Schweinfurt

Drei Jahrhunderte drehten sich in der Mühle am Main 16 Räder

Das Main-Ensemble mit der Kunstmühle (von rechts), dem (gelben) Ersatzbau für Spinnmühle aus dem Jahr 1928 und dem (roten) Trafogebäude auf dem Grundstück der ehemaligen Lohmühle. Foto: Gerd Landgraf

Als Wolfgang Rücknagel und Hans-Georg Leimbach im Schweinfurter Tagblatt vom 14. Februar über die Dachsanierung am Main-Ensemble an der Gutermann-Promenade und das dort im Jahr 1905 eingeweihte Elektrizitätswerk gelesen hatten, setzten sie sich zusammen und wälzten Chroniken und Texte zur Schweinfurter Geschichte. Erarbeitet haben die beiden Mitglieder des AKI-Förderkreises Industrie-, Handwerks- und Gewerbekultur Schweinfurt e.V. ein hoch interessantes Stück Industriegeschichte und Informationen zur Nutzung der Wasserkraft des Mains.

1397 hatte der römisch-deutsche König Wenzel IV. der Stadt Würzburg die Reichsfreiheit und der seit dem 12. Jahrhundert freien Reichsstadt Schweinfurt umfangreiche Rechte zur Nutzung des Mains (Mühlen, Brücken, Zölle) gegeben. Beendet waren so die vorausgegangenen Streitigkeiten zwischen Schweinfurt und dem Bischof in Würzburg über die Nutzung der Wasserkraft, die schon 1386 zu einem Prozess in Würzburg geführt hatten. Eine Mühle am Main war nun ganz offiziell als Nachfolgerin für die Mühle am Marienbach (Nähe Mühltor) akzeptiert.

Stadtansicht von Süden mit der Staubbrücke und der Mühle mit 16 Mühlrädern. Foto: Repro: Wilhelm Hohenhaus

Während des Zweiten Stadtverderben im Markgräfler Krieg (1554) wurde die Mühle ausgeplündert, jedoch nicht zerstört. Als Ersatz wurde damals die Marienbachmühle reaktiviert ("Armenmühle", im Dreißigjährigen Krieg zerstört). Nach der Instandsetzung diente die Mühle am Main mit ihren 16 Mühlrädern vor allem der Herstellung von Mehl. Diese Mühle bestand 300 Jahre.       

In den Jahren 1841/42 wurde die Mühle nach amerikanischem Vorbild umgebaut und bekam die Bezeichnung "Amerikanische Kunstmühle". Das Wort "Kunst" steht für die Ingenieurkunst. Dabei wurden die steinernen Mühlsteine durch zwei moderne Walzenstühle ersetzt. Nach der Inbetriebnahme wurde der Rest des alten Gebäudes (mainabwärts) abgerissen. Die Abbruchstelle blieb zunächst leer. 1842/43 entstand unterhalb der Kunstmühle das Zwillingsgebäude: die Loh- (Zerkleinerung pflanzlicher Gerbmittel), Schneid-, Walk - und Schleifmühle. Dieses zweite Gebäude war genauso hoch, hatte aber nur fünf Fenster je Stockwerk – die Kunstmühle deren acht.

Auf dem freien Platz zwischen den beiden Mühlen erbaute die Stadt 1846 ein viereckiges Gebäude mit fünf Stockwerken und mit Zinnen an den Dachabschlüssen. Der Fabrikant Maximilian Alexander Ebenauer aus Schaffhausen richtete dort eine Baumwollspinnerei (aufgegeben 1890) ein.

Walzenwehr (Bild von rechts) Floßkanal, Spinn- und (davor) die Lohmühle. Foto: Repro: Wilhelm Hohenhaus

Bereits 1860 änderte sich die Nutzung der Lohmühle, deren Wasserräder jetzt die Pumpen zweier privater Wasserversorgungen antrieben. Angeschlossen waren die Zuckerfabrik Sattler, Engelhardt & Co. (hinter der Heilig-Geist-Kirche) und die Belschner'sche Brauerei in der Oberen Straße. Zwei Jahre später wurde die erste städtische Wasserleitung gebaut. Die Energie aus der Walkmühle pumpte Mainwasser zu den Filterstationen auf den Sandweinbergen, von wo aus das Wasser auf die Stadt verteilt wurde. Der Straßenname "Zur Wasserleitung" (zwischen Hofrat-Graetz -Straße und Weingartenweg) erinnert heute an diese erste Fernversorgung mit Brauchwasser. Der Aufbau der Trinkwasserversorgung begann erst 1898 mit dem Wasserwerk in der Wehr und den Wasserrohren an der ersten Maxbrücke.  

Eine kaum noch zu entziffernde Tafel erinnert am Trafogebäude an das E-Werk von Oskar von Miller. Foto: Gerd Landgraf

1904 wurde die Lohmühle abgetragen. Oskar von Miller baute dort das Elektrizitätswerk, das 1905 den Betrieb aufnahm. Die Turbinen galten als die mächtigsten in ganz Deutschland. Mit der Errichtung der damals neuen (zweiten) Maxbrücke wurde der Main durch das erste von MAN gebaute Walzenwehr gestaut, um die nötige Fallhöhe für die Turbinen des E-Werks zu erzielen. 1963 hatte das E-Werk ausgedient. 200 Meter flussabwärts war die Staustufe mit dem neuen Wasserkraftwerk entstanden.

Das Walzenwehr wurde von Max Carstanjen für die Wehranlage Schweinfurt entwickelt. Foto: Repro: Laszlo Ruppert

In die seit 1890 nicht mehr genutzte Spinnmühle zog 1892 Friedrich Fischer ein. Er ließ dort weltweit erstmals runde und gehärtete Stahlkugeln industriell produzieren, die damals vor allem für den Leichtlauf der Fahrräder sorgten.  Die Kugelfertigungsmaschinen wurden von den Mühlrädern der ehemaligen Spinnmühle angetrieben. Alsbald war jedoch die Spinnmühle zu klein. Fischer baute ein neues Werk 1896 am damaligen Zentralbahnhof Schweinfurt-Oberndorf.

In der Spinnmühle mit den charakteristischen Dachzinnen fertigte vor dem Brand im Jahr 1911 Georg Schäfer Isolierrohre. ... Foto: Repro: Waltraud Fuchs-Mauder

In die Spinnmühle zog die Firma Fränkische Isolierrohr- und Metallwarenwerke Georg Schäfer & Co. im Jahr 1906. Als der Fabrikant 1909 das Werk von Friedrich Fischer am Bahnhof kaufte, fertigte er in der Spinnmühle nur noch Isolierrohre. 1911 brannte das Gebäude völlig aus und wurde abgerissen. Der (gelbe) Neubau entstand 1928 und ist heute Sitz der Uniper Wasserkraft. In der ehemaligen Kunstmühle (Gebäude direkt an der Maxbrücke) informiert das kleine Industriemuseum des Arbeitskreises Industriekultur über die wichtigsten Produkte der Schweinfurter Metallindustrie.

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