Diskussion über Gott: Wahrer Trost oder pure Illusion?

Lutherdekade: Ein Christ und ein Atheist diskutierten im Stattbahnhof über die Existenz oder Nichtexistenz von Gott.
Links der Christ, rechts der Atheist: Axel Noack und Joachim Kahl auf der Bühne des Stattbahnhofs, wo sonst eher Punkmusik auf dem Programm steht. In der Mitte Moderator Mathias Wiedemann. Foto: Waltraud Fuchs-Mauder

31. Oktober 1517: Das entscheidende Datum der Reformation. Der Thesenanschlag Martin Luthers jährt sich 2017 zum 500. Mal. Was bedeutet Reformation heute für uns? Dieser Frage geht die von der Evangelischen Kirche in Deutschland eingerichtete Lutherdekade (2008 bis 2017) nach. Unter dem Aspekt des Jahresthemas „Reformation und Toleranz“ hatte Pfarrer Martin Schewe zu einem Streitgespräch zwischen einem Theologen und einem Atheisten über „Das Sein oder Nichtsein Gottes“ in den Stattbahnhof eingeladen. Etwa 100 Zuhörer waren gekommen.

Als Moderator stellt Tagblatt-Redakteur Mathias Wiedemann die Diskutanten vor, bittet sie um ihre Eingangsstatements. Der 1941 in Köln geborene Joachim Kahl promovierte 1967 zum Dr. theol., trat kurz danach aus der evangelischen Kirche aus. Nach dem Zweitstudium der Philosophie, Soziologie und Politik wandte er sich vorübergehend dem Marxismus zu. Er gilt als Vertreter des klassischen Atheismus. Axel Noack (geboren 1949 bei Görlitz) studierte Theologie, war Studentenpfarrer, engagierte sich in der Bürgerbewegung der DDR, war von 1997 bis 2009 Bischof der evangelischen Kirche in der Kirchenprovinz Sachsen.

„Ich bin ein waschechter, offener, auch streitbarer Atheist, der sich als säkularer Humanist versteht“, stellt Kahl sich vor. Sein Atheismus hat zwei Säulen: Eine argumentiert empirisch mit Hilfe der sogenannten Theodizee-Begründung, also mit der Unerlöstheit und der Unerlösbarkeit der Welt aus unsäglichen Leiden in der Tier- und Menschenwelt. Wie kann ein angeblich liebender Gott die Lebewesen so leiden lassen? Es gibt keinen göttlichen Erlöser oder gnädigen Gott. Schon Epikur macht auf diese Zwickmühle aufmerksam. Und Georg Büchner fragt in „Dantons Tod“: Warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus.

„Man kann nicht erfassen, wie vielen Menschen der Glaube

Trost gespendet hat.“

Axel Noack Evangelischer Christ

„Ich halte dagegen“, sagt der Theologe Noack. „Ich bin ein frommer Mensch und gerne Christ, und ich kann über Gott nur persönlich sprechen. Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat. Bei der Frage nach meinem Platz in dieser Welt ist der Glaube eine entscheidende Hilfe.“ Er sehe viele Religionen in der Welt, nur eine verschwindende Minderheit der Menschheit kenne keine Religion. Ob Muslim, Jude, Christ oder Atheist – „die Frage ist doch, wie kommen wir zusammen aus“. Da ist Noack beim Thema Toleranz: „Ich brauche Gründe, um das, was ich für falsch halte, akzeptieren zu können.“

Wiedemann fragt: „Müssen wir uns bei diesem Gespräch nicht erstmal auf ein Gottesbild einigen?“ Kahl zu Noack: „Natürlich können Sie auf ein persönliches Gottesverhältnis Bezug nehmen, doch das ist eine Verengung. Gott ist auch der Gott der Philosophen und des Alltagsverstandes.“ Man könne sich nicht nur hinter seinem persönlichen Glauben verstecken. „Außerdem müssen Sie auch die Selbst-Illusionsmöglichkeit in Ihrem Glauben in Anschlag bringen.“ Zu sagen: „Ich glaube an Gott“ sei ja überhaupt kein Kriterium. „Was sind die Menschen im Verlauf von Jahrtausenden schrecklichen Irrtümern, Illusionen und Fantastereien anheimgefallen.“

