Die Welt am Abgrund und Franken mittendrin

Hilfe im Ernstfall: Speziell die Angst vor kriegerischen Auseinandersetzungen mit atomaren, bioligischen und chemischen Waffen führte zu Zeiten des Kalten Krieges zur Stationierung eines Zuges des so geannnten Zivilen Bevölkerungsschutzes in Gerolzhofen und Stammheim. Foto: Norbert Vollmann

Vor 50 Jahren drohte der Kalte Krieg zwischen der UdSSR auf der einen und der USA auf der anderen Seite in der so genannten Kubakrise zu eskalieren. Die Welt stand unmittelbar vor dem Ausbruch eines Atomkriegs zwischen den beiden Supermächten und ihren Verbündeten. Franken befand sich mit der Grenze zur DDR vor der Haustür an der Nahtstelle der Machtblöcke NATO und Warschauer Pakt.

Zum Schutz der Bevölkerung gründete die Bundesrepublik Deutschland die Hilfsorganisation „Ziviler Bevölkerungsschutz“. Ein gemeinsamer Zug war in Gerolzhofen und Stammheim stationiert. Insbesondere die Auswirkungen der Kubakrise auf die Region und die engere Heimat greift diesmal das Museum für Militär- und Zeitgeschichte in Stammheim beim 15. Museumsfrühling am 31. März und 1. April auf. Mit dem Fest wird alljährlich der Saisonauftakt gefeiert.

Insbesondere mit der Sonderausstellung „1962 – Eine Welt am Abgrund“ erinnert das Museum an jene Schicksalstage, die als Kubakrise in die Geschichte eingegangen sind. Darin eingebettet sind Informationen und Exponate, beginnend mit der Entstehung der beiden ideologischen Systeme und Machtblöcke als Folge des Zweiten Weltkriegs, über den Kalten Krieg mit der beiderseitigen Spionagetätigkeit oder den Bau der Mauer bis hin zur Entspannungspolitik, die schließlich auch zum Mauerfall und der Wiedervereinigung der geteilten beiden deutschen Staaten führte. Zu Aufarbeitung dieses wichtigen zeitgeschichtlichen Themas tragen unter der Regie des Mitarbeiterkreises um Museumsleiter Günter Weißenseel ferner ein Festvortrag, Bild- und Schriftdokumente, Militärlehrfilme, aber auch Dinge des täglichen Lebens bei.

Darüber hinaus sind lebendige Darstellungen in Form eines Feldlagers mit Darstellern in Uniformen von Bundeswehr, US-Army, Bundesgrenzschutz (BGS), Nationaler Volksarmee (NVA) und Roter Armee (UdSSR) sowie Manöver- und Fahrzeugvorführungen weitere Höhepunkte des umfangreichen Rahmenprogramms, ebenso wie ein Tanzabend im Stil der 60-er Jahre unter dem Motto „Vom Petticoat zum Minirock“. Die eigentliche Kubakrise fand zwischen dem 16. und dem 28. Oktober 1962 statt. Diese heiße Phase und gefährlichste Krise des Kalten Krieges führte beinahe zum Ausbruch eines mit atomaren, biologischen und chemischen Waffen geführten Dritten Weltkriegs.

Der russische Ministerpräsident Nikita Chruschtschow hatte dem verbündeten kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro die Zustimmung zum Bau sowjetischer Raketenabschussrampen auf der nur 150 Kilometer vom amerikanischen Festland entfernten Karibikinsel abgerungen, um damit ein Gegengewicht zu den US-Raketenbasen in der Türkei zu schaffen. Nach der Aufdeckung dieses geheim betriebenen Vorhabens durch amerikanische Aufklärungsflugzeuge versuchte die US-Regierung unter dem neuen Präsidenten John F. Kennedy die Demontage der Rampen mittels einer Seeblockade und der Androhung einer gewaltsamen Intervention zu erzwingen.

