Gerolzhofen

Der virtuelle Waldkindergarten in Zeiten von Corona

Die Kinder des Waldkindergartens Gerolzhofen treffen sich wegen der Ausgangsbeschränkungen derzeit online: Vor dem Bildschirm singen und spielen sie mit ihren Betreuerinnen.
Der Online-Morgenkreis des Waldkindergartens Gerolzhofen: Auf das tägliche Ritual freuen sich die beiden Waldkindergartenkinder (von links) Kaspar und Elsa sowie deren ältere Geschwister Mathilda und Flora, die bereits Schulkinder sind, aber dennoch gerne mitmachen.
Der Online-Morgenkreis des Waldkindergartens Gerolzhofen: Auf das tägliche Ritual freuen sich die beiden Waldkindergartenkinder (von links) Kaspar und Elsa sowie deren ältere Geschwister Mathilda und Flora, die bereits Schulkinder sind, aber dennoch gerne mitmachen. Foto: Norbert Groeger

Aus dem Wohnzimmer erklingen die Stimmen unzähliger Kinder, die lauthals singen: „Hallo! Hallo! Schön, dass Du da bist! Hallo! Hallo! Wir freuen uns so sehr.“ Die Kinder des Waldkindergartens Gerolzhofen stimmen ihr Begrüßungslied an und beginnen so den täglichen Morgenkreis. Doch keine der 18 Kindergartenfamilien verstößt gegen die in Bayern aktuell geltenden Ausgangsbeschränkungen, welche die Ausbreitung des Virus SARS-CoV-2 bremsen sollen, denn: Der Morgenkreis findet virtuell statt. Im Wohnzimmer drängen sich die Kinder einer Familie vor einem Laptop. Die restlichen Kinderstimmen kommen aus dem Lautsprecher.

Auf dem Bildschirm sind kleine Kacheln, auf denen man die übrigen Waldkindergartenkinder sehen kann - auf dem heimischen Sofa, der Eckbank am Esstisch oder im Kinderzimmer sitzend. Alle schauen wie gebannt auf Laptops, Handydisplays oder PC-Monitore, wo nun in einer großen Kachel Kindergartenleiterin Ulli Hillebrand erscheint. Sie war es, die sich eine Online-Konferenz für den Morgenkreis ihrer Schützlinge ausgedacht hat. Zusammen mit ihrem Team gestaltet sie jeden Tag eine Dreiviertelstunde, in der Lieder gesungen, Bücher vorgelesen und Fingerspiele geübt werden – alles von zuhause aus. Auch kleine Anregungen gibt es, so dass die Kinder gleich nach dem Morgenkreis zusammen mit Mama oder Papa an einem Bastel- oder Malauftrag arbeiten können, beschäftigt sind und vor allen Dingen am nächsten Tag etwas zum Präsentieren haben.

Freunde und Freundinnen sehen

Denn: „Hauptsächlich geht es darum, dass die Kinder ihre Freunde und Freundinnen sehen können. Dass sie sich austauschen können und in Verbindung bleiben. Und dass sie wissen: Ich bin nicht alleine in dieser Situation. Wir schaffen das gemeinsam“, erklärt Ulli Hillebrand. Und so ruft sie dann auch das erste Kind auf, das nun seine gefalteten Blumen präsentieren und erzählen darf, wie es den gestrigen Tag verbracht hat. Wer aufgerufen wird, ist für alle auf dem Bildschirm groß zu sehen. Anna zeigt stolz ihre Blumen in die Kamera. Sie erzählt, dass sie Gänseblümchen im Garten entdeckt hat.

Nun weiß plötzlich jeder von Blumen, Schmetterlingen und Käfern zu berichten, die beim Spaziergang oder im Garten gesichtet wurden. Fast so, als wären die Kinder gemeinsam im Wald, an ihrem gewohnten Platz im Mahlholz unter Bäumen – und ganz ohne Corona. „Der Morgenkreis gibt den Kindern ein Stück Kontinuität in dieser Ausnahmesituation. Außerdem bekommt der Tag zuhause so auch ein wenig Struktur“, erklärt Pädagogin Gudrun Häfel-Mahler.

