Gerolzhofen

Der Speierling bei Gerolzhofen: Ein wahrer Durstkünstler

Forstexperten sehen im Speierling eine wichtige Baumart für den Wald der Zukunft. Warum der Gerolzhöfer Stadtwald "Mahlholz" dabei eine entscheidende Rolle spielen könnte.
Im "Mahlholz" bei Gerolzhofen stehen rund 50 prächtige Exemplare des seltenen Speierlings. Diese Dichte ist auch überregional einmalig.  Foto: Helferich

Auf den Speierling ruhen große Hoffnungen. Dabei ist er ein recht unbekannter, da früher nur sehr selten im Wald anzutreffender Baum. Er gehört zur Gattung der Mehlbeeren (lat.: Sorbus), der unter anderem auch die Vogelbeere, die Eberesche und die Elsbeere angehören. Charakteristisch sind seine graue, flachrissige Rinde und die kleinen Früchte, die kleinen Äpfeln ähneln. Schon in der Antike wurde dieses kleine Kernobst bei der Behandlung von Durchfallerkrankungen eingesetzt. Im 18. und 19. Jahrhundert geriet der Speierling zunehmend in Vergessenheit. Dies hing auch mit dem im 19. Jahrhundert einsetzenden Waldumbau zusammen. Statt eines Nieder- und Mittelwalds bevorzugte man fortan die Hochwald-Bewirtschaftung. Und da hatte der Speierling gegen die ertragreicheren und deutlich schneller wachsenden Hauptbaumarten kaum noch eine Chance. 

Hohe Dichte im Mahlholz

In ganz Deutschland gibt es derzeit nach aktuellen Schätzungen nur noch mehrere Hundert alte Exemplare des Speierlings. Würde man alle alten Speierlingsbäume aus ganz Deutschland nebeneinander aufstellen, dann ergäbe dies eine Fläche von nur noch rund 2,3 Hektar, sagt Jochen Schenk, der Förster des Stadtwalds und des Gemeinsamen Bürgerwalds. Das "Mahlholz", ein Teil des rund 130 Hektar großen Gerolzhöfer Stadtwalds, hat dabei eine überregionale Besonderheit: Dort gibt es noch eine außerordentlich hohe Dichte an Speierlingen. "Die Speierling-Fläche alleine bei uns ist rein rechnerisch rund 0,2 Hektar groß." An die 50 prächtige Exemplare stehen im Wald unterhalb der "Waldesruh". Ein ganz besonderer Schatz der Natur. "Die Bäume haben sich dort auf natürlichem Wege vermehrt und wurden von den damaligen Förstern stehengelassen – gegen den früheren Trend", erklärt Jochen Schenk. 

So sehen die Blätter und die Blüten des Speierlings aus. Foto: Wilma Wolf

Der Speierling ist wie alle Mehlbeeren wärmeliebend. "Und er ist sehr resistent gegen Trockenheit", weiß Förster Schenk. Deswegen ist der Baum in den vergangenen Jahren gerade unter dem Eindruck des Klimawandels immer mehr in den Blick der Forstexperten gerückt. Mittlerweile ist klar, dass Fichte und Kiefer bei hohen Temperaturen, Trockenheit und Schädlingsdruck kaum Überlebenschancen haben werden. Selbst die Buche beginnt im Steigerwald nach zwei Trockenjahren hintereinander zu schwächeln. Der Speierling als Tiefwurzler hingegen ist ein wahrer Durstkünstler und wird von Experten deshalb schon als der "Zukunftsbaum" für schwierige Standorte angesehen.

Der Speierling ist sensibel

Während auf der einen Seite geprüft wird, ob es Sinn macht, künftig vermehrt aus südlichen Breitengraden stammende und damit schon von Natur aus trockenheitsrobustere Gastbaumarten anzupflanzen (zum Beispiel die Libanon-Zeder oder die Türkische Tanne), ist die Alternative, aus den heimischen Baumarten diejenigen auszusuchen und zu fördern, die mit Trockenheit umgehen können. Wie der Speierling im Mahlholz.

Doch den Speierling zu fördern, ist alles andere als einfach. Der Speierling ist licht- und wärmebedürftig, nur langsam wachsend, konkurrenzschwach insbesondere gegenüber der Buche und sehr anfällig gegen Wildverbiss. Der empfindliche Speierling vermehrt sich deshalb in der Natur nur sehr schlecht. Auch das "künstliche" Anziehen junger Pflänzchen in Zuchtanlagen ist äußerst kompliziert. 

Aus der "Wurzelbrut"

Der Baum vermehrt sich auf zweierlei Wegen. Wohl am häufigsten ist die vegetative Vermehrung über Wurzeln, die in der Nähe des Baums neu ausschlagen. Bei dieser ungeschlechtlichen Vermehrung – Jochen Schenk spricht hier von "Wurzelbrut" –  entstehen Pflanzen, die ein identisches genetisches Material haben wieder der Mutterbaum.  "Es sind Klone dieses Baums", sagt Schenk. 

