GEROLZHOFEN

Der schlagfertige Konter des Pfarrers

Oti Schmelzer in fränkischen Farben bei seinem Mittwochsauftritt im Gerolzhöfer Theaterhaus.
Oti Schmelzer in fränkischen Farben bei seinem Mittwochsauftritt im Gerolzhöfer Theaterhaus. Foto: Norbert Finster

Oti Schmelzer steht nicht zu seinen Texten. Er distanziert sich von ihnen. Das hat er selbst so gesagt. Vieles hätte er auch gar nicht erzählen dürfen. Aber er hat es trotzdem erzählt. Insofern ist gar nicht so schlimm, dass vieles von seinem Vortrag am Mittwoch im ausverkauften Theaterhaus doch recht nahe an die Gürtellinie ging, wenn nicht darunter.

Auch wenn es manchmal etwas zotig-derb zuging, Oti Schmelzer ist ein Erlebnis. Seine stark inszenierte Bauern- beziehungsweise Winzerschläue, sein Dialekt, seine Ideen, sein Esprit und seine Vortragskunst schlagen den Zuschauer in den Bann. Am Ende merkt er gar nicht, dass er dem Mimen schon 100 Minuten gelauscht hat.

Otis erste Wörter als Baby

Seine Zuneigung zu Theaterhaus-Leiterin Silvia Kirchhof bekennt Oti schon am Anfang. Die ersten Wörter, die er als Baby gelernt hat, heißen nicht Mama oder Papa, sondern Stadttheater Gerolzhofen.

Den im Publikum sitzenden evangelischen Pfarrer Reiner Apel begrüßte Oti mit dem unglaublich schnell und textsicher vorgetragenen Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. . . “). Der Pfarrer kontert den Kabarettisten schlagfertig: „Das war die Einheitseinübersetzung. Und jetzt bitte die Luther-Fassung.“ In diesem Moment hat Reiner Apel die Lacher auf seiner Seite.

Auch die Katholiken kommen dran: Auf dem jüngsten Kirchentag hat Oti „40 000 Weiber“ gesehen und keine hat ihm gefallen.

Club als Sado-Maso-Ersatz

Themenwechsel: Oti ist Club-Fan, denn ein Sado-Maso-Studio kann er sich nicht leisten. Und in Nürnberg steht der höchste Berg überhaupt, weil der Club immer ein ganzes Jahr braucht, bis er aufsteigt und dann wieder absteigt.

Dann holt der Oberschwappacher mit Achim Winkelmann ausgerechnet in Gerolzhofen einen Volkacher auf die Bühne, einen „ortsfremden Migranten.“ Er muss Oti in Ministranten-Manier das Buch mit den Texten für den nächsten Gags vorhalten. Dabei sind Gerolzhofen und sein Bürgermeister an der Reihe: „Der Bürgermeister ist heut' nicht im Saal, denn da müsst er natürlich bezahl.“

Stadtrat wirft das Geld raus

Auch zu den aktuell laufenden Grabarbeiten rund ums Alte Rathaus hat sich Oti Gedanken gemacht. „Hier wird wohl ein Rasen verlegt, damit man nicht hört, wie der Stadtrat das Geld zum Fenster naus wirft.“

Selbst die Pause ist durch und durch fränkisch. Mitglieder des Kleinen Stadttheaters servieren Bremser und Brote mit Aufstrichen. Draußen vor dem Theaterhaus, wo die Theaterbesucher verköstigt werden, ist es inzwischen dunkel und auch recht kühl geworden. Doch Oti bringt das bunt gemischte Publikum schnell wieder auf Temperatur mit seinem Fasnachts-Aerobic, bei dem an Ende alle Körperteile rotieren.

Der angetrunkene Pilger

Jetzt erst merken die Zuschauer, dass Oti gar keine Schlappohren, sondern durchaus wohlgeformte Lauscher hat. Denn jetzt hat er den fränkischen Dreispitz, der ihm die Ohren hinuntergedrückt hat, mit einer Pfarrerskappe vertauscht. Als angetrunkener Pilger macht er Anspielungen an die Missbrauchsvergehen in der katholischen Kirche.

Oti unterteilt in eine kirchliche und eine politische Wallfahrt und dekliniert mit dem Publikum in Litaneiform die Wertigkeit der Schafkopfkarten durch („Schelln Siemer, nix für uns. . . ).

Nationalparkgegner

Mit dem Klatschverhalten seines Publikums ist Oti auch nicht ganz zufrieden. Entweder keiner oder alle. „Bitte nicht vereinzelt patschen, das stört die andern beim Denken.“ Und schließlich outet sich Oti noch als Nationalparkgegner: „Wo klaust du dann dein Holz.“

Aber Otmar Schmelzer, der in seiner Kindheit als echter Wildfang galt, kann auch ganz artig sein. Wie ein keiner Schuljunge sagt er sein Gedicht an Maria aus dem Publikum auf. Die Besucherin aus der Oberpfalz hat an diesem Tag Geburtstag. Oti zeigt: In Franken geht man eben freundlich mit Oberpfälzern um, ganz anders als umgekehrt die „Altneihauser Feierwehrkapelln“, die es immer so derb mit den Franken treibt.

Seit sieben Jahren in Veitshöchheim

Womit wir mitten im Herbst bei der Fränkischen Fasenacht sind. Seit 2011 gehört Humorist Oti zum festen Künstlerstamm der „Fastnacht in Franken“ und erfreut sich wachsender Beliebtheit. In Veitshöchheim kommen die Fasenachter aus Franken immer wie eine große Familie zusammen, berichtet der Komödiant und lässt sich das von Silvia Kirchhof bestätigen. Wenn das nicht so wäre, würde er längst nicht mehr mitmachen, verrät Oti. Aber er gibt auch zu: Die „Fasnacht in Franken“ ist ein dickes Sprungbrett für alle Künstler, die dort auftreten.

Am Ende macht Oti den Gerolzhöfern noch ein Kompliment. „Erscht hab ich ja gedacht, die Gerolzhöfer sin ganz komische Leut', aber jetzt geht's doch.“ Rauschender Beifall. Die Schlussharmonie ist hergestellt und so können Bühnenakteur und Publikum gemeinsam aus voller Kehle alle sechs Strophen des Frankenlieds singen.

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