GEROLZHOFEN

Die Demontage der alten Schulwerkstätten

Altbürgermeister Franz Stephan sieht im hohen finanziellen Zentralitätsverlustausgleich auch eine positive Seite der Gebietsreform. Durch sie konnten viele Einrichtungen mit zentralörtlicher Bedeutung in Gerolzhofen geschaffen werden. Foto: Norbert Finster

Gerolzhofen ist immer noch eine bedeutende Stadt zwischen Steigerwald und Main – trotz Verlust des Kreissitzes. Das ist das Fazit von Altbürgermeister Franz Stephan, der von 1977 bis 1989 an der Spitze der Stadt stand.

Natürlich ging die Gebietsreform 1972 einher mit dem graduellen Verlust von sechs Ämtern: Landratsamt, Finanzamt, Gesundheitsamt, Schulamt, Zollamt und Landwirtschaftsamt. Ein Verlust war das nicht nur, weil ein Stück Verwaltungszentralität verloren ging, sondern weil „die Beamten und Angestellten ein wichtiger Teil unseres städtischen Milieus waren. Viele von ihnen haben sich, über ihren Dienst hinaus in vielfältiger Weise engagiert“, sagt Stephan.

Persönlich bewegt hat den heute 72-Jährigen besonders die Auflösung sämtlicher Berufsschulen. Er selbst trat 1965 als Lehrer in der gewerblichen Berufsschule seinen Dienst an. Noch Anfang der 60er Jahre wurden für die gewerbliche, kaufmännische, hauswirtschaftliche und landwirtschaftliche Kreisberufsschule neue, moderne Gebäude an der Dreimühlenstraße errichtet. Es gab „hervorragend ausgestattete Lehrwerkstätten zur Ausbildung von Kfz-Mechanikern, Bauschlossern, Spenglern, Schreinern und Landmaschinenmechanikern. Es hat Stephan persönlich sehr bewegt, als im Zuge der Reform das Inventar der Lehrwerkstätten größtenteils verkauft und die Räume umfunktioniert wurden.

Gut erinnert sich der Altbürgermeister auch an den Ausbau des Kreiskrankenhauses in Gerolzhofen zwischen 1963 und 1965 mit 157 Betten. Tüchtige Ärzte wie Dr. Andreas Ernst oder Dr. Simon Schicker waren weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Auch das Volkacher Krankenhaus mit 68 Betten wurde ständig erneuert und erweitert.

Der Landkreis Gerolzhofen hatte mit Otto Konhäuser einen der wenigen hauptamtlichen Kreissportbeauftragten in Bayern. Auch die Jugendarbeit mit Siegfried Schaub als Leiter des Kreisjugendrings stand weit oben. Es gab Jugendfilmclubs in Gerolzhofen und Volkach mit Friedel Albert, Erich Stratmann und Walter Stock, erinnert sich Franz Stephan an die eigene Jugendzeit. Er zählt das alles auf, um zu sagen, dass Gerolzhofen beileibe kein Landkreis mit schwacher Infrastruktur war.

Gut in Erinnerung ist Franz Stephan noch der Autokorso, den er im Frühjahr 1972 zusammen mit Siegfried Schaub organisierte. Unter dem Motto „GEO muss bleiben“ fuhr ein langer Konvoi mit Lautsprechern und Plakaten durch den Landkreis. Auch dabei war zu sehen, dass der Landkreis nicht einheitlich aufgestellt war. „Größtenteils wurden wir in den Ortschaften nördlich und östlich von Gerolzhofen recht freundlich aufgenommen. Im südlichen und westlichen Landkreis war die Resonanz allerdings überaus verhalten, wenn nicht gar ablehnend. Man konnte da schon in etwa ahnen, wohin die Reise geht“, sagt Stephan.

Auch der Altbürgermeister berichte von großem persönlichen Einsatz, mit dem Landrat Ernst Kastner und die Verwaltung die Auflösung des Landkreises noch abwenden wollten. Ein Gegenvorschlag war der so genannte Lamping-Plan, ein wirtschaftsgeografisches Gutachten zur funktionalen Raumentwicklung im Landreis Gerolzhofen.

Es nutzte alles nichts, ab dem 15. Juni 1972 wurden im Landratsamt die Akten sortiert in Richtung Schweinfurt, Kitzingen, Haßfurt und Würzburg. Kaum bekannt: Weil die Mitarbeiter aus Gerolzhofen auf Schweinfurt und Kitzingen aufgeteilt wurden, richteten diese beiden Kreise kostenlose Buslinien für die übernommenen Bediensteten ein, die bis in die 90er Jahre in Betrieb blieben.

Aus dem Zentralitätsverlustausgleich mit überdurchschnittlichen fünf Millionen Euro bekam Gerolzhofen Einrichtungen, die heute noch überörtliche Bedeutung haben: das Bürgerspital mit Volkshochschule, Stadtbibliothek, Archiv und später auch Musikschule, die Renovierung des Rathauses mit Museum, die Erweiterung des Geomaris und die Erschließung der Industriegebiete im Norden.

Trotz des Verlusts haben es Bürgerschaft und Stadtrat geschafft, Gerolzhofen zu einem guten Ort zum Wohnen, zum Arbeiten und zu einer Stadt zum Leben zu entwickeln, schätzt Franz Stephan die heutige Lage ein.

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