GELDERSHEIM

Einst ein königlicher Stützpunkt, heute über 1250 Jahre alt

Unübersehbar: Große Schilder weisen an den Ortseingängen von Geldersheim auf die 1250-Jahrfeier im nächsten Jahr hin.
Unübersehbar: Große Schilder weisen an den Ortseingängen von Geldersheim auf die 1250-Jahrfeier im nächsten Jahr hin. Foto: Silvia Eidel

Große Schilder an allen Ortsausgängen künden davon, dass das Dorf 2013 einen runden Geburtstag feiert: den 1250. Damit zählt „Geltresheim“, wie es in der ersten schriftlichen Quelle heißt, zu den ältesten Orten im Landkreis. Das Schriftstück spiegelt die Zeit um 763 wider, in der Frömmigkeit und Klöster, aber auch Unfreie und Herren das Landleben kennzeichneten.

Das ganze Jubiläumsjahr über wird in Geldersheim bei zahlreichen Veranstaltungen gefeiert. Gemeinde, Vereine, Kirche und Privatleute engagieren sich, Mundart und Brauchtum, Trachten und Musik spielen dabei eine Rolle. Zur Geschichte des Dorfes arbeitet im Auftrag der Gemeinde der Mainberger Historiker Dr. Thomas Horling, Lehrbeauftragter der Universität München. Er hält am Festwochenende der Gemeinde, Ende August 2013, den Festvortrag.

Worauf sich das Dorfjubiläum stützt, ist die erste schriftliche Nennung des Namens Geldersheim in einer Schenkungsurkunde des Klosters Fulda von 763 oder gar 762. Im Original erhalten ist diese allerdings nicht, sondern nur eine Abschrift davon, 400 Jahre später erstellt im „Codex Eberhardi“. Dieses Kartular ist ein zusammenfassendes Verzeichnis der Güter des Reichsklosters.

Zwischen 1150 und 1160 hat der Mönch Eberhard im Auftrag seines Abtes Abschriften, also von Hand geschriebene Kopien der Besitzurkunden angefertigt, die sich im Kloster im Lauf der Zeit angesammelt hatten. Weil sich aber die Benediktinerabtei Mitte des 12. Jahrhunderts in einem wirtschaftlich desolaten Zustand befand, setzte sich der Kopist Eberhard zum Ziel, möglichst viel verlorenes Klostergut zurückzugewinnen. Dabei nahm er es, wie die Geschichtswissenschaft weiß, mit der Wahrheit nicht immer so genau.

Nichtsdestotrotz: Die Fülle von Detailangaben in der rund 850 Jahre alten Handschrift, die in Marburg aufbewahrt wird, gestattet Wissenschaftlern Einschätzungen über die Anfänge von Siedlungen bis in die Zeit der Frankenkönige. Eine gedruckte und kommentierende Ausgabe des lateinischen, handschriftlichen Kartulars lieferte 1958 der Marburger Historiker Edmund Ernst Stengel mit seinem „Urkundenbuch des Klosters Fulda“.

Über die Zeit, in der Geldersheim erstmals erwähnt wird, heißt es da, dass dies im „12. Regierungsjahr unseres Herrn Pippin, Königs der Franken“ geschah. Pippin, der Vater Karls des Großen, ließ sich im November 751 zum König ausrufen. Da in der Urkunde auch der Fuldaer Abt Sturmius genannt wird, lässt das Ausstellungsdatum sich einengen auf die Zeit vom 19. November 762, dem frühest möglichen Beginn des zwölften Regierungsjahres Pippins, bis zum 28. August 763, als der Abt verbannt wurde. 17 Personen plus der Schreiber Sadrebald erschienen damals in „Geltresheim“, in „villa publica“.

Anlass für diese Zusammenkunft war die Beurkundung einer Schenkung. „Die villa publica ist aber kein Gebäude, kein Amtshaus“, widerspricht Geschichtswissenschaftler Horling mancher deutschen Übersetzung dieses lateinischen Ausdrucks. Wörtlich übersetzt heißt er „öffentlicher Ort“, gemeint ist, dass der Ort unter königlichem Einfluss stand, ein königlicher Stützpunkt war. Ein erst später für Geldersheim nachgewiesener Königshof und eine Pfalz haben demnach ihre Wurzeln bereits in dieser Zeit um 763, so Horling.

Bei der Schenkung übergaben die Eheleute Hahbert und Hruadlaug, kurz auch Hruada, für ihr „Seelenheil“ ihren Besitz in „Geltresheim“ zu gleichen Teilen an den Abt Sturmius und die Äbtissin Hruadlauga. Sturmius war Gründer und erster Abt des Klosters Fulda. Bei dem Marienkloster der Äbtissin Hruadlauga handelt es sich höchstwahrscheinlich um das Nonnenkloster Groß- oder Klein-Wenkheim bei Münnerstadt; es ging wenig später ins Eigentum Fuldas über, so der Historiker Stengel. Wo es genau stand, ist heute nicht mehr festzustellen.

Zum Besitz des Ehepaares, das laut Thomas Horling einer wohlhabenden Sippe mit weiteren Besitzungen in der Region angehörte, zählen neben zwei „Fuder Heuertrag“ auch zwölf unfreie landwirtschaftliche Arbeiter und zwei Huben (auch Hufen genannt). Das ist ein Bauernhof, „der so groß ist, dass der Inhaber von den Erträgen seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte“, erläutert Horling. Dazu gehörten noch Ländereien, Wälder, Fluren, Wiesen, Weiden, Gewässer und Wasserläufe.

Außerdem verschenken sie auch ihre Liegenschaften in „Hengistdorpfe“. Gemeint ist damit Pfersdorf: in Hengist steckt Hengst, das althochdeutsche hangisto, das männliche Pferd. Pfersdorf gründet sein Dorfjubiläum im nächsten Jahr also auch auf diese Fuldaer Urkunde.

Unterzeichnet und bezeugt mit einem Kreuzchen ist die – abgeschriebene – Schenkungsurkunde neben dem Schreiber Sadrebald von 17 Personen. Nach den beiden Stiftern wird zunächst, der Bedeutung nach, Altthuring genannt, der ebenfalls in Geldersheim Besitz hatte, den er 791 an Fulda schenkt, weiß Horling. Er war wohl ebenso mit Hahbert verwandt wie der an dritter Stelle genannte Würzburger Bischof Megingoz, Nachfolger des heiligen Burkard.

Die Ehefrau Hahberts, Hruadlaug, war sehr wahrscheinlich mit der Äbtissin Hruadlaug verwandt, „vielleicht war jene ihre Tante“, so der Historiker. Und eventuell war die Äbtissin auch die Schwester des Bischofs, zumal das Eigenkloster zur Sippe des Bischofs, den Mattonen, zählte.

„Insgesamt war Geldersheim bei der Ersterwähnung 762 oder 763 ein königlicher Stützpunkt und regional bedeutender Ort, in dem sich mehrere Große zusammenfanden, um die Schenkung zu bezeugen“, fasst Horling zusammen. Wie alt der Ort ist, weiß niemand ganz genau. Archäologische Funde aus der Jungsteinzeit (5700 bis 2300 vor Christus) zeugen aber von einer langen Geschichte.

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