Nach Tagen qualvoller Spannung und eines Tauziehens zwischen den beiden Supermächten hinter den Kulissen gab die sowjetische Seite schließlich nach und verfügte den Abbau und Rücktransport der Raketen. Im Gegenzug sagte Washington den Abzug seiner Raketen aus der Türkei zu. So wahrten beide Seiten ihr Gesicht, und der „alte“ Zustand war wiederhergestellt. Mit einem Brief der USA und der Sowjetunion an die UNO war die Kubakrise am 26. Oktober offiziell beendet. Nach etwa einer Woche Alarmzustand wurde auch in den Bundeswehrstandorten in der Bundesrepublik Deutschland der Alarmzustand aufgehoben.

Aufgrund der beiderseitigen Hochrüstung stieg besonders in der Bundesrepublik Deutschland die Angst vor einem Atomkrieg, weshalb der vom Staat geförderte Bau von Schutzräumen und zivilen Bunkern vorangetrieben wurde. Die in den 1950-er Jahren aufgebauten Luftschutz- und Rettungsverbände wurden massiv verstärkt. In diesem Zusammenhang kam es 1963 im Landkreis Gerolzhofen zur Stationierung einer Einheit des so genannten „Zivilen Bevölkerungsschutzes“, kurz ZB, in Gerolzhofen und Stammheim, um im Fall eines Angriffs mit atomaren, biologischen oder chemischen Waffen die Zivilbevölkerung zu schützen. Diese Einheit ist ebenso wie die Kubakrise inzwischen Geschichte und Vergangenheit.

Zurück blieb damals der Schock eines „Duells am Abgrund zum Atomkrieg“. Der sowjetische Partei- und Staatschef Nikita Chruschtschow sagte später: „Am 24. Oktober trennte uns kaum eine halbe Stunde von einem Atomkrieg.“ Die Kubakrise markierte aber zugleich den Wendepunkt des Kalten Krieges. Sie führte zur Einrichtung des so genannten "Heißen Drahts" als direkte Krisenverbindung zwischen dem Kreml und dem Weißen Haus, sowie zum Beginn der beiderseitigen Entspannungspolitik als Voraussetzung für Rüstungskontrolle und die spätere militärische Abrüstung insbesondere im Hinblick auf Nuklearwaffen.

Mit der Sonderausstellung und dem Rahmenprogramm will das Museum einmal mehr einen Beitrag leisten, um aus der Geschichte zu lernen, Konflikte zu vermeiden und für den Frieden zu mahnen, so Museumsleiter Günter Weißenseel.

Museumsfrühling

Zum offiziellen Festakt anlässlich des Museumsfrühlings im Museum für Zeit- und Militärgeschichte in Stammheim werden neben dem Schirmherrn, Schweinfurts Landrat Harald Leitherer, wieder viele Gäste aus Politik und dem öffentlichem Leben erwartet.

Das umfangreiche Programm sorgt Jahr für Jahr dafür, dass eine große Zahl von Besuchern aus ganz Untrfranken und darüber hinaus zum Saisonauftakt an die Mainschleife kommt.

Für das leibliche Wohl sorgen wieder die museumseigene Feldküche und Feldbäckerei.

Das Programm im Einzelnen:

Samstag, 31. März:

10 Uhr Eröffnung, Festakt; 11.30 Uhr Eröffnung der Sonderausstellung; 12 Uhr: Essen aus der Feldküche; 18 Uhr Tanzabend wie in den 60-er Jahren unter dem Motto „Von Petticoat bis Minirock". Hierzu ist das Erscheinen in zeitgenössischer Kleidung erwünscht. Der Eintritt zum Tanzabend ist frei.

Sonntag, 1. April:

10 Uhr Weißwurstfrühstück, Frühschoppen; 12 Uhr Essen aus der Feldküche; 17 Uhr Großes Aufräumen.

An beiden Tagen: Sonderausstellung „1962 – Die Welt am Abgrund“; Gemeinsames Feldlager; Manöver-Vorführungen; Backen in der Feldbäckerei; Panzer- und Feldbahnfahren.

Das Museum ist übrigens an Spenden oder Leihgaben besonders im Hinblick auf Gegenstände zum Zivilen Bevölkerungsschutz im hiesigem Raum interessiert: Kontakt: Tel. (0 93 81) 9255.

Der Kalte Krieg lässt grüßen: Als Agentenkamera wurde die Minox-Kleinstbildkamera bekannt, die bei der Ausstellung zu sehen ist.

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