GEROLZHOFEN

Ein adlergleicher Kämpfer und Feldherr

Sabine Wolf, die Vorsitzende des Historischen Vereins, hatte zu einem Gespräch über Ludwig Derleth den Experten Dr. Kay Wolfinger von der  Universität München ins Gerolzhöfer Theaterhaus eingeladen.
Sabine Wolf, die Vorsitzende des Historischen Vereins, hatte zu einem Gespräch über Ludwig Derleth den Experten Dr. Kay Wolfinger von der Universität München ins Gerolzhöfer Theaterhaus eingeladen. Foto: Klaus Vogt

„Der Seher stirbt, doch seine Schauung bleibt.“ Zumindest dieser Wunsch des in Gerolzhofen geborenen Schriftstellers Ludwig Derleth (1870 – 1948) ist in Erfüllung gegangen. 70 Jahre nach seinem Tod lud der Historische Verein Gerolzhofen zu einem gut besuchten Vortrag über Derleths Leben und Werk, seine „Schauung“, in das Theaterhaus ein. Mit Dr. Kay Wolfinger, wissenschaftlicher Assistent am Institut für Deutsche Philologie an der Universität München, hatte man einen Referenten gewinnen können, der äußerst kompetent und unprätentiös das literarische Werk Derleths wertete und einordnete.

Derleth hat mit Gerolzhofen nicht viel mehr zu tun, als dass er hier im heutigen Anwesen Weinig in der früheren Kreuzgasse, der heutigen Ludwig-Derleth-Straße, geboren wurde. Eineinhalb Jahre nach der Geburt verließ seine Familie schon wieder die Stadt. Als Erwachsener hatte Derleth keinerlei Bezug zur Steigerwaldstadt, in seinen Werken wird Gerolzhofen nirgends erwähnt. Trotzdem hält die Stadt den Dichter wohl noch am stärksten in Erinnerung unter den vielen Orten, in denen Derleth einst lebte. Besonders der damalige Bürgermeister Franz Stephan setzte sich für die Erinnerungskultur ein und hielt engen Kontakt zur inzwischen verstorbenen Witwe Christine Derleth.

Schwere Kost

Doch bei allem bemühten Hochhalten des Erbes eines Gerolzhöfer Dichtersohns: Das, was Derleth hinterlassen hat, ist schwere Kost. Es ist Kunst um der Kunst willen. Und zweckfrei. Es ist zugleich das Spiegelbild eines Mannes, der zu Lebzeiten schon immer randständig war, sich selbst zum Seher-Dichter hochstilisierte. „Ludwig Derleth hat schon immer die Menschen befremdet“, sagte Kay Wolfinger. „Dies war sein Duktus. Er hat damit gespielt. Sein heiliger Ernst, die fromme Feierlichkeit seines Werks ist niemals zeitgemäß gewesen.“

Wenn Derleth – in Priesterkleidung gewandet – um die Jahrhundertwende in der Künstlerszene von München-Schwabing unterwegs war, hatte er stets eine Aktentasche dabei. Darin: ein Brevier (das Stundengebetsbuch eines Priesters), eine Bibel in der Fassung der lateinischen Vulgata – und die Totenmaske von Feldherr Napoleon, der zu den großen Säulenheiligen Derleths zählte. Diese skurrile Mischung in der Aktentasche erzählt viel davon, wie Derleth sich selbst sah: ein edler, kraftvoller und adlergleicher Kämpfer und Feldherr, der Führer seiner eigenen religiös-literarischen Richtung und zugleich ein in sich versunkener Denker im Religiös-Mystischen.

Audienzen in München

Gleich einem Priesterdichter versuchte Derleth unablässig, eine Art Jüngerkreis, einen mystischen Geheimorden um sich zu scharen. Besonders in seiner Münchener Zeit, als er in bester Adresse am Marienplatz residierte und dort regelmäßig Hof hielt, gelang ihm dies auch bisweilen. Er hielt Audienzen ab und konfrontierte seine Besucher, die sehnsüchtig meist monatelang auf eine Einladungskarte warten mussten, mit seinen Proklamationen. Doch letztlich gelang es Derleth nie, dauerhaft eine feste Gruppe um sich zu scharen – im Gegensatz zu Stefan George, der in der Münchner Szene einen auf eigenen ästhetischen, philosophischen und lebensreformerischen Vorstellungen beruhenden Kreis etablieren konnte. Der konfliktreiche Kontext zwischen Derleth und George gelte es noch wissenschaftlich zu untersuchen, sagte Kay Wolfinger.

