SCHWEINFURT

Dickes Minus oder leichtes Plus?

143 Seiten ist er dick, der Schulentwicklungsplan, und wohl das meistdiskutierte Dokument im Moment in der Stadt. Zumindest, wenn man Stadtrat, Lehrer oder Vater und Mutter mit Kindern im Schulalter ist. Nicht nur wegen der Pläne von Oberbürgermeister Sebastian Remelé, das Rathenau-Gymnasium zu schließen und mittelfristig die Rathenau-Realschule in deren Räumen mit der Schonunger Realschule zu verschmelzen, erfährt der Schulentwicklungsplan der Modus Wirtschafts- und Sozialforschung GmbH aus Bamberg Aufmerksamkeit.

Vorstellung der Ergebnisse

In einer Artikel-Serie stellen wir die Empfehlungen zur Zukunft der einzelnen Schularten in der Kugellagerstadt vor. Im Oktober gibt es eine weitere Sondersitzung des Stadtrats, bei der nicht nur die Rathenau-Problematik auf der Agenda steht. Zunächst ist es wichtig, die hinter dem umfangreichen Zahlenwerk stehende Systematik zu verstehen sowie den konkreten Auftrag der Stadtverwaltung an das Bamberger Institut.

Ausführliche Analyse

Edmund Görtler und sein Team haben zunächst eine ausführliche Analyse der Bevölkerungszahlen vorgenommen und präsentieren verschiedene Prognosen, wie sich Schweinfurt bevölkerungsmäßig bis 2034 entwickeln könnte. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Schülerzahlen. Neben den Grund- und Mittelschulen wurden auch Realschulen, Wirtschaftsschulen und Gymnasien einbezogen. Für jede Schulart wurden Handlungsoptionen entwickelt. Neben dem reinen Zahlenwerk, hinter dem viel Statistik steckt, flossen auch Gespräche mit den Schulleitern, bei denen nicht nur bauliche Probleme, sondern auch die Zukunft der Schule und des Kollegiums besprochen wurden sowie pädagogische Aspekte, in die Vorschläge mit ein. Modus sagt auch, welchen Vorschlag man selbst für am sinnvollsten hält. Natürlich müssen die Stadträte dem nicht folgen, da der politische Wille nicht deckungsgleich sein muss mit dem, was die Forscher empfehlen.

„Allgemein“, schreibt Görtler in der Einleitung, „sollte ein Schulentwicklungsplan folgende Ziele verfolgen. [...] 1. Regionalen Bedarf berücksichtigen. [...] 2. Nachhaltigkeit. [...] 3. Sinnvolle Nutzung von Ressourcen. [...] 4. Vielfalt.“ „Der Schulentwicklungsplan“, so Görtler, „sollte sicherstellen, dass die Schullandschaft dauerhaft eine Bandbreite an Schulformen und Bildungseinrichtungen beinhaltet.“ Die Grundlage der Berechnungen für die Prognose der Bevölkerungszahlen bis 2034 ist die „Komponenten-Methode.“ Sie ist in der Wissenschaft seit den 1930er-Jahren anerkannt, die am häufigsten verwendete Vorausschätzungsmethode und wird auch Methode der jahrgangsweisen Fortschreibung genannt. Sie geht von einer nach Alter und Geschlecht gegliederten Bevölkerung im Basisjahr – im Falle Schweinfurts ist der Stichtag der 31. Dezember 2014 – aus, die unter Berücksichtigung der variablen Geburtenhäufigkeit, Sterblichkeit und Wanderungen verändert wird. Von Modus ausdrücklich mit einberechnet sind die bis Ende 2015 in Schweinfurt angekommenen Flüchtlinge.

Sinkende Bevölkerungszahl?

Dass das mit der Genauigkeit und Verlässlichkeit von Prognosen aber so eine Sache ist, merkt man beim Lesen des Entwicklungsplanes schnell. Denn es ist eine entscheidende Frage, auf welcher Basis Daten erhoben wurden. Laut dem Bayerischen Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung zum Beispiel sank die Bevölkerungszahl in Schweinfurt zwischen 2000 und 2014 von 54 325 auf 51 610 Menschen, das wäre ein Rückgang um fünf Prozent. Doch das Einwohnermeldeamt der Stadt, so ist es auf Seite 16 zu lesen, verzeichnete für 2013 52 676 in Schweinfurt gemeldete Personen und zum 9. Dezember 2015 sogar 53 123 – demzufolge wäre Schweinfurt zuletzt wieder gewachsen.

Forscher uneinig

Klar ist, dass seit Jahren die Zahl der Sterbefälle (im Durchschnitt etwa 700) die Zahl der Geburten (im Durchschnitt rund 450) pro Jahr übertrifft – Schweinfurt kann also nur wachsen, wenn deutlich mehr Menschen hierher ziehen. Doch die Forscher sind sich über die Zukunft uneins. Für das Jahr 2034 prognostiziert das Landesamt für Statistik in Schweinfurt 49 900 Bürger. Die Bertelsmann-Stiftung hingegen kommt in ihren Berechnungen auf 50 920 Menschen.

Modus hat in seiner Prognose drei Varianten. Nach Variante eins würde Schweinfurt von heute 53 118 Menschen auf 48 728 im Jahr 2034 schrumpfen, das wäre ein Verlust von 8,3 Prozent. Variante zwei ergäbe noch 51 249 Menschen in der Stadt, Minus 3,5 Prozent. In Variante drei hätte man ein kleines Wachstum von 1,6 Prozent und würde bei 53 944 Menschen landen.

Die Unterschiede in den Varianten ergeben sich aus unterschiedlichen Prognosen zur Geburtenrate, zur Sterberate und vor allem zum Zuzug von außen. Sie zeigen aber auch exemplarisch die Schwierigkeiten bei derartigen Prognosen auf und wie problematisch es ist, solche Zahlen als absolut und unumkehrbar hinzunehmen. Kein statistisches Modell ist nämlich in der Lage zu berücksichtigen, wie sich Paare bei der Frage, ob sie Kinder haben wollen oder nicht, entscheiden, wenn sich die politischen Rahmenbedingungen ändern.

Demografie–Angst?

Die Arbeit des Modus-Instituts ist seriös und systematisch korrekt, daran besteht kein Zweifel. Gleichwohl gibt es in Forscherkreisen auch namhafte Skeptiker, die ihren Kollegen vorwerfen, „Demografie-Angst“ zu schüren. Zu ihnen gehört Gerd Bosbach, Professor für Statistik und Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz.

Seit über 40 Jahren bekomme man zu hören, Deutschland schrumpfe. Doch das Gegenteil sei richtig, betont Bosbach. Deutschland sei gewachsen, die Sozialsysteme bis jetzt aber keineswegs implodiert. Er hält das Thema Demografie für interessengesteuert, zumal seit 2011 die Geburtenrate in Deutschland kontinuierlich steigt. Außerdem hätten alle statistischen Vorhersagen in den vergangenen Jahrzehnten das Problem gehabt, dass sie Ereignisse wie zum Beispiel den Fall der Mauer, den Zusammenbruch des Ostblocks und zum Beispiel den Entschluss von Millionen Russland-Deutschen in die Bundesrepublik zu gehen, gar nicht berücksichtigen konnten. Aufgrund der Erfahrungen aus den letzten 40 Jahren plädiert der Professor grundsätzlich für gesunde Skepsis bei Zahlen die demografische Entwicklung betreffend.

ONLINE-TIPP

Der Schulentwicklungsplan ist öffentlich einsehbar unter www.schweinfurt.de/rathenau

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