SCHWEINFURT

Erste Hilfe beim Ankommen

Ein Tag im Kinderhaus: Gemeinschaftlich bauen sie an einer besseren Zukunft. Spielpädagogisches Projekt im Kinderhaus auf dem Areal der ehemaligen Ledward-Kaserne motiviert Ehrenamtliche ebenso wie asylsuchende Kinder.
Sie haben viel zu verarbeiten: Barbara Finzel betreut die Kinder im Kinderhaus der ehemaligen Ledward-Kaserne beim Spielen.
Sie haben viel zu verarbeiten: Barbara Finzel betreut die Kinder im Kinderhaus der ehemaligen Ledward-Kaserne beim Spielen. Foto: Manuela Bowitz

Durch das Stimmengewirr der Kinder unterschiedlicher Nationalitäten ist ihr Einsatzort sehr lebendig, quirlig und oft auch laut. Die Ehrenamtlichen selbst, die auf dem Areal der früheren Ledward-Barracks im Kinderhaus mitarbeiten, machen nicht „viel Lärm“ um ihr Engagement.

Laut Uwe Kraus, Leiter der Sozialen Dienste der Diakonie Schweinfurt, sind das mehr als 300. „Der ehrenamtliche Einsatz in der Erstaufnahme stellt natürlich eine Sondersituation dar. Man könnte sagen, es ist die „Erste Hilfe“beim Ankommen. Ein Großteil der Ehrenamtlichen leistet wichtige Integrationsarbeit, wenn sie asylsuchende Menschen bei Alltagsproblemen, Wohnungssuche, Behördengängen oder bei der Integration in Vereine und bei Sprachprojekten begleiten.

Das Ehrenamt ist aus der Asylsozialarbeit in Schweinfurt nicht wegzudenken. „Ohne unsere freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten viele Aktivitäten, die in der Aufnahmeeinrichtung angeboten werden, nicht stattfinden“, betont Sozialpädagogin Lisa-Marie Schmid. Sie koordiniert verschiedene Beratungsangebote und Projekte – wie das Internet-Café, Sportgruppen und das internationale Begegnungscafé.

34 Familien und insgesamt 77 Kinder im Alter von null bis 17 Jahren sind derzeit in den Räumen der ehemaligen US-Kaserne untergebracht. Sie kommen überwiegend aus Armenien und Somalia, nur noch einzelne aus Afghanistan oder Syrien. Im Durchschnitt beträgt die maximale Verweildauer in der Erstaufnahme vier bis sechs Monate. Die Asylsozialberatung und das Kinderhaus werden gemeinschaftlich von Caritas und Diakonie verantwortet.

„Es ist uns ein großes Anliegen, den Kindern und Jugendlichen die Zeit in der Aufnahmeeinrichtung so angenehm wie möglich zu gestalten und ihnen dabei zu helfen hier in Deutschland, in einer völlig neuen Umgebung und fremden Kultur anzukommen“, so Erzieherin Barbara Finzel, die pädagogische Leitung des Betreuungsangebots. Unterstützt wird Finzel von einem 27-köpfigen Team ganz unterschiedlicher Menschen jeden Alters, die von dieser Motivation geleitet, regelmäßig zu Einsätzen ins Kinderhaus kommen. Die Jungen und Mädchen erleben hier Schutzräume, in denen sie einfach Kind sein können, Vertrauenspersonen und Geborgenheit.

Eine Frau der ersten Stunde ist Birgit Hubert. Die 58-Jährige nimmt sich einmal in der Woche, neben ihrem Halbtagsjob, Zeit für die asylsuchenden Kinder. „Wenn ich hier die Zeit verbringe, dann bin ich immer wieder begeistert, wie wissbegierig die Kinder sind, man spürt, dass sie gerne etwas Neues kennenlernen wollen.“ Umgekehrt findet es Marion Herrmann, selbst Mutter von vier Kindern, bereichernd, Kinder unterschiedlicher Länder kennenlernen zu dürfen und sie ein Stück ihres Lebensweges zu begleiten. Den Ehrenamtlichen ist klar: Alle Kinder hier haben Schreckliches erfahren. Viele sind auf langen Wegen zum Teil zu Fuß oder mit dem Boot hergekommen.

Losen um die Praktikumsplätze

In der Fachakademie für Sozialpädagogik musste um die begehrten Praktikumsplätze im Kinderhaus gelost werden. Die angehende Erzieherin, Lena Schmid, hat schöne Erlebnisse auch im Kontakt mit den Eltern der Kinder gesammelt. „Ich bin total glücklich, dass es geklappt hat und ich hier mitarbeiten kann.

