Gerolzhofen

"Du verbeulte und gebeutelte Kirche, hab' Mut"

Am Fronleichnamsfest zogen die katholischen Christen durch die Straßen der Stadt. Pfarrer Stefan Mai ging in seinen Texten auf die besorgniserregende Lage der Kirche ein.
Auf dem Altar vor der Immakulata am Gerolzhöfer Marktplatz zelebrierte Pfarrer Stefan Mai am Donnerstag zu Fronleichnam einen Festgottdienst.
Auf dem Altar vor der Immakulata am Gerolzhöfer Marktplatz zelebrierte Pfarrer Stefan Mai am Donnerstag zu Fronleichnam einen Festgottdienst. Foto: Klaus Vogt

Mit einem gut besuchten Festgottesdienst unter freiem Himmel auf dem Marktplatz und einer anschließenden Prozession durch die Altstadt hat die katholische Pfarrei Gerolzhofen am Donnerstag das Fronleichnamsfest gefeiert. Unter den Gottesdienstbesuchern befand sich auch wieder eine große Gruppe ganz in Weiß gekleideter Frauen, die damit an die Aktion "Maria 2.0" und ihre Forderung erinnerten. Die Initiative mahnt den Zugang von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern, die Aufhebung des Pflichtzölibats und eine umfassende Aufklärung von Missbrauchsfällen in der Kirche an.

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Auch in den Texten während des Gottesdienstes und während der Prozession klang immer wieder die Sorge um den aktuellen Zustand der Kirche an. Das Fronleichnamsfest, so Pfarrer Stefan Mai in seiner Begrüßung, war einmal ein Festtag, an dem sich alle herausputzten. "Geschmückte Straßen und Häuser, kunstvolle Blumenteppiche wurden gelegt, Hausaltärchen am Prozessionsweg aufgebaut. Scharen von Kindern streuten Blumen. Das beste Gewand wurde herausgeholt. Eine bunte Farbenpracht. Da gab's was zum Sehen. Man wollte sich als Kirche sehen lassen und Stärke beweisen." 

Zahlreiche Frauen unter den Gottesdienstbesuchern hatten sich ganz in Weiß gekleidet, um im Sinne der Aktion 'Maria 2.0' ein Zeichen zu setzen.
Zahlreiche Frauen unter den Gottesdienstbesuchern hatten sich ganz in Weiß gekleidet, um im Sinne der Aktion "Maria 2.0" ein Zeichen zu setzen. Foto: Klaus Vogt

Reformbedürftige Kirche

Dieses Kirchenbild habe schon seit längerer Zeit Risse bekommen. In vielen Gemeinden, auch in Gerolzhofen, habe die Fronleichnamsprozession inzwischen ein anderes Erscheinungsbild. Ein schlichteres. Die Prozession durch die Straßen der Stadt werde aber immer mehr zu einem Bekenntnis in unserer Zeit. Pfarrer Mai: "Für mich drückt sie aus: Man kann über uns als Kirche denken und reden wie man will, in vielem bedarf unsere Kirche einer Umkehr, vieles an unserer Kirche ist reformbedürftig. Aber eines lassen wir uns nicht nehmen: Mit dem, den wir heute im Zeichen des Brotes durch die Straßen tragen, können wir uns sehen lassen. Er hat auch unserer Zeit viel zu sagen."

 

Der Pfarrer griff in seiner Predigt nochmals die Krise der Kirche auf: "Können Sie Menschen in die Augen schauen? Nicht nur scheu und flüchtig, sondern ganz bewusst? Was empfinden Sie, wenn ein Mensch Sie lange anblickt? Genießen Sie es oder ist es für Sie unangenehm und Sie weichen nach kurzer Zeit den Blicken aus?", fragte er. Von Jesus werde häufig erzählt, dass er Menschen bewusst ansah, wenn er etwas Wichtiges zu sagen hatte.

