SCHWEINFURT

Eine Pflegefamilie „wäre der Jackpot für ein Kind“

Childhood problems - Child abuse
Die Zahl der misshandelten oder vernachlässigten Kinder steigt stetig. Im Landkreis Schweinfurt befinden sich aktuell 150 Kinder in Pflegefamilien. Das Jugendamt sucht ständig Paare oder Einzelpersonen, die ein „fremdes“ Kind aufnehmen. Foto: Thinkstock

Es ist eine große Aufgabe, und nicht jedermann ist dafür geeignet. Das räumt Doris Fery ein. Doch wer sich dafür entscheidet, ein fremdes Kind in seiner Familie aufzunehmen, der kann in dem Buch der erfahrenen Pflegemutter aus Theres wertvolle Tipps und Hilfestellung finden.

„Gesucht! Pflegefamilien“ – unter diesem Titel hat Doris Fery ihre Erfahrungen mit Pflegekindern niedergeschrieben und diese etwa 30 Interessierten im Sitzungssaal des Landratsamtes vorgestellt. Irene Memmel und Beate Gebauer vom Pflegekinderdienst des Landkreises Schweinfurt ergänzten die Lesung mit fachlichen Informationen.

Aktuell gibt es im Landkreis Schweinfurt 150 Pflegekinder, die in 110 Pflegefamilien leben. Unter ihnen sind auch 15 minderjährige Flüchtlingskinder.

Landratsamt sucht Pflegefamilien

„Wir sind ständig auf der Suche nach Familien, die ein Pflegekind bei sich aufnehmen“, sagt Irene Memmel, auch wenn der Landkreis bislang noch kein Kind in ein Heim vermitteln musste. Doch seit Jahren steige die Zahl der Kinder, die aus ihrer Familie herausgeholt werden müssen, obwohl dieser Schritt immer „die letzte Option“ sei. „Es dauert sehr lange, bis wir ein Kind von seiner Herkunftsfamilie trennen“, versichert Irene Memmel. Zuerst werde die Familie mit fachlicher Beratung und pädagogischer Hilfe unterstützt. Wenn diese Maßnahmen nicht greifen und das Jugendamt das Kindswohl gefährdet sieht, erst dann werde das Kind von den Eltern getrennt.

Doris Fery hat vor gut 20 Jahren ihre ersten beiden Pflegekinder bekommen, ein Geschwisterpärchen, drei und 15 Monate alt. Was auf sie zukommen würde, das wusste sie damals nicht, nur so viel, dass sie es unbedingt machen wollte. Und trotz aller Höhen und Tiefen in den vergangenen 20 Jahren steht für sie fest: „Es ist es wert.“ Mit ihrem Buch will sie deshalb anderen Menschen Mut machen, auch Pflegeeltern zu werden. „Das wäre der Jackpot für ein Kind, das bei Ihnen aufwachsen kann.“

Der Verstand muss über das Herz siegen

Das erste, was einem beim Thema „Pflegekind“ in den Kopf schießt, ist die Frage: Bricht es einem nicht das Herz, wenn man das Pflegekind möglicherweise wieder abgeben muss? Diese Frage habe sie schon oft gehört, bestätigt eine Pflegemutter im Kreis der Zuhörer und kontert: „Wenn niemand solche Kinder in Pflege nimmt, dann kommen sie ins Heim.“ Hier müsse der Verstand über das Herz siegen. Als Pflegeeltern habe man aber die Genugtuung, den Kindern während der Pflegschaft eine behütete und gute Zeit ermöglicht zu haben.

Doch wie wird man Pflegeeltern? Als Voraussetzungen nennt Beate Gebauer nicht nur ein gesichertes Einkommen, ausreichend Wohnraum und ein einwandfreies Führungszeugnis, sondern vor allem Toleranz gegenüber Menschen mit anderem sozialem Hintergrund und die Bereitschaft, schwierige Situationen durchstehen zu können. Doris Fery schildert in ihrem Buch solche Situationen, die sie oder andere Pflegeeltern erlebt haben und die alltägliche Erziehungsprobleme in ihrer Intensität bei weitem übertreffen. Da ist zum Beispiel die kleine Marie, die keinen Tages- und Nachrhythmus kennt, keine Regeln gelernt hat und immer nach Aufmerksamkeit heischt. Es erfordere viel Zeit und Geduld, solche Kinder zu integrieren. Doris Fery vergleicht die Pflegefamilie mit einem Mobile, an dem man eine Figur dazuhängt. „Da gerät alles erst einmal aus dem Gleichgewicht.“ Und sie stellt klar: „Wenn es keine Herzensangelegenheit ist, dann lassen Sie die Finger davon – dem Kind und sich selbst zu liebe.“

Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie

Eine große Rolle spielt in Ferys Buch die Herkunftsfamilie. Die Zusammenarbeit mit den leiblichen Eltern sei nicht zu unterschätzen. Man müsse Toleranz und Respekt aufbringen. Und was Kinder in früheren Jahren erlebt haben, bekämen oft die Pflegeeltern zu spüren. „Damit muss man umgehen können.“ Wichtig sei deshalb auch der Austausch der Pflegeeltern untereinander. „Die kennen die Probleme, die wissen sofort von was man spricht“, bestätigt eine Pflegemutter.

Auch das Jugendamt steht den Pflegeeltern beratend zur Seite, bietet Fortbildungen und Seminare an. Daneben gibt es Supervisionsgruppen und regelmäßige Treffen der Pflegeeltern. Im Landkreis Schweinfurt wird alljährlich auch ein Sommerfest für die Pflegefamilien ausgerichtet. In diesem Jahr findet es am 30. Juni in Reichmannshausen statt.

Aktuell betreut Doris Fery drei Pflegekinder im Alter von 14, 17 und 18 Jahren. Für die beiden leiblichen Söhne, die das Elternhaus bereits verlassen haben, sei es nicht immer einfach gewesen, gibt Fery zu, „aber es hat sie geprägt“. Das bestätigt auch eine andere Pflegemutti: „Pflegekinder machen eine Familie reicher.“

Weitere Informationen gibt das Amt für Jugend und Familie im Landratsamt Schweinfurt, Tel. (09721) 55-444 oder -488; pflegekinderdienst@lrasw.de

Doris Fery aus Theres ist Pflegemutter und hat ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben. Foto: Irene Spiegel

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