SCHWEINFURT

Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre

Strahlende Helden: Mustafa, Bunyamin, Eren, Cagan,und Bejt (von links) haben es geschafft. Sie erhielten ihre Zertifikate, die sie als “Heroes“ ausweisen. Foto: Ursula Lux

„Ich habe gelernt zuzuhören, Antworten zu respektieren und andere Ansichten zu akzeptieren.“ Und genau das macht Mustafa zu einem „Helden“. Fünf junge Männer ab 16 Jahren wurden von der Gesellschaft zur Förderung der beruflichen und sozialen Integration (gfi) zu „Heroes“ ausgebildet. Das Projekt richtet sich „gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“

Die Jugendlichen kommen aus sogenannten „Ehrenkulturen“, vier haben einen türkischen Migrationshintergrund, einer kommt aus dem Kosovo. Obwohl sie schon in der dritten und vierten Generation in Deutschland beheimatet sind, leben sie immer noch in einem Zwiespalt zwischen den Traditionen ihres Herkunftslandes und den Anforderungen der deutschen Gesellschaft.

Es sei ein soziopsychologisches Problem, erklärt Diyap Yesil, einer der Gruppenleiter im Projekt, dass Menschen in der Fremde mehr an der eigenen Kultur festhalten, um ihre Identität nicht zu verlieren. In der Türkei sei es leichter, neue Wege zu gehen. Auch sei es verlockend, wenn beispielsweise die Türken ihre eigenen Einkaufsmärkte und ihre eigenen Fernsehkanäle hätten. Das aber sei kein türkisches Problem. In der Nähe von Antalya gebe es einen Ort, an dem rund 3000 Deutsche leben, erzählt er, die blieben genauso unter sich und sprächen meist kein Wort türkisch.

Die jungen Männer, die sich für das Projekt entschieden haben, suchen aber einen Weg zwischen den Kulturen. Mustafa hat sich von einem Freund zur Teilnahme überreden lassen. „Ich dachte, ich hab ja nichts zu verlieren“, erinnert er sich. Dass sich sein Leben ändern würde, hat er damals wohl noch nicht geahnt. „Ich war einer, der nicht rausgegangen ist, ich war an der Playstation“, erzählt Mustafa. Jetzt ist er oft mit den Kumpels unterwegs.

Cagan beeindruckte vor allem die Zusammenarbeit in der Gruppe und dass alle Themen miteinander diskutiert werden konnten. „Das sind teils ganz schön harte Themen für die Jungs“, weiß Yesil, „über Geleichberechtigung oder Homosexualität zu diskutieren.“ Wichtig sei es, dass die Teilnehmer von der ersten Stunde an merken, dass sie und ihre Meinungen akzeptiert werden, dass sie jemand sind und erst genommen werden.

Bunyamin hat es „gemocht zu diskutieren“, und dabei oft gemerkt, wie unsinnig Vorurteile sind, beispielsweise dass alle Russen Wodka trinken oder Türken frauenfeindlich sind. Auch Bejt hat vor allem die Diskussionen geliebt. Eren stellte fest, dass das Jahr bei den Heroes seine „Persönlichkeit erweitert hat“.

Die Frage nach dem, was Ehre ist, sollten die jungen Männer weder aus der türkischen noch aus der deutschen Kultur ungefragt übernehmen, sie sollen sie für sich selbst entwickeln, erklärt Yesil. Und dass sich bei den fünf Heroes einiges entwickelt hat in diesem Jahr, ist ihnen anzumerken. Sie haben sich in Schale geworfen für ihre Zertifizierungsfeiern. Offen, freundlich und für Jungs in diesem Alter erstaunlich redegewandt stehen sie Rede und Antwort. Ihre Gruppe wird sich auch weiterhin treffen, es gibt wohl noch viel zu diskutieren, aber die frischgebackenen Heroes werden jetzt auch selbst an die Schulen gehen und dort, unterstützt von ihren Gruppenleitern, Workshops geben. In diesen zeigen sie auf, dass in demokratischen Gesellschaften jeder Mensch unabhängig von Geschlecht und kulturellem Hintergrund dieselben Möglichkeiten und Rechte hat.

Zu ihrer Zertifizierungsfeier hatten die frischgebackenen Heroes hohen Besuch: Christiane Nischler-Leibl, Leiterin der Stabsstelle der Frauenbeauftragten und Integrationsministerin im Staatsministerium für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, gratulierte. „Ihr seid Vorbilder“, sagte sie den jungen Männern. Gerade jetzt angesichts der Flüchtlingsströme sei es wichtig, junge Menschen zu haben, die Mut beweisen, sich für freiheitlich-demokratische Grundrechte einzusetzen.

Auch Bürgermeisterin Sorya Lippert griff die Flüchtlingsfrage auf. Sie bat die jungen Männer, als Multiplikatoren Menschen mit Migrationshintergrund zu ermutigen, am gesamtgesellschaftlichen Leben in Schweinfurt teilzunehmen.

Dagmar Riedel-Breidenstein, die das Projekt 2007 ins Leben gerufen hat, überreichte den jungen Männern ihre Zertifikate. 2014 sei die Wirkung dieses Projekts überprüft worden, berichtete sie, und festgestellt worden, dass die Teilnehmer deutlich mehr demokratische Ansichten vertreten und sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzen als Gleichaltrige, die nicht am Projekt teilgenommen haben. Ein Erfolg auf ganzer Linie also.

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