SCHWEINFURT

Die Opfer des NSU: Wanderausstellung im Alten Rathaus

Ausstellung eröffnet: Frank Firsching (Schweinfurt ist bunt) und Referentin Birgit Mair vor der Tafel eines Opfers der r... Foto: Waltraud Fusch-Mauder

9. September 2000: Der Blumengroßhändler Enver Simsek vertritt in Nürnberg einen Angestellten, der im Urlaub ist, am mobilen Verkaufsstand. Um die Mittagszeit sieht man die Blumen, den Stand, den weißen Lieferwagen, aber keinen Verkäufer. Über zwei Stunden später findet ein Kunde den schwer verletzten Mann im Lieferwagen, getroffen von acht Kugeln. Enver Simsek stirbt zwei Tage später im Klinikum Süd. Er wurde nur 38 Jahre alt, hinterlässt seine Frau, eine Tochter (14) und einen Sohn (13).

Enver Simsek, 1961 in der Türkei geboren, ist der erste von zehn Migranten, welche die Neonazi-Verbrecher Uwe Mundlos und Uwe Bönhard vom so genannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) innerhalb von sieben Jahren eiskalt ermorden – einfach nur, weil sie ausländischer Herkunft sind. „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ ist die Wanderausstellung übertitelt, die seit Montag im Alten Rathaus zwei Wochen lang zu sehen ist. Die Diplom-Sozialwirtin Birgit Mair hat die Hinterbliebenen besucht, mit ihnen und ihren Anwälten gesprochen mit einem Ziel – die Opfer des NSU in einem menschlichen Licht zu zeigen. Enver Simsek etwa auf einem Privatfoto mit seiner Frau und auf einem anderen die ganze vierköpfige Familie im Flugzeug.

So stellt Birgit Mair, Mitarbeiterin im Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB), jedes der zehn Opfer auf je einer Ausstellungstafel mit biografischen Daten, Bildern und einem Zitat über diese vor. „Als er jung war, schrieb er Liebesgedichte“ heißt es über Enver Simsek, und über den Nürnberger Metallfacharbeiter Abdurrahim Özüdogru steht „Er war ein ganz, ganz lieber Mensch“. Ein Foto zeigt ihn mit seiner Frau, ein anderes mit seiner kleinen Tochter Tülin, wenige Wochen alt. Özüdogru ist 49 Jahre alt, als er am Nachmittag des 13. Juni 2001 in der kleinen eigenen Änderungsschneiderei von den Neonazi-Verbrechern mit zwei Schüssen in den Kopf „gezielt hingerichtet“ wird, so Birgit Mair. Er ist das zweite Opfer des NSU.

Jedes der zehn Opfer wird auf einer Tafel vorgestellt, im Bild gezeigt, mit Angehörigen – von Enver Simsek bis zu der Polizistin Michele Kiesewetter, die am 25 April 2007 in Heilbronn ermordet wurde als letztes bekanntes Opfer des NSU. Die Ausstellung umfasst aber nicht nur zehn, sondern 22 Tafeln. Über die Hälfte befasst sich mit den Bombenanschlägen der Untergrundnazis in Köln (2001 und 2004) sowie in Nürnberg (1999), mit ihren Raubüberfällen, durch die sie ihre Mordtaten und Untertauchen finanzierten, dem „Netzwerk NSU“ – und schließlich dem Totalversagen der Ermittlungsbehörden – insbesondere des Verfassungsschutzes – die sich jahrelang standhaft weigerten, rassistischer Tatmotive überhaupt in Erwägung zu ziehen.

Birgit Mair ist bei ihrer Arbeit offenbar tief in die Hintergründe des „nicht zu überbietenden Behördenversagens“ (Frank Firsching bei der Begrüßung) vorgedrungen. Nach dem zweiten Mord habe der Polizei klar sein müssen, dass der erste kein Auftragsmord der Ehefrau war, weil auch Abdurrahim Özüdogru mit derselben Waffe ermordet worden war – wie alle späteren Opfer ebenfalls. Die Ermittler seien auf Organisierte Kriminalität spezialisiert gewesen Ohne tiefere Ahnung von rassistisch motivierten Straftaten. Die seien schon deshalb ausgeschlossen worden, weil es keine Bekennerschreiben gab.

Bezeichnend ist für Birgit Mair schon die Namensgebung der Sonderkommissionen: Eine Soko hieß „Halbmond“, eine „Borporus“ – „warum nicht „Isar, wenn der Ermordete aus München ist“. Und: „Die Ermittlungen wurden rassistisch, als die Zeugenaussage, wonach ein hellhäutiger Fahrradfahrer nahe am Tatort gesehen wurde, zum Verdächtigen mit südländischem Aussehen mutiert ist.“ Als Gipfel der Ignoranz schließlich sei die Aussage eines bayerischen Ermittlers: „Ich habe noch nie einen Neonazi auf einem Fahrrad gesehen.“ Nazis wurden erst gar nicht ins Auge gefasst – dafür aber Angehörige und ihr Umfeld als Drogendealer verdächtigt.

„Die Verbrechen des NSU sind unbeschreiblich und nur mit Bestürzung und Scham zu sehen“, so Frank Firsching, Sprecher des Bündnisses von „Schweinfurt ist bunt – für Demokratie und Toleranz“ bei der Begrüßung zur Ausstellungseröffnung. Für die Stadt lud der „Gern daheim“-Beauftragte Matthias Kress ein, die Ausstellung, die bereits in 46 Städten gezeigt wurde, „mit Herz und Verstand“ zu betrachten. Die Ausstellung ist bis 25. Oktober zu sehen.

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