SCHWEINFURT

Die Tiefen der Psyche

Egon Schiele in Schweinfurt: Das Museum Georg Schäfer zeigt Arbeiten aus dem Wiener Leopold Museum unter dem Titel „Freiheit des Ich“ und will eine neue Sichtweise ermöglichen.
Gerade für seine Selbstporträts ist der österreichische Maler Egon Schiele berühmt. Sie sind gleich zu Beginn der Sonderausstellung „Freiheit des Ich“ im Museum Georg Schäfer zu sehen.
Gerade für seine Selbstporträts ist der österreichische Maler Egon Schiele berühmt. Sie sind gleich zu Beginn der Sonderausstellung „Freiheit des Ich“ im Museum Georg Schäfer zu sehen. Foto: Oliver Schikora

Freiheit des Ich“, heißt die Sonderausstellung im Museum Georg Schäfer, die bis 6. Januar Exponate von Egon Schiele zeigt, Leihgaben aus dem Wiener Leopold Museum, ergänzt durch Werke aus dem Bestand etwa von Lovis Corinth, Max Slevogt, Max Liebermann oder Franz von Lenbach – mit dem Anspruch, dem „eingeschränkten Wiener Blick“ (Museumsleiter Wolf Eiermann) auf Schiele (1890-1918) eine von der Unbefangenheit geografischer Entfernung begünstigte neue Perspektive hinzuzufügen.

Die Ausstellung im Gedenkjahr 2018 zeigt Meisterwerke Schieles aus der weltweit umfangreichsten Sammlung des Künstlers. Der Werkkomplex wird zum ersten Mal in Deutschland ausgestellt und tritt hier in Wechselwirkung mit der Sammlung des Museums Georg Schäfer. Schiele ist Wiener Ikone zwischen Jugendstil und Expressionismus, Monolith mit den dekorativen Qualitäten, wie sie für großformatige Reproduktionen in Jugendzimmern geschätzt werden. Er ist ein ebenso rätselhafter wie radikaler Vertreter einer Zeit, die ohnehin schon für die Spannung zwischen Auflösung und Aufbruch und für den Tabubruch steht. Bei großzügiger Hängung ist in den Räumen mit eher dunklen Erdtönen viel Platz. 170 Selbstbildnisse hat Schiele geschaffen und war selbst sein wichtigstes Modell. Eine „Odyssee der Selbsterkundung“, so nennt Kuratorin Karin Rhein die Zusammenstellung der Selbstporträts gleich zu Beginn des Rundgangs, ein Motto, das aber auch für die ganze Ausstellung gelten kann, denn selbst die Natur ist Schiele „Spiegel des Ich“, so ein Raumtitel.

Verrenkte Äste in unwirtlicher Natur

Der „Herbstbaum“ von 1912 etwa, ein fragiles Wesen mit schmerzhaft verrenkten Ästen in unwirtlicher Landschaft, entstand während der „Neulengbacher Affäre“, als Schiele unter anderem der Schändung einer Minderjährigen beschuldigt, schließlich wegen der „Verbreitung unsittlicher Darstellungen“ verurteilt wurde und knapp einen Monat im Gefängnis saß. Während seine Zeit die Erkenntnisse (oder Hypothesen) von Psychologie und Psychiatrie zur Erklärung von Massenphänomenen oder von Erkrankungen heranzog, bestärkte Schiele die wissenschaftliche und literarische Erkundung des Geistes in der Auffassung, Ich, Persönlichkeit oder Charakter seien mitnichten festumgrenzte Gegebenheiten, sondern unstete, vielfach geprägte oder beschädigte Elemente, die sich je nach Befindlichkeit unterschiedlich manifestieren.

So zeigt er sich in unterschiedlichsten Rollen – vom Dandy über den Grübler mit stechendem Blick bis hin zum ausgezehrten Akt mit grotesk verdrehten Gliedmaßen – letztere ein wiederkehrendes, vielfach deutbares Motiv, das nicht zuletzt auch für das unablässige Experimentieren mit Raum und Perspektive steht.

