GEROLZHOFEN

Flüchtlinge für den Winter einkleiden

In der Kleiderkammer: Eine Helferin erklärt Bürgermeister Thorsten Wozniak, Bundestagsabgeordneter Anja Weisgerber, Landrat Florian Töpper und seiner Stellvertreterin Christine Bender (von links) ihre Arbeit als Vorsortiererin der Kleiderspenden für Flüchtlinge. Foto: Norbert Finster

Auf der Treppe steht ein Körbchen mit prallen roten und weißen Trauben, offenbar frisch geerntet. Der Menge nach müssen sie von einem Winzer kommen. Beim Weitergehen zeigt sich, dass fast alle Räume des Nebengebäudes der Verwaltungsgemeinschaft gut gefüllt sind mit Kleidern, Koffern, Spielsachen, Schuhen und anderen brauchbaren Dingen für Flüchtlinge.

Bundestagsabgeordnete Anja Weisgerber, Landrat Florian Töpper und Bürgermeister Thorsten Wozniak sind am Dienstag gekommen, um sich zu überzeugen, dass die Hilfsbereitschaft der Gerolzhöfer und der Menschen aus dem Umland schier unglaublich ist, nicht nur beim Spenden, sondern auch beim Sortieren und Verteilen. Die Welle des ehrenamtlichen Einsatzes ist bisher noch kein bisschen abgeebbt. Nur die Zahl der Helfer ist an diesem Dienstag etwas kleiner als sonst, denn heute ist erster Schultag und viele Eltern müssen sich um ihre Kinder kümmern.

Beim Rundgang dabei ist auch Dieter Backhaus von den Rotariern Gerolzhofen/Volkach, die zusammen mit vielen Männer und Frauen des Asylkreises die Hilfe koordinieren. Rund 2000 Kleidungsstücke haben die Ehrenamtlichen bisher an die Flüchtlinge ausgegeben. Backhaus, der selbst aus der Textilbranche kommt, möchte die Räume aufbauen wie in einem Sozialkaufhaus. Jeder soll bekommen, was er braucht. Wenn einer fünf Sportjacken mitnehmen möchte, geht das nicht. Deswegen wird jetzt das System der Gutscheine auf Kleider-Piktogramme umgestellt, die die Helfer dann abhaken.

Ziel sei es, jeden Flüchtling spätestens zwei Tage nach der Ankunft mit dem Notwendigsten an Kleidung zu versorgen. Unter den ersten 100 Asylbewerbern sei ein einziger mit Koffer gewesen, alle andern hatten nur das, was sie auf dem Leib trugen, und einen Rucksack.

Gebraucht werden derzeit keine Sommersachen mehr, sondern lange Herrenhosen kleinerer Größen, Kinderunterwäsche und Winterjacken. „Wir müssen die Neuankömmlinge jetzt winterfest machen. Dazu gehört auch, ihnen zu erklären, dass in Deutschland der Winter kälter ist als in Syrien“, sagt Backhaus. Immer noch erscheinen die Flüchtlinge in sommerlich-luftiger Garderobe in der Kleiderkammer.

Der Strom der Hilfsbereitschaft ist so groß wie der der Flüchtlinge. Das geht auch über Sachspenden hinaus. Leute bieten Musikunterricht oder Fahrradtraining an, denn viele Flüchtlinge haben jetzt zwar ein Fahrrad, können aber nicht fahren.

Schönster Lohn für die Helfer sei die Dankbarkeit der Flüchtlinge, besonders der Kinder. Was momentan geschehe, sei eine fantastische Werbung für Deutschland und für Gerolzhofen, sagt der Backhaus, der sich berufsbedingt sehr gut auskennt in der Mentalität der Asiaten.

Anne Bauerfeld berichtet über die Abläufe im Asylcafé. Bereits am ersten Tag war es mit 70 Leuten überfüllt. So ist das Café jetzt mittags für Familien geöffnet, abends für Erwachsene, etwa zum Fernsehen.

Als die Runde das Asylcafé betritt, macht der Raum eher den Eindruck eines Klassenzimmers. Der Eindruck täuscht nicht. „Der erste Wunsch der Flüchtlinge ist es, Deutsch zu lernen“, sagt Bauerfeld. Der Integrationswille der Flüchtlinge sei enorm. Mit der Realschule sei man im Gespräch, ein weiteres Klassenzimmer für den Deutschunterricht zu bekommen.

Dritter Bürgermeister Markus Reuß, ebenfalls ein regelmäßiger Helfer, weist auf die zahlreichen Kuchenspenden hin. Sie finden reißenden Ansatz.„Süß geht immer“, so Reuß. Die Stadt stelle die Räume kostenfrei zur Verfügung. Dadurch sei es möglich, Kleiderkammer, Asylcafé und Kinderspielzimmer in einem Gebäude unterzubringen.

Landrat Florian Töpper und Anja Weisgerber zeigten sich von alledem sehr beeindruckt. Töpper: „Die Kleiderkammer als ehrenamtlich geführte Einrichtung hat große Bedeutung, weil die Flüchtlinge hier merken, dass jemand etwas für sie tut.“ Das könne keine Verwaltung leisten. Töppers Stellvertreterin Christine Bender konstatierte, dass inzwischen jede Familie, die einen Kinderwagen braucht, auch einen hat.

Ihr sei es ein Anliegen gewesen, zu sehen, was in Gerolzhofen geleistet wird, betonte Anja Weisgerber. Durch die mögliche Verwendung der Schweinfurter Conn Barracks als Notunterkunft ergebe sich die Perspektive, dass die Dreifachhalle in Gerolzhofen und das Pfarrheim in Werneck wieder frei werden. Eine Zeitfenster mochte die Abgeordnete allerdings nicht öffnen. Für die Politik sei es immens wichtig, dass ehrenamtliches Engagement nicht abreißt. Andererseits müsse es auch klare Signale an Wirtschaftsflüchtlinge vom Balkan geben, dass in Deutschland für sie keine Bleibe sein kann.

Auf die Frage dieser Zeitung, ob es in der Dreifachhalle bereits eine Fluktuation gegeben habe, sagt Werner Kaffer, Leiter des Sozialamts am Landratsamt Schweinfurt, den ersten 81 Flüchtlingen werde in der laufenden Woche eine feste Unterkunft zugewiesen. Die frei werdenden Plätze werden sofort wieder mit neuen Flüchtlingen aufgefüllt.

Kleiderspenden nehmen die Helfer von Montag bis Samstag jeweils zwischen 10 und 12 Uhr sowie 15 bis 17 Uhr an. Spender werden gebeten, sich an diese Zeiten zu halten und die Kleider nicht einfach vor verschlossener Tür abzustellen, weil sie sonst leicht in die falschen Hände geraten könnten.

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