Gerolzhofen

Ein Christbaum für den Steigerwalddom: die Tricks des Aufbau-Teams

Das eingespielte Helferteam kennt alle Tricks für den Transport des großen Nadelbaums. Beobachtungen beim Aufstellen des Christbaums im Gerolzhöfer Steigerwalddom.
Winfried Feller, Klaus Schanz und Josef Stumpf (von links) befestigen die Lichterkerzen und die Sterne an der Spitze des Christbaums, ehe er in die Senkrechte gebracht wird.
Winfried Feller, Klaus Schanz und Josef Stumpf (von links) befestigen die Lichterkerzen und die Sterne an der Spitze des Christbaums, ehe er in die Senkrechte gebracht wird. Foto: Klaus Vogt

Das Hauptportal der Stadtpfarrkirche steht weit offen. Vier Männer in Arbeitskleidung stehen im Mittelgang des Gotteshauses zusammen und plaudern. "Eigentlich wollten sie ja kurz nach der Frühstückspause da sein", sagt Klaus Schanz, der Küster der Stadtpfarrkirche, und meint damit den Arbeitstrupp des städtischen Bauhofs. "Wahrscheinlich ist ihnen etwas dazwischen gekommen." Winfried Feller zuckt mit den Schultern. "Dann warten wir halt..."

Klaus Schanz, Winfried Feller, Josef Stumpf und Alfred Röder stehen bereit, um den großen Christbaum für den Steigerwalddom entgegenzunehmen. Die Anlieferung übernimmt wieder der Bauhof der Stadt Gerolzhofen. Diesmal kommt der Baum aus einem Privatgarten in Wiebelsberg. Das Fällen des Nadelbaums gestalte sich schwieriger als gedacht, erfährt Klaus Schanz, als er am Handy bei Michael Finster aus der Stadtgärtnerei nachfragt. Dementsprechend verzögert sich auch die Anlieferung. Für das Christbaum-Team heißt es deshalb: Warten.

Mit der Spachtel gegen die Wachsreste

Küster Schanz nutzt die Zeit. Er verschwindet kurz hinter dem Hochaltar und kehrt mit Schäufelchen und Handbesen zurück. Mitten im Hauptgang geht er auf die Knie und beginnt mit einer Spachtel Wachsreste vom Steinboden zu entfernen. Am frühen Morgen schon hatte ein Gottesdienst bei Kerzenlicht stattgefunden. Dabei waren aus Unachtsamkeit einige brennende Kerzen zu Boden gefallen und das flüssige Wachs hatte sich über den Fußboden und die Wangen der Kirchenbänke ergossen. Während sich auf dem glatten Boden die erkalteten Wachslachen mit der Spachtel leicht abschaben lassen, ist es in den tief eingeschnitzten Schnecken der Wangen ungleich schwieriger.

Zentimeter für Zentimeter kratzt der Mesner das Wachs aus den hölzernen Rillen heraus, geht mit dem Handbesen drüber und behandelt die verbliebenen Reste erneut. Leise murmelt er vor sich hin. Man versteht zwar nicht, was er spricht. Aber Begeisterung hört sich anders an. Da sind auch die vermeintlichen Tipps des Christbaum-Teams ("Versuch's doch mal mit einem Fön!") wenig hilfreich. "Ich habe keinen Fön", knurrt der knieende Küster.

Altar zur Seite gerutscht

So penibel Klaus Schanz die Wachsreste entfernt, so generalstabsmäßig hat er auch die Ankunft des großen Christbaums vorbereitet. Es geht nichts über Erfahrung. Im Chor des Steigerwalddoms hat Schanz vom hölzernen Zelebrationsaltar, ein wahres Meisterwerk des Gerolzhöfer Schreiners Heinrich Hacker, bereits die schwere Tischplatte entfernt. Den darunter liegenden quadratischen Altarstein, in dem Reliquiensplitter von Heiligen bestattet sind, hat er am Hochaltar abgelegt. Und dann hat er den Corpus des Zelebrationsaltars um einiges nach rechts geschoben, um Platz für den Transport des Baums zu bekommen.

Auch die silberne Ampel mit dem Ewigen Licht, in der Apsis links oberhalb des Priestersitzes, hat der Küster bereits abgenommen. Das Licht flackert nun auf der Mensa des Hochaltars. Neben dem Ambo stehen wie zufällig zwei aufgeklappte Haushaltsleitern herum. Deren Zweck erschließt sich dem Beobachter nicht. Zunächst nicht.

