SCHWEINFURT

Disharmonie-Debüt: Martin Zingsheim

Die gute Nachricht zuerst: „Weil wir Deutschen alle Papst waren, gab es weniger Missbrauchsfälle“, verkündet Martin Zingsheim in der Disharmonie. „Die aufgeklärt wurden“, schiebt der Kölner Musikkabarettist die schlechte Nachricht hinterher. Die Gefühle und Assoziationen fahren Achterbahn, bei „Opus Meins“, dem Solo-Debüt des Fastdreißigers, schon optisch eine paradoxe Mischung aus unpolitischer Generation Emo-Kid und Querlockenkopf Daniel Cohn-Bendit.

Schnell merkt man: Das Thema Kirche hat's dem Rheinländer angetan, „Sehrcoolarisierung“ der Gesellschaft hin oder her. Stichwort Schwulenfeindlichkeit: „Man muss nicht katholisch sein, um homophob zu werden, aber es hilft ungemein.“ Zugegeben, bei den Katholiken wird positiv gedacht: Wo sonst kann sich einer, ohne danach medikamentös neu eingestellt zu werden, in Italien auf den Balkon stellen und sagen: Ab heute heiße ich Franz.

Mal beiläufig, mal abgründig handelt der Newcomer den Ganzjahreskarneval ab, von Angela Merkels Kochbuch („Abserviert. Was ich alles in die Pfanne haue“) über die Memoiren von Pofalla („Endstation Abstellgleis“) bis zum Bestseller des Modephilosophen David R. Precht: „Was kann ich - und wenn ja, warum weiß ich davon nichts?“ Joachim Gauck hat schon vor 400 Jahren gesagt: Homo homini lupus est, „der Mensch ist des Menschen Wulff.“

Ganz nebenbei werden die großen Themen des Jahres 2014 vorbehandelt, 290 Jahre Immanuel Kant und Kategorischer Imperativ zum Beispiel, vertont von den Kölschen Stimmungskanonen, „de Höhner“. Oder 31 Jahre Modern Talking. Es jault die alte Leier auf dem Mittelaltermarkt, erklingt die neue Nationalhymne, für das stockmoderne Deutschland: „Ein Land voller Bescheuerter, von Angst Gesteuerter.“

Widerständigkeit durchweht die Zukunftsmusik des Pianisten: Zwar war der vielschichtige Musik- und Theaterwissenschaftler sowie Philosoph noch nicht dabei, 1968, als jeder sogar eine eigene Meinung hatte, aber er hat sich sagen lassen – es war toll. Man muss halt fest dran glauben, wie an linksdrehende Joghurtkulturen. Die Studenten, sie sind heute wieder auf der Straße, wenn auch nur betrunken unterm Heizpilz. Statt Revolution gibt's Energiewende: „Schon die letzte Wende war nicht billig.“ In den Songs und Spötteleien weht ein frischer, mitunter rauer Wind. Etwa, wenn er kenternden Afrikanern das „La Paloma“ singt, im Angesicht von Mittelmeer und Frontex: „Auf, Matrosen, ohé, einmal muss es vorbei sein, einmal holt uns die See und das Meer gibt keinen von uns zurück“. Man rechnet halt nicht mit ihm, in der EU: dem Negerfreibetrag.

Ein bisschen sprunghaft wirkt der Debütant, in nicht ganz voller Disharmonie, zwischen tiefschwarz-melancholischem und locker-flockigem Humor – fast schon gemütlich verrückt angesichts weitaus größeren Wahnsinns. Wer sich aufs Abenteuer Zingsheim einlässt, mit ihm rasant um tausend Ecken denkt, darf sich dafür reinen Gewissens auf die Schenkel klopfen, dank geistreicher Brüller, zwischen wohltemperierten Musikeinlagen. Etwa, wenn Klaus Kinski, Gerd Rubenbauer, Marcel Reich-Ranicki, Herman van Veen, Grönemeyer & Co die Weihnachtsgeschichte erzählen: Schön, dass es dank „Opus Meins“ noch so viel zu entdecken gibt, abseits der ausgetretenen Kabarettwege.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Uwe Eichler
  • Bundeskanzlerin Angela Merkel
  • Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen
  • Immanuel Kant
  • Joachim Gauck
  • Klaus Kinski
  • Missbrauchsaffären
  • Modern Talking
  • Päpste
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!