SCHWEINFURT

Der letzte Fahnenappell: Die Army ist gegangen

Ende einer Ära: Mit einer ebenso herzlichen, humorvollen wie knappen Zeremonie hat sich die US Army endgültig aus Schweinfurt verabschiedet.
Der letzte Fahnenappell: Die Army ist gegangen

Die Flagge der Garnison wandert ins Institut für Heraldik der US Army in Fort Belvoir, Virginia. Aber zwei der Sternenbanner, die den Tag über noch über Ledward und Conn Barracks geweht hatten, bleiben hier. Die Army machte sie der Stadt und dem Landkreis zum Geschenk. „Als kleines Symbol unserer Wertschätzung für Ihre Gastfreundschaft, Freundlichkeit und Großzügigkeit“, wie Colonel Christopher M. Benson sagte.

Mit einer ebenso herzlichen, humorvollen wie knappen Zeremonie im Andrus Garden vor dem ehemaligen Hauptquartier in den Ledward Barracks – da, wo jedes Jahr der Christbaum leuchtete – hat die US Army am Freitag zum letzten Mal die Flaggen eingeholt. Damit sind alle Army-Standorte in Ober- und Unterfranken endgültig geschlossen.

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Letzter Fahnenappell der Schweinfurter

Benson ist Kommandeur der Garnison Ansbach und damit letzter kommandierender Offizier in Schweinfurt. Er hat bereits vier Standorte geschlossen: Fort Ord in Kalifornien, Heidelberg, Bamberg und nun eben Schweinfurt. „Achten Sie also darauf, dass Sie nicht zu nah bei mir stehen“, scherzte er.

Nach den beiden Hymnen, symbolisch verbunden durch einen Trommelwirbel, kam das Casing of the Colours, die Verpackung der Flagge der Garnison. Sie wurde, anders als später das Star Spangled Banner, nicht kunstvoll zum Dreieck gefaltet, sondern, eingehüllt in eine Tüte aus Tarntuch, an der Stange belassen. Auch dies Aufgabe des Colour Detail, einer siebenköpfigen Abordnung von Soldatinnen und Soldaten in Paradeuniform, die sich, ungeachtet sehr unterschiedlicher Statur, perfekt synchron bewegen.

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Abschied der US Army

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In den vier Ecken der Geländes standen vier historische Jeeps mit passend Uniformierten, ansonsten waren außerhalb des Zeremoniells nur wenige Soldaten in Uniform zu sehen. Dafür waren mehrere Hundert Schweinfurter gekommen – Einheimische wie Amerikaner, und solche, die inzwischen beides sind. Die Honoratioren hatten ihre Plätze unter blauen Zeltdächern, die vielen anderen Gäste verteilten sich auf dem Rasen. Selbst von außen durch den Zaun verfolgten einige Schaulustige den Abschied.

Kathleen Y. Marin, europaweite Chefin der Army-Standortverwaltungen, Oberbürgermeister Sebastian Remelé, Landrat Florian Töpper und Colonel Benson dankten in ihren Reden vor Vertretern aus Politik und Gesellschaft für 70 Jahre Partnerschaft und gegenseitige Unterstützung. Sie würdigten, dass nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs aus Gegnern schließlich Freunde wurden. Und sie vergaßen auch die vielen zivilen Angestellten nicht, die über die Jahrzehnte für die Garnison arbeiteten.

Remelé und Töpper hielten ihre Reden auf Englisch. Remelé schilderte, wie nach anfänglicher Ungewissheit schnell Vertrauen entstand. Und wie im Kalten Krieg aus der Besatzungs- bald ein Schutzmacht wurde: „Bei nicht wenigen Zeitgenossen ist diese damalige Bedrohungslage durch die Sowjetunion schon in Vergessenheit geraten.“ Florian Töpper zitierte das Wort Richard von Weizsäckers von 1985: „Wir sind befreit worden.“ Eine Tatsache, die erst durch diese Rede in vielen Teilen der Gesellschaft akzeptiert worden sei, so Töpper.

Viele Menschen, so der Landrat, hätten ihre eigenen Erinnerungen an die Amerikaner: „Sei es das deutsch-amerikanische Volksfest, das schon lange der Vergangenheit angehört, sei es die Präsenz der US-Soldaten im Schweinfurter Nachtleben oder seien es die kräftigen Gesänge, die eben jene Soldaten bei ihren Übungsläufen auf der Heeresstraße von sich gaben und die bei entsprechender Windrichtung und offenem Badezimmerfenster die Begleitmusik zur morgendlichen Rasur bilden konnten.“

Alle Redner äußerten die Hoffnung, dass die vielfältigen Verbindungen zwischen Amerikanern und Deutschen auch nach dem Abzug weiter bestehen mögen – in den Herzen und in der Erinnerung. Eine Erinnerung besonderer Art wurde den eigens angereisten Mitgliedern der Familien Conn und Ledward zuteil – Nachfahren also jener beiden Soldaten, die bei der Befreiung Europas fielen und zu Namenspatronen für die beiden Kasernen der Schweinfurter Garnison wurden. Auch sie bekamen jeweils ein gerahmtes Sternenbanner überreicht.

„Ein sehr emotionaler Moment“, sagte Susan Ledward, Großnichte von William Ledward hinterher. „Absolut überwältigend“, ergänzte ihr Bruder Raymond. Sie werden die Flagge daheim ihrem Vater übergeben. „Wir sind eine kleine Familie, und das Erbe unseres Großonkels ist bei uns immer präsent.“

Bewegende Momente: Das Star Spangled Banner wird zum letzten Mal eingeholt (oben). Nachfahren der beiden Namensgeber der Kasernen – Conn und Ledward – bekommen zwei gerahmte Flaggen überreicht (unten). Vertreter aus Politik und Gesellschaft und viele Schaulustige verfolgen die Zeremonie (mittleres Bild).
Bewegende Momente: Das Star Spangled Banner wird zum letzten Mal eingeholt (oben). Nachfahren der beiden Namensgeber der Kasernen – Conn und Ledward – bekommen zwei gerahmte Flaggen überreicht (unten). Vertreter aus Politik und Gesellschaft und viele Schaulustige verfolgen die Zeremonie (mittleres Bild). Foto: Anand Anders

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