Der lange Weg zurück ins Leben

Tobias WeigandRuth Tellert-Weigand spricht über den Kampf um den schwer erkrankten Tobias und will anderen helfen
Oben: Reit-Therapie für Tobias. Seine Mutter Ruth Tellert-Weigand sitzt hinter ihm.
Oben: Reit-Therapie für Tobias. Seine Mutter Ruth Tellert-Weigand sitzt hinter ihm. Foto: FOTO Weigand

Kurz vor der Abreise in die USA zur zweiten Doman-Therapie im Family Hope Center in Philadelphia Anfang Dezember hatte Ruth Tellert-Weigand einem ausführlichen Gespräch nach ihrer Rückkehr zugestimmt. Ihr Sohn Tobias hatte sich nach dramatischen Monaten Ende September endlich stabilisiert. Vor dem Abflug gab die Familie über den Freundeskreis eine Pressemitteilung an die Medien, um die Menschen, die um ihren Sohn gebangt hatten, über die Fortschritte zu informieren.

Unser Gespräch findet vier Tage vor Heiligabend in der Wohnung der Weigands statt, in dem Zimmer, das früher einmal das Wohnzimmer war. Ein Regal mit Büchern und eine Stereoanlage erinnern noch daran. Sonst nicht mehr viel. Mitten im Raum steht die Überdruckkammer, in der Tobias jeden Tag zwei Stunden liegt. Dabei kann er entspannen, durch den höheren Luftdruck wird die Sauerstoffversorgung verbessert, was die Genesung seines Gehirns unterstützt. Über der Kammer schwebt eine Liegeschaukel, hergestellt aus einer alten Katastrophenschutztrage, die mit Seilen an der Decke befestigt ist. Der Couchtisch ist zur Behandlungsliege umfunktioniert, auf dem Sofa liegt ein großer Thera-Ball, daneben eine kleine Puppe und ein Milchfläschchen.

Es sind Lauras Puppe und Fläschchen. Ruth Tellert-Weigand wiegt ihre kleine Tochter im Arm, Tobi – wie sie ihn zärtlich nennt – liegt im Kinderzimmer, im Bett, das eigentlich Lauras ist. Nur drei kleine blaue Plastikkisten im Kinderzimmer gehören Laura, darin liegen ihre Kleider und Spielsachen, gepackt für den Notfall. Falls Tobi ins Krankenhaus muss, geht Laura zur Oma.

Die Krankheit kann wieder ausbrechen

Sie war erst wenige Wochen alt, als ihr damals dreijähriger Bruder Anfang Oktober 2008 plötzlich hohes Fieber bekam. Er war an der seltenen Bluterkrankung namens Hämophagozytose (HLH) erkrankt. Ab 6. November bis Ende April zog Laura mit ihrer Mutter und ihrem Bruder von Krankenhaus zu Krankenhaus. Es würde ihr sicher gut tun, wenn sie jetzt in den Kindergarten könnte, sagt Ruth Tellert-Weigand. Aber das Risiko ist zu groß, dass sie das Pfeiffersche Drüsenfieber mit nach Hause bringt. Gegen diese Krankheit hat Tobias keine Abwehrkräfte, deswegen ist die HLH entstanden, die tückische Viruserkrankung, die sein Gehirn angegriffen hat.

Ob da denn nicht die Knochenmarkspende helfen könne? Schließlich sei doch ein passender Spender für Tobias gefunden worden. Ruth Tellert-Weigand überlegt einen Moment, bevor sie antwortet. Es scheint fast zu schmerzhaft, darüber zu reden. Die Krankheit, die derzeit ruht, aber jederzeit wieder ausbrechen und sein Leben bedrohen kann, könnte ganz geheilt werden, wenn sein Körper die Spende annimmt. Er bekommt sie aber nicht, weil die behandelnden Neurologen die Schäden seines Gehirns als so aussichtslos eingestuft haben, dass sie die Transplantation für überflüssig halten.

