SCHWEINFURT

Eine Unterschrift für Gleichberechtigung

Bei ihrer Standaktion sammeln die Mitglieder von Amnesty International Schweinfurt Unterschriften für Frauenrechtsreformen in Tunesien. Foto: Lux

Ein junger Mann geht zielstrebig auf den Stand von Amnesty International (ai) zu. Ohne viel zu fragen, greift er nach der Unterschriftenliste und unterzeichnet den Aufruf nach einer Reform der Frauenrechte in Tunesien. „Ich bin selbst Moslem“, erklärt er, „deshalb ist es mir wichtig, für Gleichberechtigung einzutreten. Alle Menschen sollten gleich behandelt werden.“ Auch Ralf Müller geht spontan auf den Stand zu. „Ich habe Amnesty International gelesen und da war klar, dass ich das unterstütze. Es wird in der Welt noch zu viel unter den Teppich gekehrt.“

Anlässlich der Frauenwochen steht die Standaktion der Schweinfurter ai-Gruppe unter dem Obertitel „Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit“. Dafür haben sich die Verantwortlichen diesmal ein Land gewählt, das in der arabischen Welt eine Vorreiterrolle in Sachen Frauenrechte und Gleichheit der Geschlechter anstrebt. Zur Umsetzung aber ist es auch in Tunesien noch ein weiter Weg.

Zwar hat die Übergangsregierung im August 2014 versprochen, ein umfassendes Gesetz gegen sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt auf den Weg zu bringen, seit dem Amtsantritt der neuen Regierung im Februar 2015 und den blutigen Anschlägen ist dieses Vorhaben aber in der Versenkung verschwunden. Weiterhin werden Opfer sexueller Gewalt von der Polizei diskriminiert, haben kaum Zugang zu rechtlicher oder psychologischer Beratung und wissen nicht, an wen sie sich wenden können.

Ein Brief von ai an den Premierminister Tunesiens erinnert an das Versprechen von einst. Er fordert, dass die Betroffenen Zugang zu gesundheitlicher und rechtlicher Unterstützung haben, und verlangt, gesetzliche Maßnahmen gegen die Gewalt an Frauen zu treffen. Auch die Überarbeitung schändlicher Gesetze wird eingefordert. So beispielsweise die Tatsache, dass Vergewaltigung in der Ehe kein Straftatbestand ist. Auch dass sich Vergewaltiger und Entführer einer strafrechtlichen Verfolgung entziehen können, indem sie ihr Opfer heiraten, wird angeprangert. Einvernehmliche gleichgeschlechtliche Sexualbeziehungen außerhalb der Ehe sollten nicht mehr unter Strafe stehen, fordert ai.

Marieluise Gillert, die vor dem Stand um Unterschriften für diese Anliegen wirbt, muss aber auch in Deutschland manchmal den Kopf schütteln. „Da gehen Paare vorbei, die Frau interessiert sich, der Mann sagt Nein und dann trotten die Frauen hinter dem Mann davon.“ Ihr Kollege Franz-Josef Selig bestätigt das. „Dass Frauen trotzdem unterschreiben, ist absolut die Ausnahme.“

Peter Nastali ist einer, der unterschreibt, und er weiß auch, warum. Auch wenn eine Unterschrift vielleicht nicht viel bewirke, müsse man doch Zeichen setzen, meint er. „Es ist wichtig, dass Frauen in den Ländern des Islam Rechte bekommen. Da darfst du mit einer Frau ja machen, was du willst, das kann doch nicht sein“, erklärt er.

Ein älteres Ehepaar unterschreibt zögerlich. Die Frau fragt vorsichtshalber nach: „Und wir verpflichten uns jetzt zu nichts weiter, das ist kein Vertrag?“ Die Unterschrift bedeute nur, dass sie diese Forderungen für richtig halten, beruhigt Selig.

Unterschiedliche Rechte für Frauen und Männer gebe es ja nicht nur im Islam, erklären zwei Frauen, die ebenfalls unterschrieben haben. „Auch bei uns verdienen Frauen noch immer weniger als Männer“, sagt die eine und die andere ergänzt: da müsse man solidarisch sein mit Frauen aus anderen Ländern, denen noch mehr Rechte vorenthalten werden.

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