SCHWEINFURT

Ein schwacher Belastungszeuge

Die Droge gilt als „weiche“, aber die Menge hätte für etliche Jahre hinter Gittern ausgereicht. Zehnmal je ein Kilogramm „Gras“– jedoch von schlechter Qualität – soll der 30-jährige Angeklagte im Zeitraum 2014 bis Mitte 2015 einem 28-jährigen Abnehmer in Schweinfurt für 6000 Euro pro Kilo verkauft haben. So lautete die Anklage, die sich im Wesentlichen auf die Aussage des 28-jährigen damals schwer drogenabhängigen Belastungszeugen stützte.

Angst vor dem Angeklagten?

Demnach soll die Ware des Angeklagten meist recht schlecht, feucht und klumpig gewesen sein, was seine Kunden moniert hätten. Er habe nämlich nur deshalb größere Mengen bezogen und weiterverkauft, um zusammen mit seinem Kumpel die eigene Sucht zu finanzieren. Mit dem Angeklagten habe es im Lauf der Zeit Probleme gegeben. Er habe aber nicht gewagt, den Lieferanten zu wechseln, weil der Angeklagte im Ruf gestanden sei, auch rabiat zu werden. Den Stoff habe er auf Kommission bekommen und in Abständen – je nachdem wie die Verkäufe liefen – bezahlt. Schulden habe er bei dem Angeklagten nie gemacht. Das habe er nicht gewagt. Bei finanziellen Engpässen habe er sich lieber von Verwandten Geld geliehen.

Der Anwalt des Angeklagten nahm sich viel Zeit dafür, die Glaubwürdigkeit des Zeugen zu erschüttern. Er konfrontierte ihn mit Aussagen, die er bei Vernehmungen oder als Zeuge in Prozessen gegen seine früheren Abnehmer gemacht und später zum Teil revidiert hatte. Der 28-Jährige konterte beim Prozessauftakt, dass er sich eben nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern könne und nun lieber Unsicherheiten einräume oder Korrekturen vornehme, bevor er falsche Aussagen mache, die ihm zum Verhängnis werden könnten.

„Prügel für Falschbezichtigung“

Der Verteidiger des Angeklagten meinte, der Zeuge belaste seinen Mandanten vielleicht auch deshalb zu Unrecht, weil er von ihm Prügel wegen der Falschbezichtigung bekommen habe und Verwandte wie Anwälte bei seinem Verfahren geraten hätten, besser „auszupacken“.

Am zweiten Verhandlungstag wurden bereits die Plädoyers gehalten und das Urteil gesprochen. Für die Staatsanwaltschaft war die Schuld des Angeklagten erwiesen. Sie beantragte für den illegalen Rauschgifthandel mit nicht geringen Mengen eine Haftstrafe von fünf Jahren – die Verteidigung dagegen Freispruch.

Im Zweifel für den Angeklagten

Die Kammer folgte dem Antrag des Verteidigers. Sie sah bei dem einzigen Belastungszeugen ein theoretisches Motiv für eine Falschbezichtigung sowie eine Reihe von Unstimmigkeiten in seinen Aussagen. Objektive Beweise für den Anklagevorwurf wie Telefon- oder Chatprotokolle oder gar ein Ertappen auf frischer Tat gab es in dem Verfahren nicht.

Bei nur einem Belastungszeugen müsse die Aussage, um für eine Verurteilung auszureichen, von besonderer Qualität sein, so der Kammervorsitzende. Das sei hier nicht der Fall. Also urteilte das Gericht nach dem „Zweifelssatz“ für den Angeklagten: Freispruch. Dagegen könnte die Staatsanwaltschaft in Revision gehen.

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