SCHWEINFURT

Frauenwochen: Erinnerung an die Skandalgräfin

Satirische Eröffnung: Mit Ausgaben des Satiremagazins Simplicissimus in der Hand und der Ankündigung einer Skandalgräfin eröffnete Heide Wunder die Frauenwochen. Oben die Hauptfigur des Abends: Franziska (Fanny) Gräfin zu Reventlow. Foto: Thinkstock/Ursula Lux

„Im Allgemeinen hat die Frau von heutzutage es aufgegeben, Gretchen zu sein. Es liegt ihr nicht mehr und man verlangt auch nicht mehr danach.“ Diese Einsicht stammt von Franziska Gräfin zu Reventlow. Sie schrieb es zu Beginn des 20. Jahrhunderts nieder. Eine „Skandalgräfin“ kündigte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Heide Wunder, zur Eröffnung der Frauenwochen an. Aus der Bücherei ihres Vaters hatte sie extra Bände des Simplicissimus aus dem Jahr 1911 mitgebracht, für den die Schriftstellerin geschrieben hat.

Hans Driesel stellte dann eine Frau vor, die in kein Schema passt. „Gleichermaßen verachtet und umschwärmt,“ lebte sie ihr Leben, blieb sich immer treu. Zeit ihres Lebens war sie eine Querdenkerin, unangepasst und eigenwillig. Ihre Versuche, als Malerin oder Schauspielerin Fuß zu fassen, scheiterten. Ihr schriftstellerisches Talent und ihre Literatur werden bis heute gelesen. Frech, satirisch und ohne Rücksicht auf Konventionen schrieb sie Romane, Erzählungen und auch Witze.

Ihr Erstlingswerk, der autobiographische Roman Ellen Olestjerne, gibt Einblick in ihr Leben. Am 18. Mai 1871 als fünftes von sechs Kindern in Husum geboren, wehrte sie sich schon früh gegen jegliche Bevormundung. Obwohl sie wegen ihrer Widerspenstigkeit nirgendwo lange geduldet wird, trotzt sie ihren Eltern eine Ausbildung als Lehrerin ab, für eine adelige junge Dame der wilhelminischen Zeit äußerst ungewöhnlich. Als sie aufgrund eines Liebesbriefwechsels zu einer Pastorenfamilie aufs Land verbannt wird, flieht sie und bricht endgültig mit ihrer Familie.

Fortan führt sie ein selbstbestimmtes Leben, heiratet, lässt sich scheiden, hat viele Liebhaber, nie wirklich Geld und zieht ihren unehelichen Sohn Rolf bewusst allein groß. Eine Vorkämpferin der Frauenbewegung? Nein, mit den Thesen der Emanzipation hatte Reventlow so ihre Schwierigkeiten, und während ihr die Männer der Zeit zu Füßen lagen, wurde sie von ihren Geschlechtsgenossinnen angegriffen und verachtet.

„Wozu wollen diese die Frauen eigentlich befreien?“, fragte sich Reventlow und warf der Frauenbewegung vor, sie sei die ausgesprochene Feindin aller erotischen Kultur, „weil sie die Weiber vermännlichen will. Sie will unseren blutarmen höheren Töchtern durch Gymnasium und Studium das bisschen Geschlecht noch völlig abgewöhnen.“ In ihrem Essay „Viragines oder Hetären“ plädiert sie sogar für ein modernes Hetärentum und will „den Frauen den Mut zur freien Liebe vor aller Welt wiedergeben“.

Einer ihrer Fans, Stefan George, nennt sie die „heidnische Madonna mit dem Kind“ und die „Wiedergeburt des matriarchalen Prinzips“. Wie ihre Geschlechtsgenossinnen sie dafür benannt haben, verschwieg Hans Driesel wohlweislich. Er sieht Reventlow als Vorkämpferin für ein sexuell selbstbestimmtes Leben der Frau. In ihrer Satire „Das Jüngste Gericht“ macht Reventlow auch vor den heiligen Hallen der Kirche nicht halt. Die daraufhin folgende Anklage wegen Gotteslästerung beantwortete die Gräfin mit einer weiteren Satire: „Das allerjüngste Gericht.“ 1918 stirbt Franziska Gräfin von Reventlow bei einer Operation.

Hans Driesel gelang es, diese einzigartige Frau lebendig werden zu lassen. Perfekt unterstützt und untermalt wurde sein Vortrag dabei von der Harfenistin Anne Kox-Schindelin. Seit 2007 Lehrbeauftragte an der Universität Bamberg für das Fach Harfe im Lehrstuhl für Musikdidaktik, zeigte die Musikerin, warum die Harfe mit Recht die Königin der Instrumente genannt wird.

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