Rechtzeitig zu Weihnachten wurden die Lichtstrahler für den Hoch- und die Seitenaltäre in der Stadtpfarrkirche auf LED umgerüstet. Winfried Feller beobachtet die Arbeiten vom Boden aus.
Rechtzeitig zu Weihnachten wurden die Lichtstrahler für den Hoch- und die Seitenaltäre in der Stadtpfarrkirche auf LED umgerüstet. Winfried Feller beobachtet die Arbeiten vom Boden aus. Foto: Klaus Schanz

Lichtstrahler jetzt mit LED

"Merkt ihr was?", fragt der Mesner. "Es ist heller in der Kirche, oder?" Rechtzeitig zum Fest waren im vorderen Bereich der Kirche die Lichtstrahler für den Hochaltar und die Seitenaltäre ausgetauscht worden. Für die Arbeiten in schwindelerregender Höhe war extra ein selbstfahrender Hubsteiger angemietet worden. Es war Maßarbeit mit nur wenigen Zentimetern Spiel, als die Maschine mit ihrem Raupenlaufwerk durch den südlichen Seiteneingang langsam in die Kirche fuhr. Vom Hubsteiger aus waren die Glühbirnen der Strahler durch moderne LED-Leuchtkörper ersetzt worden. 

Der Christbaum ist da: Per Ladekran wird der Baum vom Lkw des Bauhofs abgeladen. Die Helfer stehen schon bereit.
Der Christbaum ist da: Per Ladekran wird der Baum vom Lkw des Bauhofs abgeladen. Die Helfer stehen schon bereit. Foto: Klaus Vogt

Durch das weit geöffnete Portal der Kirche hört man plötzlich die Geräusche eines Lastwagens. Der orangefarbene Lkw des Bauhofs fährt vor, auf der Ladefläche gut festgezurrt liegt der Baum. "Der ist aber etwas mickrig ausgefallen", entfährt es dem Pressevertreter. "Das täuscht", sagt Klaus Schanz, "wart' mal ab, bis er steht."

Ständer wird angepasst

Bauhofmitarbeiter Christian Binder dirigiert mit der Fernbedienung den Ladekran des Lkw. Langsam schwebt der Baum am Haken in die Höhe und dann nach rechts herab Richtung Gehsteig. "Der Baum stand etwas am Hang. Deshalb war der Stamm unten schief", erzählt Landschaftsgärtner Michael Finster. Mit der Motorsäge hat man dieses krumme Stück aber schon abgeschnitten. Und so passt der Stamm gleich beim ersten Versuch wie angegossen in den großen Christbaumständer, den Klaus Schanz bereithält. Mit zwei, drei kleinen Keilen wird der Baum im Ständer befestigt.

Der Trick mit dem Knüppel

Und dann kann es losgehen mit dem Transport. Winfried Feller, der den Küster auch an dessen freien Tagen und im Urlaub ehrenamtlich vertritt, hat einen großen Knüppel dabei, dessen Verwendungszweck sich einem Christbaum-Transport-Laien nicht sofort erschließt. Während Alfred Röder und Michael Finster unten am Stamm beim Ständer fest anpacken, wird die Mitte des Baums auf den querliegenden Knüppel gelegt. Die übrigen Männer langen an beiden Seiten des langen Knüppels zu und können so die Last des Baums relativ bequem tragen. Ein genial-einfacher Trick.

Beim Transport des Christbaums müssen die Helfer (im Bild rechts Alfred Röder und Michael Finster) auf die Statuen und die Leuchter aufpassen.
Beim Transport des Christbaums müssen die Helfer (im Bild rechts Alfred Röder und Michael Finster) auf die Statuen und die Leuchter aufpassen. Foto: Klaus Vogt

Stufe für Stufe geht es hoch zur Kirche. Gleich unter der Empore gibt es an den Säulen dann zwei ernst zu nehmende Engstellen: erst muss man am Hl. Antonius vorbei, ohne dass dieser das Jesuskind auf dem Arm verliert. Und kurz danach an der zweiten Säule kommt auch noch der Hl. Judas Thaddäus mit seinem vergoldeten Knüppel in die Quere. Der Knüppel soll an das Martyrium des Heiligen erinnern, irgendwie ist er in diesem Moment aber auch der Patron der tapferen Christbaumschlepper, die hinten am quer liegenden Knüppel den Baum durch die Engstellen steuern.  

