GEROLZHOFEN

Die Räumkolonnen zankten um die Beute

Das Ende: Ab dem 1. Juli 1972 waren mit dem Landkreis auch die GEO-Kennzeichen Geschichte. Die Sammlung im Bild war auf der Ausstellung zur Gebietsreform im Alten Rathaus zu sehen. Das Motorrad steht heute noch in Diensten der Freiwilligen Feuerwehr Gerolzhofen. Foto: Finster

Teils groteske Züge nahmen die Vorgänge in den letzten Tagen des Landkreises Gerolzhofen an. Bereits ab dem 15. Juni 1972 sollte am Landratsamt nichts mehr bearbeitet oder entschieden werden. Die Mitarbeiter sollten nur noch Akten sortieren und verpacken.

Bei der Räumung am Landratsamt stritten sich Vertreter aus Kitzingen und Schweinfurt über das Inventar. So wurden Sitzgruppen auseinandergerissen, selbst privates Eigentum von Bediensteten geriet zum Zankapfel.

Insbesondere die Vertreter aus dem Landkreis Kitzingen konnten ihren Anteil an der „Konkursmasse“ des Landkreises Gerolzhofen gar nicht schnell genug an sich bringen. So erschienen die Räumkolonnen pünktlich am 1. Juli, um ihr neues Eigentum abzuholen. Eigens deswegen sollte an jenem Samstag am Landratsamt Kitzingen gearbeitet werden.

Das ohnehin groteske Bild kippte dann am 1. und 2. Juli ganz ins Peinliche. An diesem Wochenende weilten rund 500 französische Gäste aus Mamers in Gerolzhofen, um die Partnerschaft zwischen beiden Städten zu besiegeln. Die Franzosen erlebten beim Stadtrundgang das Spektakel hautnah mit. Die Schweinfurter hingegen zeigten mehr Taktgefühl. Sie holten ihren Anteil am Inventar erst am 4. Juli ab. Da waren die Franzosen bereits abgereist.

Über die Verwendung der Liegenschaft Landratsamt gab es zum Stichtag der Gebietsreform noch keinen Plan. Vom Kreispersonal der Behörde kamen 25 nach Schweinfurt, 23 nach Kitzingen. Der Rest der Bediensteten hatte das Amt bereits vorzeitig verlassen. Vom staatlichen Personal wechselten acht Leute nach Schweinfurt, zwei nach Kitzingen.

Bereits im Juni gab es die Wahlen zu den neuen Kreisparlamenten. Im neuen Kreis Schweinfurt erreichte die CSU mit 38 von 60 Sitzen fast eine Zweidrittelmehrheit. Die SPD kam auf 15 Sitze, die Freien Wähler erreichten sechs Mandate, die FDP einen Sitz. In Kitzingen herrschten etwas knappere Verhältnisse: CSU 22, SPD 18, Landgemeinschaft 9, Freie Christliche Wählergemeinschaft 7 und FDP/Freie Wähler 4.

Der letzte Gerolzhöfer Kreistag setzte sich zusammen aus 14 Vertretern der CSU, sieben des Landgemeinschaftsblocks, sechs der Landgemeinschaft, je fünf des Parteilosen Blocks und der Freien Wählergemeinschaft, vier der SPD, drei des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) und zwei der Bayernpartei/Freie Wählerschaft.

Am 23. Juni 1972 trat der Kreistag zum letzten Mal in der Stadthalle von Gerolzhofen zusammen. Landrat Ernst Kastner appellierte an die künftig Verantwortlichen: „Lasst unser bisheriges Kreisgebiet nicht veröden. Integriert das neue Kreis- und Staatspersonal in die neuen Verwaltungen. Errichtet bald in Gerolzhofen das längst notwendige Gymnasium und führt bald den Erweiterungsbau der Realschule durch. Baut unsere Kreiskrankenhäuser weiter aus, haltet Behörden und Ämter, auch auf dem flachen Lande. Führt den Kreisstraßenbau 1972 gemäß unserem Programm zu Ende und vergesst nicht die Opfer, unter denen wir den Landkreis Gerolzhofen zum gegenwärtigen Entwicklungsstand aufgebaut haben.“

Am 30. Juni 1972 hörte der Landkreis Gerolzhofen dann auf zu existieren. Gesamtrechtsnachfolger wurde der Landkreis Schweinfurt.

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