SCHWEINFURT

Diese Glocke läutet nur leihweise

Gustav-Adolf
Der Glockenturm von Gustav Adolf. Foto: Waltraud Fuchs-Mauder

Die Nazis brauchten im Zweiten Weltkrieg Metall. Die Herkunft war ihnen egal, sie schreckten jedenfalls nicht davor zurück, sogar Kirchenglocken einzuschmelzen. Über Umwege kam so nach Kriegsende eine schlesische Glocke nach Schweinfurt zu Gustav Adolf als Ersatz für eingeschmolzene Glocken der evangelischen Kirchengemeinde. Dort läutet sie seither – als Leihgabe. Am Tag vor ihrem 250. Geburtstag am Sonntag, 31. Juli wird sie um 9 Uhr einmal mehr „zur Verehrung Christi und zum Lobe Gottes“ erklingen.

Den Gottesdienst hält der langjährige Pfarrer Dieter Schorn, der über diese außergewöhnliche Glockengeschichte schon mehrmals in der „Schweinfurter Mainleite“, der Mitgliederzeitung des Historischen Vereins Schweinfurt, berichtete.

Glocken eingeschmolzen

Um den großen Bedarf der deutschen Rüstungsindustrie an Kupfer und Zinn zu decken, erließ Hermann Göring am 23. Februar 1940 den Befehl für die deutschlandweite Beschlagnahme von Kirchenglocken. Lediglich die kleinste Glocke durfte in den Kirchengemeinden verbleiben. In Gustav Adolf war das eine 1934 von Emmy Rahn zur Erinnerung an ihren verstorbenen Gatten gestiftete Glocke.

Das größte Sammellager für Kirchenglocken befand sich in Hamburg-Harburg in der Nähe zweier Einschmelzbetriebe. Bei Kriegsende waren die Gustav-Adolf-Glocken längst eingeschmolzen, viele aber noch nicht, darunter die aus Schlesien. Die Rückgabe an die Kirchengemeinden als Eigentümer zog sich unter anderem wegen des verheerenden Zustandes der Verkehrswege bis ins Frühjahr 1949 hin.

Verwaiste Glocke

Aber: Viele aus den nun von Polen, Russen und Tschechen besetzten vormals deutschen Gebieten stammenden Glocken blieben im Sammellager. Die zuständigen Engländer lehnten Ersuche der Behörden aus diesen Gebieten mit der Begründung ab, dass die Eigentümer nicht Staaten, sondern Kirchengemeinden seien. Dass viele dieser Gemeinden wegen nach Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung nicht mehr existierten, sei für die Engländer unerheblich gewesen.

Was aber nun tun mit den verwaisten „Ostglocken“? Man kam auf die Idee, sie westdeutschen Kirchengemeinden zu überlassen, soweit sie ihre eigenen Glocken verloren hatten und der Kirchturm nicht zerstört war. Die Gustav-Adolf-Kirche stellte einen Antrag zur leihweisen Überlassung einer Glocke.

Der damalige Pfarrer Heinrich Schorn, Dieter Schorns Vater, hatte in der Kriegszeit einen weithin benutzten Grundsatz verinnerlicht: Am besten die doppelte Menge von knappen Gütern beantragen, wenn man berücksichtigt werden wollte. Gesagt, getan: Gustav Adolf bewarb sich 1951 um zwei Leihglocken. „Und, oh Wunder, es wurden zwei genehmigt, beide aus Schlesien“, wie Dieter Schorn heute formuliert.

Bei ihrer Ankunft ergab allerdings eine Klangprobe, dass eine der Glocken einen nicht sichtbaren Sprung hatte. Einwandfrei war dagegen die Glocke aus Bernstadt im Kreis Oels in Schlesien mit der Beschlagnahme-Nummer 9 -11- 37 B. Das „B“ zeigte die kunsthistorische Bedeutung an.

Mit ihrem Gewicht von 1320 Kilogramm entsprach sie der verlorenen größten Luther-Glocke von 1934 (1338 Kilogramm). Am Glockenstuhl musste also nichts verändert werden. Die künstlerisch wertvolle und kulturgeschichtlich hoch interessante Glocke enthält die Namen des im Gussjahr regierenden Fürstenpaares. Ferner enthält der Text Details zur Glocke selbst. Sie hat eigentlich zwei Leben. Das erste verlor sie am 10. Mai 1765, als der Kirchturm von Bernstadt durch Feuer zerstört wurde. Dabei schmolz die Glocke zu einem Klumpen Bronzeerz. Am 1. August 1766 entstand durch Recycling die Glocke neu.

1941 wurde die Glocke beschlagnahmt, erfüllte also 175 Jahre lang in Bernstadt ihre Aufgabe. „Von ihrer warmen, tiefen Tonqualität hat sie auch durch die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg nichts verloren“, sagt Schorn. Die vertraglich versprochene „liebevolle Wartung und Pflege“ habe mitbewirkt, dass die „schlesische Glocke“ seit nunmehr 65 Jahren auch in Schweinfurt treu bei allen Gottesdiensten ihren Dienst tut.

Am 31. Juli 2016 wird sie das wieder zusammen mit den drei Geschwistern tun. Zwei weitere wurden 1952 von der Firma VKF (heute SKF) zur Erinnerung an den Schwedenkönig Gustav I. Adolf gestiftet, die andere mit Spenden der Gemeinde und des evangelischen Frauenbundes erworben.

Wird die Glocke jemals wieder in ihre angestammte Kirche zurückkehren? „Das ist nicht abzusehen“, sagt Dieter Schorn. Die Gustav-Adolf-Gemeinde sei sich gleichwohl bewusst, dieses Erbe europäischer Kultur weiterhin zu pflegen und zu bewahren.

Dieter Schorn kennt die Geschichte der Glocke. Foto: Hannes Helferich
Die Glocke aus Schlesien hängt in der fränkischen Kirchengemeinde Gustav Adolf. Foto: Gustav Adolf

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