GEROLZHOFEN

Erste Betriebe kehren Stadt den Rücken

Keine Expansionsmöglichkeit: Die Firma Gernert wird Gerolzhofen verlassen und nach Dingolshausen gehen, weil die Stadt nicht in der Lage war, Bauland zu einem adäquaten Preis zur Verfügung zu stellen.
Keine Expansionsmöglichkeit: Die Firma Gernert wird Gerolzhofen verlassen und nach Dingolshausen gehen, weil die Stadt nicht in der Lage war, Bauland zu einem adäquaten Preis zur Verfügung zu stellen. Foto: N. Finster

Joachim Gernert hätte 3,5 Hektar Bauland in einem Gerolzhöfer Industriegebiet gebraucht. Er will seinen erfolgreichen Betrieb Recycling-Flora-Pack weiterentwickeln, der – noch – seinen Sitz an der Adam-Stegerwald-Straße hat. Eine Fläche von einer solchen Größe hätte in Gerolzhofen aber erst erschlossen werden müssen.

Und davor hätte man erst alle Eigentümer potenziell möglicher Flächen dazu bringen müssen, ihr Land zu verkaufen. In Gerolzhofen ein Ding der Unmöglichkeit.

„Die Stadt war sehr bemüht“, konzediert Joachim Gernert. Aber er muss andererseits auch sagen, dass seine privaten Verhandlungspartner utopische Preisvorstellungen hatten. 80 Euro für den Quadratmeter wollte so mancher Grundstücksbesitzer, ein echter Großstadtpreis.

In anderen Gemeinden hätte man Gernerts Betrieb dagegen mit Handkuss genommen. In Prichsenstadt standen die Verhandlungen fast vor einem Abschluss, auch Schwebheim oder Donnersdorf zeigten großes Interesse an der Ansiedlung des Betriebs mit zehn Mitarbeitern. Alle Gemeinden wären sofort in der Lage gewesen, Gernerts Wünsche zu erfüllen.

Dingolshausen macht das Rennen

Den Zuschlag erhielt am Ende aber Dingolshausen. Das Geschäft ist bereits perfekt, Gernert wird die Stadt auf Nimmerwiedersehen Richtung Osten verlassen. In einem bis zwei Jahren soll es so weit sein. Dass es in Dingolshausen geklappt hat, ist der Bereitschaft eines Landwirts zu verdanken, der die benötigte Fläche verkaufte, informiert Bürgermeister Lothar Zachmann. Nun sei aber die Dingolshäuser Kapazität an Gewerbefläche ziemlich ausgeschöpft.

Noch einmal Gernert: „In Gerolzhofen kann man nicht das Dreifache verlangen wie in anderen Gemeinden.“ 80 Euro in der Stadt, 25 bis 30 Euro in der Umgebung, das ist bei einer Flächengröße wie von Gernert benötigt, ein Unterschied, der keinen Investor kaltlässt. Gernert ist kein Einzelfall. Ein weiterer größerer Betrieb wird die Stadt verlassen, bekennt Bürgermeister Thorsten Wozniak. Für ihn ist der Mangel an attraktiver Gewerbefläche ein „Riesenproblem“.

Dabei liegt die Betonung auf attraktiv. Denn es gibt zum Beispiel an der Alitzheimer Straße etwa 30 000 Quadratmeter Bauland in städtischer Hand. Allerdings immer nur in kleineren Parzellen und durchsetzt von Privatgrund. Außerdem liegen die Grundstücke in zweiter oder dritter Reihe westlich der Alitzheimer Straße bis zur Bahnlinie. Hier würde die Stadt 25 Euro für unerschlossenes Land, 40 für erschlossenes verlangen, sagt Wozniak. Ein Preis also etwa auf Augenhöhe mit der Umgebung. Aber niemand hat Interesse an diesen Grundstücken.

Noch weniger attraktiv sind wohl die städtischen Gewerbegrundstücke zwischen Mönchstockheimer Straße und B286. Diese Flächen sind hier zwar zusammenhängend, doch nicht erschlossen und auch nur schwer erschließbar. Es fehlt seltsamerweise an einer Stichstraße von der Straße am Spielsee her und auch an einer Linksabbiegerspur von der Mönchstockheimer Straße ins Gewerbegebiet hinein.

Private Grundstücke für gewerbliche Erschließung aufzukaufen, ist illusorisch, sagt Wozniak. „Mit Geld ist hier nichts zu machen, die Grundstücksbesitzer wollen bestenfalls tauschen.“ Und da sind Wozniak schon Forderungen von bis zu 1:10 zu Ungunsten der Stadt untergekommen. Auch wenn das realistischer abliefe – die Stadt hat kaum mehr Flächen zum Tauschen. Wozniak steht also im Spagat. Auf der einen Seite wird dringend Bauland gebraucht, auf der anderen „kann ich nicht wahllos das Gut der Bürger eintauschen“.

Keine Enteignung geplant

Auch vom Zeitaufwand, den das ganze „mühsame Geschäft“ kostet, könnte Wozniak einen Mitarbeiter ganz alleine beschäftigen.

Theoretisch besteht für eine Kommune die Möglichkeit eines Umlegungsverfahrens, wobei es zu einer Enteignung kommt, wenn diese Maßnahme dem Allgemeinwohl dient. „Ich möchte aber nicht zu diesem Mittel greifen, obwohl ich bei einem Seminar gelernt habe, dass es eigentlich ein Fehler ist, das nicht zu tun“, sagt der Bürgermeister.

Bestehendes Gewerbe halten

Natürlich geht es zuerst einmal darum, bereits bestehendes Gewerbe bei Expansionswünschen in der Stadt zu halten. Aber es gibt auch ansiedlungswilliges Gewerbe von außerhalb. Alle Interessenten zusammengenommen würden eine Fläche von 14 000 Quadratmetern benötigen. Dafür haben sich Bürgermeister und Stadtrat das einst als Wohngebiet ausgewiesene Gelände an der Abfahrt Gerolzhofen-Süd der B286 ausgeguckt. Doch auch hier wird es schwierig. Denn es zeichnet sich eine Bürgerbewegung gegen die Änderung des Flächennutzungsplans mit Umwandlung in ein Gewerbegebiet ab. Diese könnte die Gewerbeansiedlung, wenn nicht verhindern, so doch so lange verzögern, dass Interessenten abspringen.

Aufgabe für die nächsten Jahre

„Die große Frage ist, was ist die Alternative“, fragt sich ein besorgter Bürgermeister. Bewegung kann in die wirtschaftliche Entwicklung Gerolzhofens nur kommen, wenn Grundstücke dafür da sind. Dieses seit Jahrzehnten in Gerolzhofen bestehende Problem wird wohl eine kardinale Aufgabe des Bürgermeisters in den nächsten Jahren bleiben.

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