“ Auch Tilman Steng aus Schraudenbach, der im Rahmen seiner Ausbildung zum Erzieher am Vormittag bei den Neun- bis 15-Jährigen im Schulunterricht der Aufnahmeeinrichtung mithilft, macht das Praktikum im Kinderhaus sehr viel Spaß.

An diesem Freitagnachmittag herrscht mehr Trubel als sonst. Es ist kein gewöhnlicher Spielenachmittag, zu dem sich die 15 Ehrenamtlichen und rund 40 Kinder treffen. Zu Gast ist Spiel- und Kommunikationstrainer Michael Keim von der Firma Main Connect, der die ehrenamtlichen Helfer mit seiner Methode des „Kooperativen Bauens“ vertraut macht und für die Kinder Konstruktionsmaterial bereit hält.

Das Kinderhaus bietet einen willkommenen Anlaufpunkt zum Spielen, Toben, Deutsch lernen und Spaß haben, solange Eltern mit Ämtergängen beschäftigt sind oder sich einfach selber mal ausruhen möchten. Aber auch soziales Lernen, Entwicklungsbegleitung und Resilienzstärkung stehen im pädagogischen Konzept ganz oben. Den Verantwortlichen ist es wichtig, dass die Kinder in einen guten Kontakt mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern kommen. Dazu gehören auch Schulungen und regelmäßige Ehrenamtstreffen. So kam es auch zur Kooperation mit Main Connect. Das Konzept und die Philosophie dahinter haben Barbara Finzel einfach angesprochen: „Menschen zu befähigen, aufeinander zuzugehen und gemeinsam spielerisch Grenzen zu überwinden.“

20 000 Kreativbausteine stehen den Ehrenamtlichen und Kindern zur Verfügung, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen: Wir bauen eine Stadt. Die Fülle und Vielseitigkeit des Materials zieht nicht nur die Kinder, sondern auch einen Teil deren Eltern in den Bann.

Während die Jüngeren eher in der Fläche bauen, konstruieren ältere Kinder und Erwachsene gerne in die Höhe. So beweist ein 13-jähriger Junge aus Armenien viel Geschick und Fantasie und inspiriert dabei seine Freunde zu gemeinschaftlichen Baukunstwerken.

Die Ehrenamtliche Hilke Neubauer bemerkt: „Normalerweise bleibt ein Großteil der Kinder höchstens 15 bis 20 Minuten bei einem Spielangebot. Das Spiel der Kinder ist heute sehr intensiv – sie haben nichts anderes aus den Schränken gezogen und große Ausdauer bewiesen, selbst wenn mal etwas eingestürzt ist.“

Barbara Finzel ist überzeugt, dass Eigenschaften, die bei solchen Spielangeboten zum Einsatz kommen, einen Beitrag zur Resilienzfähigkeit der Kinder leisten. Der Kulturpädagoge Uli Geißler hätte das Motto für diese Fortbildungsveranstaltung nicht treffender formulieren können: „Spielen ist ein Katalysator für die Seele“. Das spielerische Konstruieren vermittelt den Kindern, dass sie etwas aufbauen und aktiv gestalten können. „Ich schaffe etwas, mit anderen zusammen kann ich etwas erreichen.“ Das ist die versteckte Botschaft, die durch dieses spielpädagogische Angebot zur Seele der Kinder hindurchdringen kann.

Das Kinderhaus und das Begegnungs-Café für Erwachsene suchen dringend Menschen, die sich in der Flüchtlingsarbeit sozial engagieren möchten. Wer zwei Stunden wöchentlich investieren kann, ist eingeladen, sich bei den Verantwortlichen zu melden: Barbara Finzel (Leitung Kinderhaus), E-Mail: finzel@erstaufnahme-sw.de und Jacqueline Meyer (Asylsozialberatung), E-Mail: meyerj@erstaufnahme-sw.de

Mädchen aus Armenien mit ihrem Bauwerk.
Mädchen aus Armenien mit ihrem Bauwerk. Foto: Manuela Bowitz
Tilman Steng und Marion Herrmann beim gemeinsamen Spiel.
Tilman Steng und Marion Herrmann beim gemeinsamen Spiel. Foto: Manuela Bowitz
Dieses Mädchen aus Somalia mag lieber alleine bauen.
Dieses Mädchen aus Somalia mag lieber alleine bauen. Foto: Manuela Bowitz
Am Ende des Nachmittags präsentieren die Kinder, was sie konstruiert haben.
Am Ende des Nachmittags präsentieren die Kinder, was sie konstruiert haben. Foto: Manuela Bowitz

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