Ein ganzes Bündel an Problemen

Die Dunois, die Bürger der französischen Stadt, haben den altgedienten Alain Venot

noch einmal zum Bürgermeister gewählt: Als ihren Hoffnungsträger

Ihre 50 Jahre Partnerschaft haben Schweinfurt und Châteaudun letztes Wochenende mit einem wunderbaren Freundschaftsfest gefeiert (wir berichteten). Mit dabei weitere Partnerstädte der Franzosen, Marchena in Spanien und Kromeriz (Ost-Tschechei), je 30 000 Einwohner groß. Die Stadträte aller Delegationen – für Schweinfurt OB Sebastian Remelé, Referent Jürgen Montag und die Räte Klaus Rehberger (CSU), Thomas End (SPD), Ulrike Schneider (SWL) und Sinan Öztürk (Linke) – informierten sich natürlich über die Lage bei den anderen. Dass Spanier, Tschechen und die Franzosen größere Sorgen haben als Schweinfurt, überrascht nicht.

Auf den Chefsessel der französischen Stadt im Département Eure-et-Loir kehrte Alain Venot (68) zurück. Der Politiker der UMP regierte von 1983 bis 2008. Vor sechs Jahren wurde er – ebenso überraschend – vom ebenfalls konservativen Didier Huguet übertrumpft. Venots Liste „Für jeden Dunois" (so nennen sich die Bürger Châteauduns) holte zwar nur 30 Prozent der Stimmen. Wegen des eigenartigen Wahlsystems, das die erfolgreichen Parteien bevorteilt, verfügt er aber über eine Mehrheit von 22 der 33 Sitze im Stadtrat. Der wie andere französische Bürgermeister auch staatsmännisch auftretende Venot weiß natürlich um die ihm bevorstehende Kärrnerarbeit. Die Arbeitslosigkeit liegt wie im Land bei zehn Prozent; bei der Jugend bis 25 Jahre ist die Lage mit 15 Prozent (landesweit 25) etwas besser, wie es neben anderen Sihame Khalil bestätigte. Die Stadträtin arbeitet in einem Job-Vermittlungscenter im 46 Kilometer enternten Chartres. Jeder Dritte der 13 000 Einwohner (Schweinfurt 53 000) hat einen Migrationshintergrund, die meisten stammen ursprünglich aus Marokko.

Thierry Martin, ein Freund von Stadtrat End (er beherbergte ihn bei Schweinfurt-Besuchen), lädt zu einer Informationstour ein. Martin ist Vorstandsmitglied im Fußballclub Châteaudun, der trotz stimmgewaltiger Schweinfurt-Unterstützung das Entscheidungsspiel um den Klassenerhalt mit 2:0 verlor. Der Klub ist jetzt sechstklassig. Venot verließ das Stadion wortlos. Vielleicht tat er das auch wegen des Zustands der städtischen Anlage. Geld für eine nötige Sanierung hat die Stadt aber nicht. Sie investiert dennoch kräftig, hat den Umweltschutz entdeckt.

Eine Hackschnitzel-Heizung versorgt erste Wohneinheiten mit Wärme. Kürzlich auch öffnete ein Recyclinghof. Man kümmert sich mit Staatshilfe um den sozialen Wohnungsbau, der wegen schlechter Nachrichten auf dem Arbeitsmarkt nötiger denn je scheint. Die Telefonfirma SMC, einst größter Arbeitgeber, machte 2008 dicht. Die Hoffnung war eine Fotovoltaik-Firma. Dann kamen die Strafzölle. Solar Valley aus China ging, das als Logistikzentrum geplante Gebäude steht leer. Nächste Hiobsbotschaft: Die Armee. Eine Luftwaffeneinheit wird auf nur noch 600 großteils Instandhaltungssoldaten halbiert. Weiter: Angekündigt ist die Auflösung des Landwirtschaftskombinats. Die Regierung hat beschlossen, zwei Standorte in Orléans zu konzentrieren, wo künftig statt 400 (je 200) deutlich weniger Menschen arbeiten werden. Martins Frau muss nun täglich statt drei rund 50 Kilometer nach Orléans fahren.

Größte Arbeitgeber sind Hutchinson, Produzent von Fahrradreifen und Gummiteilen für Autos sowie Vorwerk (Küchengeräte) mit 600 und 300 Beschäftigten. Dirk Steitz arbeitet bei Vorwerk. In der Partnerstadt lebt der Westdeutsche mit seiner Frau Constance, einer Amerikanerin. Sie fühlen sich wohl und sind Mitglied im französischen Freundeskreis Schweinfurt. Die Stadt am Main kennt er noch nicht und er hofft wie viele Bürger aus Châteaudun, dass der erfahrene Venot Lösungen findet.

Und der Tourismus? Hier zu punkten ist schwer. Das Château (12. Jahrhundert) ist zwar ein Schmuckstück und als 23. der Loir-Schlösser gelistet. Es liegt aber nicht an der Hauptroute (Auto und Rad). Die historische Altstadt ist schön, aber sanierungsreif. Viele Häuser werden zum Verkauf angeboten. Probleme also an jeder Ecke.

Das Châtheau: Es stammt aus dem 12. Jahrhundert und ist fast ein Märchenschloss. Es wird für offizielle Anlässe genutzt. Foto: Alle Hannes Helferich
Der Mittelpunkt: Das Rathaus am Platz des 18. Oktober.
Laisser-faire: Cafés gibt es an jeder Ecke im Zentrum Châteauduns.
Wehrturm: Der Eingang zum Schloss.
Idyll: Der Uferbereich der Loir.
Historische Altstadt: Schön, aber sanierungsbedürftig und mit viel Leerstand.
Marodes Stadion: Thomas End (rechts) mit Freund Thierry Martin.

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