GELDERSHEIM

Ein Stück Geschichte der „Galderschummer Gemee“

Der Blick vom Kirchturm hinaus in die Welt: Pfarrer Markus Grzibek erhielt von Heimatforscher Alfred Popp die erweiterte Pfarrersammlung der Gemeinde. Foto: Uwe Eichler

„Negerbischof besuchte Niederwerrn“ – Sie waren nicht unbedingt um politische Korrektheit bemüht, die Schlagzeilen der 1950er-Jahre. In diesem Fall gab sich Seine Exzellenz Laurean Rugambwa aus Tanganjika die Ehre, in Niederwerrn ebenso wie in Geldersheim, wo seine Visite im Pfarrbuch festgehalten worden ist, in Form der Zeitungsberichte.

Heimatforscher Alfred Popp hat sich intensiv mit dem „schriftlichen Gedächtnis“ der Kirchengemeinde beschäftigt. Der Geldersheimer hat das alte Pfarrbuch gesichtet, das von 1933 bis 2001 geführt worden ist, die Loseblattsammlungen geordnet sowie die Aufzeichnungen und Bildsammlungen ergänzt – mit insgesamt acht Aktenordnern.

Seit dem letztem Herbst war der Hobbyhistoriker mit seiner Fleißarbeit beschäftigt. Chronik und Ordner wurden nun an Pfarrer Markus Grzibek übergeben. Es ist ein eigenwilliges Zeitkolorit aus der Perspektive der Pfarrgemeinde St.

Nikolaus, das im Kleinen manch größere Entwicklung innerhalb der katholischen Kirche widerspiegelt: Der „Negerbischof“ Rugambwa etwa wurde 1960, noch vor der Unabhängigkeit Tansanias von Großbritannien, zum ersten schwarzafrikanischen Kardinal ernannt – damals eine Sensation. Später nahm Rugambwa als einer der Fortschrittlichen beim Zweiten Vatikanischen Konzil teil.

Früher wurde Altdeutsch geschrieben

In den Anfangsjahren der „Pfarrersammlung“ wurde noch Altdeutsch geschrieben, von Geistlichen wie Georg Blaß oder Karl Hockgeiger, die sich mit den harschen Gegebenheiten des NS-Regimes auseinandersetzen mussten. Beim Bau des Pfarrheims lautete eine Auflage, möglichst keinen Stahl zu verwenden. „Stahl wurde für die Rüstung gebraucht“, sagt Popp, ebenso wie die im Krieg eingeschmolzenen Kirchenglocken, die erst 1950 ersetzt wurden. Pfarrer war damals schon Ferdinand Lipowsky, rühriger Seelsorger von 1949 bis 1977.

„Ein Stück Geschichte in der Galderschummer Gemee“ nennt Popp die Ausstellung, die sich am 22. und 23. Juli, anlässlich des Pfarrfests mit dem Wirken des heimatvertriebenen Kirchenmanns befassen wird. Zu sehen ist sie jeweils von 13 bis 18 Uhr im Pfarrheim.

Feinsäuberlich wurden die Geldersheimer Ergebnisse der Bundestagswahl vom 6. September 1953 festgehalten, mit Erst-und Zweitstimmen. Die CSU kam am Biegenbach auf 68,7 Prozent, die SPD auf 15 Prozent, die Bayernpartei auf 6,3 Prozent. Der „Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ (BHE) erhielt 7,8 Prozent, außerdem gab es offenbar einen überzeugten KPD-Anhänger sowie einige Stimmen für die FDP und auch ein paar für die „Deutsche Reichspartei“, die rechtsnationalistische „Protestpartei“ DRP.

Alte Schwarz-Weißbild zeigt den Altar noch in der neugotischen Pracht

Wahlberechtigt waren 945 Geldersheimer, von denen 896 tatsächlich abgestimmt hatten – bei 32 ungültigen Stimmen. Gewählt wurde damals der CSU-Direktkandidat und Landwirt Friedrich Funk aus Neuses am Sand, im Bund die Regierung Adenauer zum ersten Mal bestätigt.

Eingeklebt finden sich jede Menge Fotos, etwa vom frommen „Beräuchern der Landmaschinen“, von der Kirchenrenovierung, Sternsingeraktionen, Ordensschwester- und Priesterweihen, außerdem Todesanzeigen und eben ausgeschnittene Artikel aus „Volkszeitung“ und „Sonntagsblatt“.

Pfarrer Grzibek ist noch immer angetan von einem Schwarz-Weißbild, das den Altar von St. Nikolaus in seiner ursprünglichen neugotischen Pracht zeigt, vor dem barocken Umbau 1958. Es gab Nachrichten aus den Nachbardörfern und von den Sömmersdörfer Passionsspielen, die 2013 durch den päpstlichen Nuntius Jean Claude Perisset eröffnet worden sind.

Es hat sich viel getan, in 80 Jahren Kirchengeschichte, vor allem in den Köpfen. Die Zeiten des „Ochsenfurter Zwischenfalls“ sind wohl auf jeden Fall passee: 1953 gerieten der junge Würzburger Bischof Julius Döpfner und ein evangelischer Würdenträger in einen gänzlich unökumenischen Streit um die Einweihung der Zuckerfabrik. Aufgebrachte protestantische Fest-Reiter wollten die Kutsche des späteren Kardinals und Reformers umwerfen. Die Folgen waren engstirnige Reibereien zwischen den Konfessionen, die beinahe die Wiederwahl Adenauers gefährdet hätten.

In Geldersheim selbst wurde Döpfner zu diesen Zeiten weitaus freundlicher empfangen, durch Bürgermeister Alfons Sternecker und weitere Honoratioren.

Die Pfarrsammlung steht heute auf Wunsch auch anderen Forschern zur Verfügung.

Schlagworte

  • Geldersheim
  • Uwe Eichler
  • Alfred Popp
  • Bayernpartei
  • CSU
  • Evangelische Kirche
  • FDP
  • Friedrich Jakob Funk
  • Heimatforscher
  • Julius Döpfner
  • Kirchengemeinden
  • Pfarrer und Pastoren
  • Priesterweihen
  • Reformer
  • SPD
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!