"Verkriecht euch nicht"

Die Hostie im runden Schauglas im Zentrum der Strahlenmonstranz, Zeichen für die Gegenwart Jesu unter uns, sei wie ein Auge, durch das uns Jesus lange anschaue - um dann zu sagen: "Du kleiner werdende Herde, fürchte dich nicht. Du, von so vielen Missständen verbeulte und gebeutelte Kirche, hab' Mut. Auch wenn der Weg in die Zukunft ungewiss und kein leichter sein wird, habt Vertrauen. Seid euch bewusst: Ihr habt auch in der heutigen Zeit Wichtiges zu sagen. Verkriecht euch nicht und verfallt nicht in Selbstmitleid. Und vor allem: Verliert nicht den Blick auf mich."

Nach dem Gottesdienst umrundete die langgezogene Prozession die Gerolzhöfer Altstadt über die Marktstraße, Rügshöfer Straße, Steingrabenstraße, Schuhstraße, Grabenstraße und Bürgermeister-Weigand-Straße. An der Ecke Steingrabenstraße/Weiße-Turm-Straße, ziemlich genau auf halber Wegstrecke, hatten fleißige Hände der Kolpingfamilie ab sechs Uhr in der Früh bereits einen großen Altar aufgebaut und geschmückt. Dort erteilte Pfarrer Mai nach Evangelium und Fürbitten mit dem Allerheiligsten den Segen. 

Am Zwischenaltar in der Steingrabenstraße spendete Pfarrer Mai mit der Monstranz den eucharistischen Segen.
Am Zwischenaltar in der Steingrabenstraße spendete Pfarrer Mai mit der Monstranz den eucharistischen Segen. Foto: Klaus Vogt

Nach alter Tradition gingen auch einige der diesjährigen Kommunionkinder vor dem Himmel, unter dem Stefan Mai die Monstranz trug, in der Prozession mit. Nach dem Himmel folgte eine Abordnung des Stadtrates, gefolgt von den Frauen der Aktion "Maria 2.0".

Auch in diesem Jahr hatten es sich einige Hausbesitzer nicht nehmen lassen, ihre Fenster und Hauseingänge mit Blumen und Fähnchen zu schmücken, mitunter wurden auch Heiligenfiguren aufgestellt, die in den Familien oftmals schon seit Generationen zur Ausschmückung des Prozessionsweges dienen.

Am Puls der Zeit

Die modern formulierten Texte während der Prozession, ganz am Puls der Zeit, hatte in diesem Jahr Florian Oberle verfasst, der momentan bei Pfarrer Stefan Mai ein Praktikum absolviert. Ab dem 1. September wird Oberle dann für vier Jahre in der Pfarreiengemeinschaft St. Franziskus seine Ausbildung zum Pastoralassistenten durchlaufen.  

Unter den Klängen des feierlichen Te Deum (Großer Gott, wir loben Dich) kehrte die Prozession schließlich auf den Marktplatz zurück. Dort spendete Pfarrer Mai zum Abschluss nach Evangelium und Fürbitten noch einmal mit der Monstranz den eucharistischen Segen. Danach wurde die Monstranz, begleitet von Fahnenabordnungen der örtlichen Vereine und einem Großaufgebot an Ministranten, zurück in den Hochaltar des Steigerwalddoms überführt.

Pfarrer Stefan Mai trug das Allerheiligste in der Monstranz unter dem Himmel durch die Straßen der Stadt.
Pfarrer Stefan Mai trug das Allerheiligste in der Monstranz unter dem Himmel durch die Straßen der Stadt. Foto: Klaus Vogt

Die musikalische Umrahmung des Gottesdienstes und der Prozession übernahm die Stadtkapelle. Für die Absperrung des Prozessionsweges und die Verkehrsregelung sorgten Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Gerolzhofen. Den Aufbau des Altars am Marktplatz hatten Mitglieder der Katholischen Arbeitnehmerbewegung gemeinsam mit den Küstern Klaus Schanz und Winfried Feller bewerkstelligt. Mitglieder des Kreuzbundes stellten die Bänke, zur Verfügung gestellt von Getränke Marx, auf dem Marktplatz auf. Der prächtige Blumenschmuck an den beiden großen Altären wurde wie all die Jahre wieder von der hiesigen Gärtnerei Gernert zur Verfügung gestellt. 

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