GEROLZHOFEN

Die letzte Sekretärin des Landrats

Die letzte Sekretärin des Landrats

Die Gebietsreform hat unmittelbare Auswirkung auf berufliche Karrieren gehabt. Ein gutes Beispiel dafür sind Margot und Josef Brenner. Besonders bemerkenswert: Beide Ehepartner arbeiteten beim Landkreis Gerolzhofen.

Margot Brenner war die letzte Sekretärin des letzten Gerolzhöfer Landrats Ernst Kastner. Sie war schon vorher im Haus beschäftigt und übernahm die Mutterschaftsvertretung für die etatmäßige Vorzimmerdame. Eine neue Kraft wurde nicht mehr eingestellt, weil zu diesem Zeitpunkt bereits klar war, dass das Ende des Landkreises nah war.

Margot Brenner erinnert sich noch sehr gut an die „Endzeitstimmung“ im Landratsamt. Die 62-Jährige kann nicht bestätigen, dass Landrat Kastner sich nicht mit aller Kraft gegen die Auflösung des Landkreises Gerolzhofen gewehrt habe. „Ich hatte zwar keinen unmittelbaren Einblick in die politischen Vorgänge, aber der Landrat ist oft bittstellend nach München gefahren“, erinnert sich Margot Brenner. Und sie bekam zahllose Briefe diktiert, die sich mit dem Thema Gebietsreform beschäftigten. Viele Menschen kamen ins Amt, um dem Landrat ihre Besorgnis über das Vorhaben in München zu bekunden. Es kamen auch solche, die sich für den Erhalt des Kreises engagieren wollten.

Landrat Ernst Kastner, so Margot Brenners Eindruck, gingen die Vorgänge erkennbar an die Nieren. Allerdings erzählte er nicht viel von seiner Befindlichkeit und war überhaupt für einen Politiker ein ungewöhnlich introvertierter Mensch, sagt die ehemalige Sekretärin heute. Sie hat das Ende allerdings nicht mehr selbst miterlebt, denn im Februar 1972 bekam sie ein Kind. „Da habe ich meine Stelle gekündigt, das war damals so.“ Von da an hatte der Landrat keine eigene Sekretärin mehr, sondern wurde von anderen Mitarbeiterinnen im Haus unterstützt.

Das absehbare Ende des Landkreises versetzte die Mitarbeiter im Amt in große Verunsicherung und nervöse Anspannung. Davon kann Josef Brenner ein Lied singen. Am 1. Oktober 1960 fing er beim Landkreis als Beamtenanwärter für den mittleren, nichttechnischen Verwaltungsdienst an und kam dann über verschiedene Stationen in die Bauverwaltung. Als klar war, dass der Landkreis Gerolzhofen die Reform nicht überleben würde, gab es Listen im Haus, die besagten, welcher Mitarbeiter künftig wo arbeiten sollte. „Ich fand meinen Namen nicht auf der Schweinfurter Liste und habe deshalb befürchtet, dass ich nach Kitzingen komme. Kitzingen aber war mir völlig fremd“, beschreibt Brenner seine damaligen Sorgen.

So hat er sich am Sonntag, 27. Februar 1972, zu Hause hingesetzt und eine Bewerbung an die Stadt Gerolzhofen geschrieben. Der 68-Jährige erinnert sich noch sehr genau an das Datum – es war gleichzeitig der Geburtstag seiner Tochter. Josef Brenner hatte Glück. Die Stadt übernahm ihn und sicherte auch zu, dass er seine FH-Ausbildung für den gehobenen Dienst fortsetzen konnte, die er noch zu Landkreis-Zeiten begonnen hatte. So erlebte er die letzten beiden Monate des Landkreises nicht mehr.

1974 war er dann Diplom-Verwaltungswirt. Josef Brenner bezeichnet sich selbst als einen „dreifach reformierten Beamten“. Nach Kreis und Stadt war nämlich ab 1978 die Verwaltungsgemeinschaft Gerolzhofen sein neuer Brötchengeber. Dort beendete er bekanntlich seine Berufslaufbahn als Geschäftsführender Beamter.

Ein Kreis hatte sich geschlossen. Am Ende arbeitete Josef Brenner wieder im gleichen Haus wie am Anfang, denn die VG hatte das ehemalige Landratsamt für ihre Zwecke angemietet.

Beim Wiedereinzug war das Haus leer. „Nur ein Panzerschrank ohne Schlüssel fanden wir noch als letztes Relikt des alten Landkreises“, erzählt Brenner eine amüsante Anekdote. Mit einem Spezialkran wurde der schwere Tresor aus dem Haus gehievt und von einer Gerolzhöfer Firma geöffnet. Die Spannung legte sich sich schnell – der Panzerschrank war leer.

Josef Brenners Fazit: „Für mich hat sich alles zum Guten gewendet.“ Das kann er allerdings nicht für alle seiner ehemaligen Kollegen am Landratsamt Gerolzhofen sagen. Besonders einige der älteren, die in Gerolzhofen in verantwortungsvoller Position saßen, bekamen in Schweinfurt nur unbedeutende Arbeiten. „Denen ging es wirklich nicht gut“, benennt Josef Brenner die psychische Auswirkung der Reform, von der bisher noch niemand gesprochen hat.

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