Das sei der tiefste Punkt gewesen, sagt Ruth Tellert-Weigand, als die Ärzte ihren Sohn als unheilbar nach Hause entlassen hatten. Was dann folgte, nennt sie selbst eine Kriegserklärung an alle, die ihn aufgegeben hatten. Nach nächtelanger Suche fand sie im Internet die Doman-Therapie, mit deren Hilfe viele Menschen aus dem Wachkoma ins Leben zurückkamen, wieder gehen, hören, am Leben teilnehmen lernen. Erst seien sie und ihr Mann sehr skeptisch gewesen, Jürgen Weigand ist Arzt, sie selbst Krankenschwester. Aber als sie die Geschichte von Marietta gelesen und mit der Mutter des Mädchens telefoniert hätten, seien sie überzeugt gewesen, den richtigen Weg gefunden zu haben. Die Achtjährige, die von den Ärzten auch aufgegeben worden war, kann heute wieder sehen und gehen und gilt an ihrer Schule als hochbegabt.

Auch Tobias geht es nach zweieinhalb Monaten Doman-Therapie besser, er nimmt Geräusche wahr, fängt an, Umrisse zu sehen. Die Therapie steht sozusagen auf vier Füssen: der Osteopathie, einer Behandlung, die Spannungen im Körper abbaut; die Überdrucktherapie, die bei Tobias so gut angeschlagen hat, dass seine Eltern ihre Ersparnisse verwendeten, um die 8000 Euro teure Kammer zu kaufen; als drittes die spezielle Ernährung – Tobias wird über eine Magensonde ernährt, aber nicht mehr mit Fertignahrung, sondern gekochtem Gemüse, Obst, Fleisch, Ziegenmilch und Ölen, die passiert werden; als viertes schließlich die eigentlichen Übungen, sechs bis sieben Stunden am Tag, bei denen mit starken Reizen das Sehen, Hören, Riechen und Schmecken angeregt wird.

Erfahrungen an andere weitergeben

Trotz ihrer Erschöpfung, trotz der schrecklichen Monate, in denen Tobias mehrmals fast gestorben wäre, will Ruth Tellert-Weigand ihre Erfahrungen an andere betroffene Eltern weitergeben. Das ist ein Grund, warum sie an die Öffentlichkeit geht, obwohl es nicht leicht für die Familie ist, so viel Persönliches in der Zeitung zu lesen. Die Information sei auch ein Dank an die Menschen, die die Familie unterstützt haben und an die Medien, die sehr sensibel berichtet hätten, sagt Ruth Tellert-Weigand.

Und es gibt ihr Gelegenheit, dem Gerede entgegenzutreten, wie es wohl dazu komme, dass die Familie jetzt ein Haus baut. Das sei schon lange geplant, sagt sie, der Bauplatz gekauft, bevor Tobias krank wurde. Jetzt müssten sie bauen, weil in der Wohnung viel zu wenig Platz sei. Das Haus muss rollstuhlgerecht sein, Tobias brauche dringend ein Zimmer auf der Wohnebene. Natürlich würden sie den Hausbau selbst finanzieren, die Spenden auf das Konto des Rotary-Clubs Schweinfurt Peterstirn für Tobias würden ausschließlich in seine Therapie fließen, die rund 10 000 Euro im Jahr kostet.

Wie es ab Ende Januar weitergehen soll, weiß Ruth Tellert-Weigand noch nicht. Bis dahin ist die Krankenschwester genehmigt, die täglich sieben Stunden lang kommt. Die Familie hofft, dass die Genehmigung verlängert wird. Wenn Ruth-Tellert Weigand von den finanziellen Sorgen erzählt, vor allem aber vom Kampf um das Leben von Tobias, wirkt sie erschöpft. Seit Wochen ist sie kaum aus dem Haus gekommen. Aber wenn sie von Tobias und seiner Reittherapie erzählt, oder vom Lied, das eine Freundin für ihren Sohn komponiert hat, von den Kindern, denen geholfen wurde oder der Frau, die ihr dreimal die Woche ein Brot vom Bäcker mitbringt, dann ist ihre Kraft und Zuversicht zu spüren.

Online-Tipp

Der Freundeskreis der Familie pflegt die Homepage www.tobias-weigand.de mit Informationen auch über Doman- und Überdrucktherapie und einem Link zur Seite „kleine Helfer“, Gedichte, die der Familie Mut gemacht haben. Wer Hilfe braucht, kann sich an Familie Weigand, Tel. (0 97 21) 18 73 75 wenden.

Tobias bei der Behandlung.
Tobias bei der Behandlung. Foto: FOTO Winterhalter

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