Gerolzhofen

Ein Leben auf einen Koffer reduziert

Ein neues Kleindenkmal erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus
Am Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus erfolgte die Übergabe des Kleindenkmals in der Marktstraße. Der  Metallkoffer soll daran erinnern, dass die jüdischen Mitbürger von Gerolzhofen, die im April 1942 deportiert wurden, nur einen Koffer, einen Rucksack und eine Bettrolle mitnehmen durften. Im Bild (von links) 2. Bürgermeister Erich Servatius , Landrat Florian Töpper und (rechts) Stadtführerin Evamaria Bräuer.
Am Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus erfolgte die Übergabe des Kleindenkmals in der Marktstraße. Der Metallkoffer soll daran erinnern, dass die jüdischen Mitbürger von Gerolzhofen, die im April 1942 deportiert wurden, nur einen Koffer, einen Rucksack und eine Bettrolle mitnehmen durften. Im Bild (von links) 2. Bürgermeister Erich Servatius , Landrat Florian Töpper und (rechts) Stadtführerin Evamaria Bräuer. Foto: Karin Sauer

"Warum dieses Denkmal, warum hier und warum jetzt? Haben wir uns nicht schon genug erinnert, durch einzelne Stolpersteine und den Erinnerungsstein zur Pogromnacht in der Schuhstraße und durch die Kellermann-Stiege?" Mit diesen Fragen eröffnete Stadtführerin Evamaria Bräuer die offizielle Übergabe des neuen Kleindenkmals in der Marktstraße in Gerolzhofen. Solche und ähnliche Äußerungen und Sätze würden auch in Gerolzhofen öffentlich ausgesprochen.

In Würzburg wird ein zentraler DenkOrt "Aumühle" errichtet. Alle 109 Kommunen in Unterfranken, in denen es bis 1933 aktive jüdische Gemeinden gab, sind eingeladen, sich mit einem symbolischen Gepäckstück daran zu beteiligen. Jedes Gepäckteil wird zweimal in gleicher Ausführung benötigt: Eines soll sichtbar aufgestellt in der Gemeinde bleiben, das Pendant ist für den zentralen DenkOrt bestimmt. Die Stadt Gerolzhofen hat sich, zusammen mit dem Verein Kulturforum für das Modell eines Metall Koffers entschieden. Auf Initiative des Vereins, der sich aktiv in der Stadt Gerolzhofen in die ehrenamtliche Erinnerungsarbeit einbringt, fertigte Clemens Hegler aus Volkach zwei realistisch aussehende Metallkoffer an. 

Die letzte Habe

Einen Koffer, einen Rucksack und eine Bettrolle - das war alles, was die Menschen mitnehmen durften. Die letzte Habe eines ganzen Lebens auf einen Koffer reduziert. Unvorstellbar, besonders wenn man vor den stattlichen Bürgerhäusern steht, wo die verschleppten Opfer einst lebten. Selbst dieser letzte persönliche Besitz wurde ihnen am Ende auch noch weggenommen, das konnten sie zum Zeitpunkt des Transportes nicht noch nicht ahnen. Wertgegenstände wie Ferngläser, Fahrräder, Fotoapparate, sogar Haustiere, waren zuvor von den Behörden beschlagnahmt worden.

Im April 1942 wurden 20 Gerolzhöfer im arbeitsfähigen Alter aus ihren Wohnungen geholt. In einem Schreiben der Gestapo an den damaligen Landrat von Gerolzhofen stand unter dem Stempel "streng vertraulich": Der Zeitpunkt der "Evakuierung" darf den Betroffenen erst am 20.April zur Kenntnis gegeben werden. Sie mussten sich sammeln und wurden am hellen Tag, vor aller Augen, mit je einem Koffer, einer Bettrolle und einem Rucksack und Mundvorrat für fünf Tage nach Würzburg gebracht. Mit ihren wenigen Habseligkeiten, eingepfercht in Waggons, mussten Frauen, Männer und Kinder ihre unterfränkische Heimat gen Osten verlassen. Eine Reise ohne Wiederkehr. Alle Gerolzhöfer Juden wurden in Vernichtungslagern ermordet.

Stadtführerin Evamaria Bräuer bedankte sich bei den Verantwortlichen, die durch ihre Unterstützung das Aufstellen des Denkmals im öffentlichen Raum ermöglichten. Ihr besonderer Dank galt auch dem anwesenden Künstler Clemens Hegler.

Nur jüdische Opfer

"Ich musste das Denkmal, als ich es sah, 'begreifen', und das im wörtlichen Sinn, so realistisch wurde dies einem echten Koffer nachempfunden" sagte 2. Bürgermeister Erich Servatius. Es führe vor Augen, wie wenig doch die Opfer mitnehmen durften. In Gerolzhofen waren nur jüdische Mitbürger die Opfer, andernorts auch Gewerkschaftler, SPD' ler, Regimegegner, Andersdenkende. Auch Kranke und Behinderte seien verschleppt und ermordet worden, erinnerte Servatius. Der Einsatz für Menschenrechte und Demokratie beginne vor Ort und müsse europa- und weltweit verteidigt werden.

Landrat Florian Töpper erinnerte an einen Besuch im jüdischen Museum Berlin. Die Ausstellung mache deutlich, was das fränkische Judentum einmal bedeutete. "Heute können wir dankbar dafür sein, dass es eine lebendige Erinnerungskultur gibt und Menschen die sich immer wieder dafür einsetzen." Er dankte allen Aktiven des Kulturforums Gerolzhofen, das in vielfältiger Form zeige, was wir verloren haben. Dies sei wegen des Entstehens neuer nationale Egoismen besonders wichtig. Wir befänden uns heute "in gefährlichen Zeiten", meinte der Landrat. Das Demokratiegebäude, welches unsere Freiheiten garantiere, sei fragiler, als man es noch vor einigen Jahren geglaubt habe. Nationalismus und Rassismus seien aber keine Option für eine moderne, demokratische und weltoffene Gesellschaft.

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