf des Tages: „Ich habe einen Nikolaus geheiratet“. Zwei Wochen vor dem Besuch schicken die Eltern einen Brief mit Informationen über ihre Kinder. Die kommen dann in ein goldenes Buch, aus dem der Nikolaus bei seinem Besuch vorliest. „Ich fange immer mit etwas Positivem an und höre mit etwas Positivem auf“, erklärt Keller.

Die Kinder sollen eine schöne Zeit haben, wenn der Nikolaus vorbeikommt. Deshalb nimmt er auch keinen Knecht Ruprecht mit. Manche Eltern würden ihn dazu auffordern, die Kinder zu rügen. Er selbst sehe sich allerdings nicht als Ersatz für erzieherische Maßnahmen: „Ich will nicht den bösen Schimpfonkel spielen“. Ein guter Nikolaus müsse sich voll und ganz auf das Kind einlassen und ihm zeigen, dass er es akzeptiert. „Die Kinder hatten noch nie Angst, als ich wieder gegangen bin“, so Keller.

Der Kleintransporter hält an der nächsten Station – das Haus seines Bruders. Der Besuch ist ebenfalls Tradition. Den Sack mit den Geschenken lässt er vorsorglich draußen stehen, damit die Kinder nicht abgelenkt sind. Als er in das Wohnzimmer seines Bruders eintritt, leuchten ihre Augen. Die Nichten und Neffen bemerken nicht, dass es sich bei dem Mann mit Rauschebart um ihren Onkel handelt.

Die Verkleidung spielt eine wichtige Rolle: Sein erstes Kostüm habe er mit seiner Frau noch selbst gebastelt. Damit er aber aussehe, wie ein richtiger Bischof, kaufte er vor einigen Jahren ein richtiges Gewand bei einem Kirchenbedarfshändler in München. Darunter trägt er jetzt eine weiße Robe und schwarze Lederstiefel. „Wer Joggingschuhe trägt, wird sofort entlarvt“, erklärt der 38-Jährige.

Auch seine eigenen Kinder seien noch im Glauben. Deshalb sei es wichtig, sich nicht zu verplappern. Am Telefon verwenden er und seine Frau Codewörter, um sich nicht zu verraten. „Viele Kinder, bei denen ich früher war, haben jetzt schon wieder eigene Kinder“, sagt Keller. Er selbst hatte in seiner Kindheit keinen Nikolausbesuch.

Spenden gehen an wohltätige Organisationen

Früher wurde Keller nach seinen Besuchen reichlich beschenkt: Im Keller standen kistenweise Wein und Schokolade, wie er erzählt. Heute bittet er die Familien um eine kleine Spende, die er wiederum weiterspendet. Das Geld ging bereits an Hospiz- und Selbsthilfegruppen oder Vereine; einmal auch an die Familie eines verstorbenen Polizeikollegen. Dieses Jahr möchte er damit die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ unterstützen.

Am Abend kommt der „Rafelder Nikolaus“ verschwitzt, heiser und völlig erschöpft nach Hause. Einmal, so erzählt er, als er nach Hause gekommen ist, haben plötzlich Eltern geklingelt. Sie erzählten, ihre Kinder wären total enttäuscht, da der Nikolaus nicht wie sonst bei ihnen vorbeigekommen sei. Da habe sich Keller sofort umgezogen und auf den Weg gemacht, um die Familie noch spät am Abend zu besuchen: „Da haben die Augen aber geleuchtet“.

 

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