Tägliches Ritual

Manche Kinder haben das Ritual bereits fest verinnerlicht, "die sind wirklich jeden Tag dabei", sagt Kindergartenleiterin Hillebrand.  In der Regel nehmen etwa fünf bis zehn Familien teil, einmal seien auch schon zwölf Familien vor dem Bildschirm gewesen. Entscheiden könne das jeder selbst, den Link zur Videokonferenz haben alle Eltern per Mail erhalten, los geht es laut Hillebrand wochentags um 9 Uhr. Ermöglicht wird diese außergewöhnliche Zusammenkunft durch ein kostenloses Programm für „Cloud Meetings“, das sich eigentlich mit seinem Angebot an Unternehmen richtet. "Wir haben sogar schon eine Vorstandssitzung über Team-Meeting gemacht, drei Stunden lang", erklärt Hillebrand.

Der als Verein aufgestellte Waldkindergarten legt Wert darauf, dass sich Kindergartenpersonal und Eltern gut abstimmen. Deswegen stünde man mehrmals die Woche im Austauch, per Mail, Telefon oder Videokonferenz. "Es muss ja alles am Laufen gehalten werden." Und zu tun gebe es auch trotz Coronakrise genug. Die Vorschulkinder, derzeit acht an der Zahl, müssten weiter auf ihre Einschulung vorbereitet werden. Deswegen machen Pädagogin Häfel-Mahler und Praktikantin Tabea Jackson Übungen mit den Vorschülern. "Hören, lauschen, lernen" nennt sich das Konzept, es soll dafür sorgen, dass die Kinder in der Schule "leichter lesen und schreiben lernen", erklärt Hillebrand. Außerdem finden Elterngespräche am Telefon statt.

Wie geht es weiter?

Dass es mit dem normalen Kindergartenbetrieb in den kommenden Wochen oder Monaten wieder weitergeht, glaubt Hillebrand zwar schon. Allerdings fällt ihre eine konkrete Einschätzung schwer, da man erst die Entscheidungen der Regierung abwarten müsse. Jedenfalls stünden sie und ihr Team bereit. Auch eine Notgruppe ließe sich einrichten, falls die Situation länger dauert und der Bedarf da ist.

Die Handpuppen Kunigunde und Willibald sorgen im Waldkindergarten Gerolzhofen regelmäßig für Unterhaltung.
Die Handpuppen Kunigunde und Willibald sorgen im Waldkindergarten Gerolzhofen regelmäßig für Unterhaltung. Foto: Heike Häberlein

Bis dahin bleibt der Waldkindergarten erstmal nur "online" zugänglich . Die Eltern sind sich aber einig, dass der virtuelle Morgenkreis ein tolles Angebot ist und genießen selbst auch die Abwechslung, wenn die selbstgebastelten „Klopapierrollen-Prinz Willibald und Prinzessin Kunigunde“ in der Wohnung von Sozialpädagogin Heike Häberlein lustige Abenteuer erleben. Langweilig werde es jedenfalls nicht, wie Ulli Hillebrand versichert. Jetzt nach Ostern etwa hätten die Kinder von ihrer Nestsuche erzählt, eines der Waldkindergartenkinder hatte zudem Geburtstag, also wurde online mit den anderen gefeiert. "Ich muss sagen, dass diese 40 Minuten schnell gefüllt sind mit Inhalt." Und auch das Abschlusslied ist schnell umgedichtet: „Was ihr schon alle Tolles könnt, ist fein. Wir winken uns zum Abschied – gute Zeit daheim!"

Der Waldkindergarten Gerolzhofen
Gründung Der Trägerverein des Waldkindergartens Gerolzhofen wurde im April 2006 von 17 Versammlungsmitgliedern gegründet und ist gemeinnützig. Die Stadt Gerolzhofen hat im Stadtwald ein Grundstück zu Verfügung gestellt und den Bedarf an 20 Kindergartenplätzen ausgewiesen. Bereits am 12. September 2006 startete der Kindergartenbetrieb.
Pädagogik Das pädagogische Konzept ist staatlich anerkannt und wurde vom Jugendamt Schweinfurt geprüft. Der Waldkindergarten ist ein sogenannter Elterninitiativenkindergarten, das heißt, die Vereinsmitglieder organisieren den gesamten Kindergartenablauf in Zusammenarbeit mit den Erzieherinnen. Ziel des Konzepts ist eine naturnahe Erziehung. Die Kinder verbringen nach Angaben des Kindergartens täglich rund vier Stunden am Vormittag im Wald, auf Wiesen, Feldern und Wegen.
Eigenleistung In Eigenleistung haben die damaligen Waldkindergartenfamilien und Freunde eine Holzhütte im Mahlholz gebaut, in der sich die Kinder aufwärmen und spielen können.
Quelle: www.waldkindergarten-gerolzhofen.de

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