Der Baum erreicht die Apsis

Alles geht gut. Man ist halt ein eingespieltes Team. Im Mittelgang gilt es dann noch auf die zwei großen zwölfarmigen Leuchter zu achten, die vom Gewölbe herabhängen. Noch ein, zwei Kommandos, und der Baum hat die Apsis erreicht. Der untere Bereich des Baums im Ständer wird schon auf dem Podest abgelegt, wo während des übrigen Jahres normalerweise immer der Priester, flankiert von den Ministranten, sitzt. Und dann kommen die beiden Haushaltsleitern zum Einsatz, die von Klaus Schanz dort bereitgestellt worden waren: Auf die jeweils oberste Sprosse der Leitern wird der Knüppel abgelegt. So ist sichergestellt, dass die Mitte des Baums kaum den Boden berührt und die Äste nicht abknicken können. Da zeigt sich, wie wichtig eine gute Vorbereitung ist. Die Erfahrung macht's.

Spitze wird geschmückt

Bevor der Baum in die Senkrechte gebracht wird, befestigen Klaus Schanz, Winfried Feller und Josef Stumpf die elektrische Beleuchtung an der Spitze des Baums und an den oberen Astkränzen. "Wir haben zwar eine hohe Leiter, aber weil der Baum unten deutlich breiter ist als oben, würden wir nicht mehr zur Spitze hinkommen", erklärt der Küster. Als die ersten Glühbirnen aufgesteckt sind, wird die Spitze des Baums noch mit einem großen Papierstern dekoriert. Viele weitere, kleinere Sterne, einst von Mitgliedern des Katholischen Frauenbunds mühe- und liebevoll gebastelt, folgen auf den darunterliegenden Ästen.

Das Gröbste ist geschafft: Der Baum hat seinen Stellplatz im Chorraum des Steigerwalddoms fast erreicht. 
Das Gröbste ist geschafft: Der Baum hat seinen Stellplatz im Chorraum des Steigerwalddoms fast erreicht.  Foto: Klaus Vogt

In der Zwischenzeit haben Michael Finster und Christian Binder vom Bauhof in der Mitte des Baumstamms ein dickes Seil festgeknotet. Das Seil läuft über einen großen Haken, der hinten oberhalb des geplanten Standorts in der Wand eingeschlagen ist. Als die Dekoration der Baumspitze beendet ist, wird es ernst. Der Baum muss hoch. Jeder streift sich dicke Lederhandschuhe über, denn – das hat man bereits schmerzhaft gespürt – der Christbaum mit den bläulichen Nadeln sticht erbarmungslos.

Blautanne oder Blaufichte?

Bevor das finale Kommando zum Aufrichten kommt, entbrennt erst noch eine Diskussion, um welche Baumart es sich eigentlich handelt, die da aus Wiebelsberg in die Stadt transportiert worden ist. Ist es eine Blaufichte oder eine Blautanne? Eigentlich gibt es  ja die Regel "Fichte sticht, Tanne nicht". Und so wie dieses Teil sticht, müsste es also eine Blaufichte sein. Trotzdem gibt es eine meinungsstarke Fraktion, die darauf beharrt, dass es sich doch um eine Blautanne handelt. Die Diskussion endet unentschieden. Wer weiß, vielleicht klärt es sich ja in den kommenden Tagen noch... 

Sechs Mann schuften schließlich mit Leibeskräften, um die "Blaufichtentanne" aufzurichten. Zwei Männer drücken den Christbaumständer zu Boden, zwei Mann ziehen am Seil und die zwei Mann hinten am querliegenden Knüppel stemmen die Baumspitze so hoch wie möglich. Ein letztes Hau-Ruck, und dann steht er, der Christbaum 2019. Prüfende Blicke von allen Seiten testen aus, ob der Baum auch tatsächlich senkrecht im Ständer steckt. Man ist zufrieden. "Noch ein bisschen nach hinten und nach links", meint Landschaftsgärtner Michael Finster vom Bauhof. Eine letzte gemeinsame Kraftanstrengung und der Baum hat seine Endposition erreicht. Die letzten Dekorationsarbeiten am unteren Bereich des Baums sind dann zügig erledigt.

"Der ist tatsächlich größer als ich gedacht habe", gesteht der Pressemann. Küster Klaus Schanz lacht: "Das hab' ich Dir doch gesagt." Stimmt. Es geht halt nichts über Erfahrung.

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