Axel Noack: Gewiss stimme es, dass sich Menschen Illusionen machen. Aber nicht alle Bilder von Gott seien Illusionen. „Die Menschen, die sich vor Gott beugen, stehen hoffentlich vor den Menschen etwas gerader da, sind im Leben weniger auf sich bezogen.“ Die friedliche Revolution in der DDR wäre ohne die Christen nicht möglich gewesen. Kahl: Vielleicht stimme das für die Schlussphase der Revolution. „Doch die Kirche war nun überhaupt nicht der Ort der Opposition. Es gab die Doktrin ,Kirche im Sozialismus', also eine kirchliche Unterstützung der SED-Herrschaft.“

Kahl kann auch kaum positive Wirkungen des Gottesglaubens erkennen: „Es gibt keine menschliche Verirrung, kein Verbrechen, das nicht in den heiligsten Hallen des Vatikans oder evangelischer Pfarrhäuser aufzufinden wäre.“ Gottesglaube sei nicht die geringste Garantie, dass Menschen nicht zu Verbrechen fähig wären. Gottesglaube sei religiös indifferent, der Gottesbegriff eine Leerformel: „In Gott kann man alles hineinprojizieren.“ Noack widerspricht: Natürlich sind Christen auch Menschen und deshalb fehlbar. Aber: „Alle Regime, die Religion abschaffen wollten, waren alles andere als friedlich. Der christliche Glaube hat sich bewährt. Man kann gar nicht erfassen, wie vielen Menschen er geholfen hat, getröstet zu leben und zu sterben.“

„Der religiös gespendete Trost ist Vertröstung. An Gräbern wird stets falscher Trost gespendet.“

Joachim Kahl Atheist und säkularer Humanist

„Wie finden Sie Trost“, fragt Wiedemann den Atheisten. Trostbedürfnis ist ein menschliches Grundbedürfnis, sagt Kahl. Doch es gibt Situationen, wo jeder Trost versagt. „Der religiös gespendete Trost ist Vertröstung. An Gräbern wird stets falscher Trost gespendet, denn hier kommt jeder Trost zu spät. Die vergewaltigte und ermordete Frau bleibt in alle Ewigkeit vergewaltigt und ermordet.“ Religiöse Verheißungen seien nichts als Vertröstungen, weil das reale Leid dadurch nicht ungeschehen gemacht wird. „Mein Trost? Der Atheist hat sich eine härtere, asketische Position zu erarbeiten, um zu begreifen, dass das Leben uns viele Grausamkeiten und unlösbare Situationen abverlangen kann.“

Hat es also der Christ leichter? „Ja, es ist ein gewisser Luxus da“, räumt der Theologe ein. Jeder Ritus, etwa im Gottesdienst, habe die Funktion zu entlasten. Beten sei eine große Kraft. „Ich kenne fast keinen Menschen, der nicht will, dass ich für ihn bete.“ Der Atheist widerspricht: „Das Beten ist eine illusionäre Form der Zuwendung, ich halte Gebete für Selbsttäuschung, für eine Form der Autosuggestion.“

Glauben oder nicht glauben, kann man sich entscheiden?, fragt Wiedemann. Man kann vor allem in die Kirche zwangsintegriert werden, wie bei der Beschneidung oder der Kindstaufe, antwortet Kahl. „Das ist Rekrutierung der kirchlichen Massenbasis in einem Stadium, wo man sich nicht wehren kann.“ Der Pfarrer: Glaube und Taufe müssen zusammenkommen, Kinder haben ein Recht auf Religion – „als Eltern alles offen zu lassen, ist falsch“.

Und die Hoffnung auf ein Jenseits? Kahl bezieht aus der Neurowissenschaft die Erkenntnis, sich als sterbliches, endliches Wesen zu begreifen und nicht auf eine postmortale Existenz zu hoffen. Pfarrer Noack dagegen vertraut der radikalen Liebe Gottes, auch über den Tod hinaus. Die Zusage Gottes: „Du bist ein geliebtes Wesen“ hat für ihn schon hier im Leben Konsequenzen.

Eine lebhafte Diskussionsrunde mit dem Publikum bringt Fragen wie: Ist man ohne Gott glücklicher? Gehört eine religiöse Einstellung zum Menschen? Wo ist der Himmel, wo ist Gott? Was ist der Sinn des Lebens? Zum Schluss dankt Dekan Oliver Bruckmann dem Publikum im vollbesetzten Saal auch für sein interessiertes Nachfragen. Die Akteure auf der Bühne werden mit einem Bocksbeutel belohnt. „Diese Obereisenheimer Höll wird Ihnen himmlisch schmecken“, glaubt der Dekan.

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