Derleth blieb der eigentümliche, esoterische Dichter. Verquer. Sperrig. Befremdlich. Kitschig. Pathetisch. Unter den anderen Schriftstellern seiner Zeit, die ihr Gegen-den-Strom-Schwimmen ebenfalls plakativ öffentlich auslebten, scheint er aber trotzdem mit der Idee seiner radikalsubjektiven Theokratie herausgeragt zu haben. Denn Thomas Mann hat Derleth mehrmals in verschiedenen seiner Werke zwar nicht namentlich genannt, so doch eindeutig identifizierbar auftreten lassen. Es ist zwar nur eine Fußnote in Manns herausragendem Werk, aber immerhin. In der Erzählung „Beim Propheten“ schildert Mann voller Ironie und Doppeldeutigkeit, wie ein als Derleth zu erkennender Dichter in einer seiner theatralisch gestalteten Audienzen von Dritten seine Proklamationen verlesen lässt, die leidenschaftlich und mit revolutionärem Pathos darauf abzielen, eine neue hierarchische Ordnung eines gereinigten katholischen Christentums zu begründen.

Starke Frauen an der Seite

Sein schriftstellerisches Leben lang habe Derleth starke Frauen an seiner Seite gehabt, berichtete Wolfinger. Die Beziehungen zu seiner Familie, insbesondere zu seiner Schwester Anna Derleth, sind noch nicht aufgearbeitet. Stapelweise Briefe an die Eltern warten im Deutsches Literaturarchiv in Marbach auf die Auswertung. Klar ist aber, dass der Dichter eine schier inzestuöse Beziehung zu seiner zölibatär lebenden Schwester unterhielt, die ihm zeitlebens in einer an Hörigkeit grenzenden Ergebenheit diente und ihm, beispielsweise mit Kopierschreibarbeiten, während des komplizierten Prozesses des Schreibens unterstützte. Den Luxus, nie selbst Geld verdienen zu müssen – von den wenigen, frühen Jahren als Gymnasiallehrer mal abgesehen – konnte sich Derleth leisten: Seine deutlich jüngere Ehefrau Christine stammte aus gut betuchtem Hause. Dabei wurde die Ehe nie vollzogen, wie sie später berichtete. Man habe nur gemeinsame Kinder des Geistes gehabt. Daneben hat Derleth gerne Spenden von Wohltätern entgegengenommen, berichtete Kay Wolfinger.

Ordnung ins Gesamtwerk gebracht

Christine ist es auch, die nach dem Tode Derleths gemeinsam mit dem Schweizer Dominik Jost das Gesamtwerk ihres Mannes ordnet, teils umarbeitet und schließlich verlegt. Sie folgte der Vorhersage ihres Priesterdichters, wonach „meine Gedanken in der Geschichte zum Ausbruch kommen werden“. Zentrales Mammutwerk ist der „Fränkische Koran“, eine fünfbändige Sammlung auf 2000 Seiten mit rund 15 000 Versen. In diesem für Derleth heiligem Buch in Anspielung auf seine fränkische Heimat begibt sich die Menschenseele auf Pilgerfahrt von Gott zu Gott.

Unter der Moderation der Vorsitzenden des Historischen Vereins, Sabine Wolf, entwickelte sich im Theaterhaus ein reger, sehr interessanter Gedankenaustausch mit dem Referenten Kay Wolfinger. Die Quintessenz: Das Werk Derleths ist trotz – oder wegen? – seiner enormen Sprachwucht und seiner inhaltlichen Irrlichter schwer verdaulich. Kunst um der Kunst willen. Von einem Mann, der schon in seiner Jugend psychiatrisch auffällig war und seine Schwester dem Selbstmord nahebrachte.

Fragen bleiben

Bleiben die ungelösten Fragen: War Derleth ein Seher, ein Priester seiner eigenen Religion, der, wie es eine Besucherin zusammenfasste, „von seiner Frau lebte und sich was zusammengesponnen hat“? Oder ein randständiger Autor des Ästhetizismus, einer Epoche, die im Schönen den höchsten Wert sah und dem alles unterordnete, selbst die Ethik, die Erkenntnis und Religiosität? Es bleibt schwierig.

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