SULZHEIM

Der lange Weg zurück in den Zahnarzt-Beruf

Der syrische Zahnarzt Dr. Mohamed Khair Keji (links) muss wieder ganz von vorne anfangen. In der Praxis von Dr. Franz Schütz leistet er ein Praktikum. Auf dem Behandlungsstuhl Zahnarzthelferin Selina Smuda. Foto: Norbert Finster

Dr. Mohamed Khair Keji steht am Empfang der Zahnarztpraxis von Dr. Franz Schütz und blickt in ein Vokabelheft. Fein säuberlich geschrieben stehen dort teils seltsame Wörter, deren Bedeutung sich auch so manchem Deutschen nicht erschließt. Der Rosenbohrer zum Beispiel.

Der junge Syrer muss nicht nur Deutsch auf Standardniveau lernen, sondern auch die Fachsprache der Zahnärzte. Nicht nur in der Fremdsprache Deutsch, sondern auch in seiner beruflichen Karriere fängt er ganz von vorne an. Er befindet im Status eines Praktikanten. Schuld daran ist der Bürgerkrieg in Syrien, der nun schon so lange dauert wie der Zweite Weltkrieg.

Praxis für 5000 Dollar

In seinem Heimatland war Mohamed schon als Zahnarzt approbiert. Sechs Jahre Studium an der Uni, dann erst einmal in einer Praxis eines Kollegen mitarbeiten – diese Karriere unterscheidet sich zunächst nicht sehr stark von der in Deutschland. Wenn aber ein Zahnarzt in Syrien eine eigene Praxis aufmachen will, muss er aber erst einmal für zwei Jahre aufs Land. Das tat Mohamed in einem Dorf nahe Aleppo. Die Praxis mit zwei kleinen Behandlungszimmern hat er für 5000 Dollar gekauft. Das ist hierzulande nicht allzu viel Geld, in Syrien aber schon. Seine Eltern halfen ihm.

Patient zahlt in Syrien alles selbst

Eineinhalb Jahre hat Mohamed in seiner Praxis gearbeitet. In Syrien kommen die Patienten nicht mit ihrer Versichertenkarte zum Zahnarzt, sondern sie müssen die Behandlung komplett selbst bezahlen. Dazu muss der Zahnarzt erst einmal einen Kostenvoranschlag machen.

Von den zwei Helferinnen war eine nur mit der Abrechnung beschäftigt, die andere assistierte am Behandlungsstuhl. So um die 15 Patienten hatte Mohamed am Tag.

Bis die Bombe kam. Im wahrsten Sinne des Wortes zerstörte der Krieg mit einem Schlag Mohameds Existenz. Die Praxis lag in Schutt und Asche.

Mohameds Entscheidung stand ziemlich schnell fest. Er wollte Syrien verlassen, Richtung Deutschland. Wie viele junge Menschen sieht der 28-Jährige auf lange Sicht keine Zukunft in dem Bürgerkriegsland. Ein Ende des Krieges ist nicht absehbar. Jeder bekämpft jeden. Von den unüberschaubar vielen Kriegsparteien kann Mohamed keine einzige erkennen, die dem Volk etwas Gutes will. Und jede Gruppierung will die Menschen in ihrem Einflussbereich zu ihren Kämpfern machen. „Wenn du nicht für uns bist, bist du tot“

1200 Dollar für waghalsige Seefahrt

Die Flucht nach Deutschland Mitte 2015 war hart und kostete wieder viel Geld. 1200 Dollar waren fällig für die gefährliche Überfahrt nach Griechenland. Dann lief er zu Fuß und alleine über den ganzen Balkan bis an die deutsche Grenze. 24 Tage hat das gedauert.

In Deutschland war am Anfang alles sehr schwer. „Nicht einmal die Namen auf den Anzeigetafeln im Bahnhof konnte ich lesen“, erinnert sich Mohamed. Er bekam einen Wohnplatz in Schweinfurt und wurde als Flüchtling anerkannt. Schnell hat er das B1-Niveau in Deutsch erreicht. Sein Nachbar in Schweinfurt ist sehr nett. Doch Mohamed weiß auch, dass es viele in Deutschland gibt, die die Flüchtlinge nicht wollen.

Er hat dafür sogar ein bisschen Verständnis. Denn einige Ausländer, auch Syrer, würden sich falsch verhalten in ihrem neuen Land und seien kriminell. Um das zu erklären, benutzt Mohamed ein syrisches Sprichwort: „Nicht alle Finger einer Hand sind gleich.“

Auch fachsprache lernen

Mohamed will hier wieder werden, was er in Syrien einmal war: Zahnarzt. Doch nichts von dem, was er in Syrien erreicht hat, wird hier anerkannt. Erste Voraussetzung für den Neustart ist das B2-Level in Deutsch. Dann muss er in einer Prüfung seine Kenntnisse in der Fachsprache nachweisen. Ist das geschafft, darf er zwei Jahre lang in einer Praxis in Bayern assistieren. Verläuft auch das gut, bekommt er seine Approbation und kann in ganz Deutschland arbeiten.

Praktikant darf nur zuschauen

Seit dem 15. Februar ist Mohamed in der Praxis von Franz Schütz und seinem Kollegen Dr. Emmanouil Spanos. Das Praktikum hat Erna Kleinhenz vermittelt, eine von vier Willkommenslotsen bei der Handwerkskammer für Unterfranken.

Von seinem zahnärztlichen Können darf der Praktikant nichts unter Beweis stellen, denn am Patienten zu arbeiten ist ihm nicht erlaubt. Er darf nur zuschauen.

Für Franz Schütz hat das einen Nachteil: „Ich weiß nicht, was ich ihm erklären soll. Vielleicht ist das, was ich sage, für ihn nur ein Kinkerlitzchen, vielleicht ist es aber auch etwas total Neues.“ Die Bestimmungen des Praktikums führen auch dazu, dass Schütz kaum einschätzen kann, wie gut sich Mohamed auf seinen Beruf versteht.

Aber es geht aufwärts, auch privat. Vor zehn Monaten durfte Mohameds Frau nach Deutschland nachkommen. Seit Kurzem ist er glücklicher Vater eines Mädchens.

Und ebenfalls seit Kurzem weiß der junge Syrer auch, was ein Rosenbohrer ist: ein zahnärztliches Instrument, um Karies zu entfernen.

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