ETTLEBEN

Ein Felsenkeller rettete vielen das Leben

Ausstellung im Gewölbe: Fotos dokumentieren die Zerstörung Ettlebens.
Ausstellung im Gewölbe: Fotos dokumentieren die Zerstörung Ettlebens.

Am Eingang vor dem offenen Holztor brennen ein paar Kerzen. Steinstufen führen steil hinunter in den Felsenkeller. Er ist nicht groß, mehr ein langer schmaler Kellergang. Die dunkle Enge wirkt bedrückend, was auch an den 80, 90 Besuchern liegt, die sich sitzend und stehend in dem kalten Steingewölbe zusammendrängen. Zwei Stühle links, zwei rechts und dazwischen ein schmaler Durchgang durch die Stuhlreihen, mehr Platz ist nicht. Eine kleine Bildleinwand und eine Leselampe auf einem Stehtisch am Ende des Gangs werfen ein wenig Licht.

Der am südlichen Ortsrand in der Brückenstraße gelegene Felsenkeller einer ehemaligen Brauerei ist für Ettleben ein besonderer Ort. Als am 7. und 8. April 1945 die Bomben und Granaten einschlugen und das Dorf fast vollständig zerstört wurde, rettete er vielen das Leben. Während draußen ein Haus nach dem anderen in Flammen aufging, „saßen hier zu diesem Zeitpunkt etwa 300 Ettlebener zusammen, die Angst hatten und beteten“, erinnert Peter Kraft an die schwere Zeit.

Eingeladen hat er gemeinsam mit dem Historischen Verein Werneck in den Felsenkeller zu einer Gedenkstunde anlässlich des 70. Jahrestages der Zerstörung Ettlebens, bei der drei Frauen ums Leben kamen. Das Interesse ist so groß, dass die Veranstalter spontan beschließen, für die vielen, die keinen Platz finden, am Folgetag die Veranstaltung zu wiederholen.

Warum musste ein Dorf wie Ettleben in den letzten Kriegstagen ein solches Schicksal erleiden. Zum Verhängnis wurden die schweren Flakstellungen, die nördlich des Friedhofs aufgebaut worden waren, sagt Kraft, der die Ereignisse dokumentiert und dazu auch mit Zeitzeugen aus dem Ort gesprochen hat. Gemeinsam mit Flakbatterien in anderen Orten um Schweinfurt sollten die Flakstellungen die kriegswichtigen Produktionsanlagen der Stadt schützen, womit Ettleben Bestandteil der Front wurde.

In der Bevölkerung war man sich der Gefahr bewusst, häufiger Fliegeralarm und die Richtung Schweinfurt fliegenden Bomberpulks waren längst an der Tagesordnung. Einziges Bestreben war es, über diesen Krieg, dessen Ende man auch in Ettleben nahen sah, hinwegzukommen, schildert Kraft, der im Verlauf seines Vortrags auch Zeitzeugen zu Wort kommen lässt.

Alois Strohmenger erinnert sich an die Befestigung der Flakstellungen gegen die vorrückenden Amerikaner. Wehruntüchtige Männer und Frauen aus dem Ort mussten zusammen mit polnischen Zwangsarbeitern Erdwälle ausheben.

Bis nach Werneck wurden Schützengräben angelegt. Eine Alarmeinheit, in die zurückfliehende und versprengte Soldaten einbezogen wurden sowie ein Bataillon der Waffen-SS richten sich in den Flakstellungen ein, um weiteren Widerstand gegen die Amerikaner zu leisten, schildert Kraft.

Das Unheil beginnt am 6. April, als die Flakstellungen in den Bodenkampf eingreifen und amerikanische Spähtrupps beschießen. Auffallend ruhig war der darauffolgende Samstag, bis ein Flaksoldat die Bevölkerung warnte, das Ettleben gleich beschossen werde, schildert Norbert König.

Kindergarten getroffen

Als Dreijähriger saß er auf dem Schoß seiner Mutter im Felsenkeller und kennt die Ereignisse aus ihren Erzählungen: „Wir waren noch nicht ganz im Keller, da war der Kindergarten schon getroffen. Nach und nach kamen Leute staubig und hustend aus dem Dorf in den Keller. In der Nacht brannte das Dorf lichterloh.“ Im Felsenkeller muss es sehr eng gewesen sein, auch wenn es noch einen weiteren tiefer gelegenen Kellerraum gibt, in dem damals die Mütter mit Kleinkindern und Kranke Schutz fanden.

Nach einem Artilleriebeschuss waren am Nachmittag ein Luftangriff mit Sprengbomben und zwei weitere Überflüge mit Bordwaffenbeschuss erfolgt. Danach setzte die amerikanische Artillerie den starken Beschuss auf Ettleben und die feuernden Flakstellungen fort.

Im Schutz der Nacht verlassen viele Ettleben und suchen in Werneck und Stettbach Zuflucht.

Am 8. April, dem damaligen Weißen Sonntag, erwidern die Amerikaner bei der Einnahme von Werneck den nicht abreißenden Beschuss aus Ettleben mit dauerhaftem schwerem Artilleriefeuer. Bei einem erneuten Luftangriff werden über 150 Brand- und Splitterbomben abgeworfen. Doch erst bei Einbruch der Dunkelheit gelingt es den Amerikanern, ins Dorf vorzudringen, wo ihnen Angehörige der SS und die Luftwaffen-Kampftruppe noch harte Ortsgefechte liefern.

Die Bilanz der beiden Tage war verheerend. 49 Wohnhäuser, 59 Scheuen und 47 Stallungen waren total zerstört, weitere 150 Gebäude zum Teil schwer beschädigt worden, darunter das neue Schulhaus, der schöne Brunnen, das Rathaus mit dem Gemeindearchiv und der einsturzgefährdete Kirchturm, aus dem heraus deutsche Soldaten lange geschossen hatten. 350 Stück Vieh, unzählige Schweine und fast alle Kleintiere waren umgekommen. Am schmerzlichsten war der Tod von drei Frauen, wobei man sich wundert, dass es nicht mehr waren, meint Kraft. Ihrer wurde zu Beginn der Veranstaltung gedacht.

Mit der Flakmunition gespielt

Die meisten geflohenen Ettlebener durften erst nach zwei Wochen ins Dorf zurück, wo sogleich das Aufräumen und erste notdürftige Ausbesserungen begannen. Alois Strohmenger und Richard Kabino erinnern sich lebhaft an das Spielen mit liegengebliebener Flakmunition, bei der in den Nachkriegstagen noch ein Bub ums Leben kam. Die Toten waren zunächst in Gemeinschaftsgräber beigesetzt, später aber exhumiert worden, schildert Kraft. Die Frauen kamen in Familiengräber. Alfons Reuß berichtet von 22 gefallenen Soldaten, die 1952 in einen Soldatenfriedhof nach Würzburg überführt wurden.

Gemeinderat Jürgen Niesner dankte als Vertreter der Gemeinde Kraft und dem Historischen Verein für die „sehr aufschlussreiche“ Veranstaltung.

Gedenkveranstaltung: Im historischen Felsenkeller der Familie Rückert erinnerte Peter Kraft an die Zerstörung Ettlebens am 7. und 8. April 1945.
Gedenkveranstaltung: Im historischen Felsenkeller der Familie Rückert erinnerte Peter Kraft an die Zerstörung Ettlebens am 7. und 8. April 1945. Foto: Gerald Gerstner

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