Ein Größenvergleich: ein mittelgroßer Apfel und die Früchte des Speierlings. Foto: Deppisch

Die andere, die geschlechtliche Vermehrung geschieht über Pollen in den geöffneten Blüten. Es bilden sich die kleinen, apfelähnlichen Früchte aus, die allerdings jeweils nur sehr wenige Samen enthalten. Mit der Reife fallen die Früchte dann zu Boden. Und dort bleiben sie erst einmal liegen, ohne dass sich etwas rührt. "Die Samen haben eine eingebaute Keimhemmung", schildert Schenk dieses Wunder. So verhindert Mutter Natur, dass die genetisch veränderten Nachkommen sofort und direkt unterhalb des Mutterbaums zu wachsen beginnen. Denn das grundsätzliche Ziel ist ja eine flächige Vermehrung der Art, möglichst weit weg vom Ursprungsbaum.  

Tierische Helfer

Da die Samen nicht fliegen und vom Wind davon getragen werden können, sondern am Boden unter dem Baum liegen, brauchen sie Helfer. Und die kommen schnell und zuverlässig. "Sauen und Füchse lieben die Früchte des Speierlings", sagt der Förster. Die Tiere fressen und ziehen weiter. Später werden mit dem Kot der Tiere auch die Samen des Speierlings wieder ausgeschieden. Und dann ist das Wunder vollzogen: Im Verdauungstrakt der Tiere wurde die Keimhemmung der Samen aufgehoben. Nun könnten kleine neue Bäumchen entstehen. Allerdings habe sie es so schwer, dass es in der Praxis so gut wie keine Naturverjüngung gibt.

Untersuchung des Gen-Pools

Auf das besondere Speierling-Vorkommen im Mahlholz ist inzwischen auch das Bayerische Amt für Waldgenetik (AWG) in Teisendorf aufmerksam geworden. Dort läuft noch bis Mitte dieses Jahres das Projekt P 034,  die "Erarbeitung von Herkunftsempfehlungen und Verbesserung der Erntebasis für die vier seltenen Baumarten Feldahorn, Flatterulme, Speierling und Eibe in Bayern auf genetischer Grundlage". Dabei werden das Speierling-Vorkommen im Freistaat erfasst und die Genetik der Bäume untersucht. Das Projekt soll die Grundlage schaffen, um künftig die Versorgung mit qualitativ hochwertigem Saat- und Pflanzgut beim im Zeichen des Klimawandels notwendigen Waldumbau sicherzustellen.

Förster Jochen Schenk sieht den Speierling als einen wichtigen Baustein für den Wald in Zeiten des Klimawandels. Foto: Norbert Vollmann

Jochen Schenk ist schon gespannt, welches Ergebnis die Gen-Untersuchungen im Mahlholz bringen werden und "welche genetische Breite da ist". Die Speierlinge stehen dort sowohl in Gruppen (wobei es mehrere solcher Gruppen gibt), als auch als Einzelexemplare. Die Bäume in den Gruppen könnten sich als Klone über Wurzelbrut vermehrt haben oder sie stammen tatsächlich teils von heruntergefallenen Früchten ab. Einzelstehende Bäume hingegen scheinen nur durch die Samenverteilung über Wildsau und Fuchs entstanden zu sein. Sie müssten dann auch unterschiedliche Gene haben. Details werden die Spezialisten der AWG aus Teisendorf ans Licht bringen.

Plan: Nachkommen aus dem Mahlholz

Förster Jochen Schenk hat noch weitere Pläne: Das große Speierling-Vorkommen im Mahlholz soll künftig genutzt werden, um möglichst viele junge Bäume zu züchten, die dann im Stadt- und im Bürgerwald gepflanzt oder anderen Waldbesitzern in der Region zum Kauf angeboten werden. Er hat bereits mit Bindlach Kontakt aufgenommen, wo die Bayerischen Staatsforsten eine "Samenklenge", eine Einrichtung zur Saatgutversorgung und Anzucht, unterhalten. Schenk sammelte im vergangenen Herbst bereits unter den Speierlingsbäumen im Mahlholz Früchte auf und lagerte sie ein.

Damit soll heuer nun in der Samenklenge versucht werden, kleine Bäumchen zu züchten. Ob es klappt, ist ungewiss. "Es stehen noch große Fragezeichen im Raum", gibt Jochen Schenk zu. Insbesondere geht es auch um die Frage, wie man die Keimhemmung der Samen durchbrechen kann. "Es scheint aber so zu sein, dass die bei der Gärung der Früchte jetzt entstehende Säure möglicherweise etwas damit zu tun hat."

Falls es klappt, dann könnte das wertvolle Vorkommen des Speierlings im Mahlholz ein wichtiger Baustein werden für eine neue Generation von Wald, die mit den Folgen des Klimawandels gut zurechtkommt.

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