Die Aspekte Psyche und Erotik

Die von Wolf Eiermann angesprochenen neuen Perspektiven beziehen sich vor allem auf die Einordnung des Werkes in den kunstgeschichtlichen und ikonografischen Kontext, eine Relativierung beziehungsweise Entschlüsselung der vielstrapazierten Aspekte Psyche und Erotik (mitunter auch Pornografie). „Das ist nicht alles so oberflächlich – da steckt mehr dahinter“, sagt Wolf Eiermann. Dass nun ausgerechnet Schweinfurt den größten Schiele-Werkkomplex in Deutschland seit 1995 zeigen kann, ist der Vorleistung zu verdanken, die das Museum Georg Schäfer erbrachte, indem es 2017 54 Arbeiten von Carl Spitzweg an das Leopold Museum in Wien verlieh.

Sonderausstellung Egon Schiele „Freiheit des Ich“, bis 6. Januar 2019, Museum Georg Schäfer. Öffnungszeiten: Di bis So 10-17 Uhr, Do bis 21 Uhr, jeder erster Dienstag im Monat frei. Eintrittspreise: elf Euro, ermäßigt neun. Infos: www.museumgeorgschaefer.de Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Hirmer Verlag (160 Seiten, 33,50 Euro). Begleitveranstaltungen: 21. November, 18.30 Uhr: Egon Schiele: Tod und Mädchen (2016), Regie: Dieter Berner, Filmvorführung im KuK. Am 22. November gibt es ab 18.30 Uhr eine Führung für alle, die den Film gesehen haben, durch die Schiele-Ausstellung. Eintritt: sechs Euro KuK, elf Euro plus 2,50 Euro MGS Donnerstag, 13. Dezember, 19 Uhr: Literatur! Egyd Gstättner: Das Geisterschiff. Ein Künstlerroman über einen Zeitgenossen Klimts und Schieles, Eintritt VK: acht Euro, ermäßigt sechs, TK: zehn/acht. 23. Dezember, 14 Uhr: Kuratorenführung mit Dr. Wolf Eiermann 5. Januar 2019, 13.30-16 Uhr: Zeichnen im Museum: Trau dich! Zeichnen nach Modell mit Anne Hess und Rebecca Mönch M.A. Der Kurs richtet sich an Anfänger und Fortgeschrittene ab 14 Jahren, Max. 15 Teilnehmer (Anmeldung: 0 97 21/ 51 48 25), Kosten 15 Euro (Modellgebühr wird im Kurs entrichtet).

Dieses Bild malte Egon Schiele nach einem einmonatigen Gefängnisaufenthalt, er wurde der Schändung einer Minderjährigen beschuldigt.
Dieses Bild malte Egon Schiele nach einem einmonatigen Gefängnisaufenthalt, er wurde der Schändung einer Minderjährigen beschuldigt. Foto: Martina Müller
Großformatige Werke gibt es in der Sonderausstellung „Freiheit des Ich“ vor allem zum religiösen Themenkomplex.
Großformatige Werke gibt es in der Sonderausstellung „Freiheit des Ich“ vor allem zum religiösen Themenkomplex. Foto: Oliver Schikora
Die Schiele-Ausstellung „Freiheit des Ich“ im Museum Georg Schäfer wird durch Werke aus dem Bestand wie hier von Lovis Corinth ergänzt.
Die Schiele-Ausstellung „Freiheit des Ich“ im Museum Georg Schäfer wird durch Werke aus dem Bestand wie hier von Lovis Corinth ergänzt. Foto: Oliver Schikora
„Mutter mit zwei Kindern“ lautet der Titel dieses Werkes von Egon Schiele in der Ausstellung im Museum Georg Schäfer.
„Mutter mit zwei Kindern“ lautet der Titel dieses Werkes von Egon Schiele in der Ausstellung im Museum Georg Schäfer. Foto: Martina Müller

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