Geldersheim

Geldersheim: Als das Torhaus abgerissen werden sollte

Vor 100 Jahren: Geldersheimer kämpften einst dafür, ihr Torhaus dem Erdboden gleich machen zu dürfen. Das königliche Bezirksamt Schweinfurt hatte was dagegen.
Schmuckstück auf dem Weg ins Geldersheimer Unterdorf. Lange war das untere Tor auch die einzige Möglichkeit von dieser Seite in den Ort zu kommen. Bis 1922 stand zwischen dem Torhaus und dem links angrenzenden Fachwerkhaus ein Teil der Dorfmauer, der Fußgängerdurchgang rechts vom Tor wurde 1972 geschaffen. Foto: Helmut Glauch

Was wäre Geldersheim ohne sein unteres Torhaus. Das Untertor, ein ortsbildprägendes Wahrzeichen wie es im Bilderbuch der Baudenkmäler steht, das jeder, der von  Schweinfurt kommend ins Unterdorf abbiegt, passiert.  1593/94 als Flachbau und Teil der Dorfmauer errichtet und erst im Jahr 1700 "aufgestockt", hat das Tor in all den Jahrhunderten manches kommen und vieles gehen sehen. Vor 100 Jahren wäre es beinahe selbst gegangen, wäre vom Bauwerk zur Erinnerung in den Geschichtsbüchern geworden, denn es sollte abgerissen werden. 

Das nennt man wohl Handlungsbedarf. 1926 war zwar schon die Dorfmauer rechts daneben abgerissen und eine zweite Durchfahrt möglich, das Dorfhaus allerdings noch zwei Jahre von seiner Renovierung entfernt. Viel länger hätte man wohl nicht warten dürfen. Foto: Archiv Popp

Heimatforscher Alfred Popp hat die Bemühungen, das Torhaus zu einem Fall für die Spitzhacke zu machen, chronologisch festgehalten, Schriftverkehr und Unterlagen gesammelt. Vor allem die Geldersheimer selbst hatten historisch betrachtet kein besonders wertschätzendes Verhältnis zu ihren Toren. Tore deshalb, weil es ursprünglich drei solche Zugänge als Teil der schützenden Gemeindemauer gab. Das Cent- oder Galgentor wurde schon 1859 abgebrochen, das Obertor folgte 1875. Nach dem Großbrand im August 1863 mussten alle Fachwerke zugemauert werden, auch das vom unteren Tor. Dazu kam der Zahn der Zeit, der kräftig nagte, das untere Torhaus war marode geworden, Bürger und Gemeinderat waren der Meinung, es sei baufällig und dem aufkommenden Verkehr nicht mehr gewachsen, also weg damit!    

Der "Zungenblecker" am Geldersheimer Torhaus bleckt sein Zünglein nicht von ungefähr Richtung Schweinfurt. Bischof Julius Echter, dessen Wappen ebenfalls am Torhaus zu finden ist, sei nicht gut auf die Städter zu sprechen gewesen, weswegen er ihnen so symbolisch die Zunge herausstreckte. Foto: Helmut Glauch

Dazu kam wohl auch, dass das Tor seinerzeit nicht unbedingt eine der ersten Adressen im Ort war. Als im Jahr 1700 der obere Stock auf den Torbogen gesetzt wurde, entstand darin eine Wohnung für arme und mittellose Bürger. Ein Garten, ein Holzschuppen, ein Hühner- und ein Schweinestall, eine Dunggrube und ein Außen-Abort auf der Nordseite des Hauses gehörten dazu.  

Durchfahrt war Teil des Hauptverkehrsweges von Würzburg nach Meiningen

Ende August 1908 schrieb die Gemeinde Geldersheim an das Königliche Bezirksamt Schweinfurt, mahnte Bauschäden an, kurz darauf wurde eine Liste mit den Mängeln nachgereicht. Der Gemeinderat beschoss zeitgleich den Abbruch. Ein Vorgehen, dass aus damaliger Sicht nachvollziehbarer wird, wenn man berücksichtigt, dass damals der Weg durch das Tor wirklich der einzige Zugang zum Geldersheimer Unterdorf war.  Die zweite Fahrspur, heute die Ausfahrt aus dem Unterdorf, gab es noch nicht, denn dort stand bis 1922 noch ein Teil der Dorfmauer. Der Weg durch das Tor war seinerzeit Teil des Hauptverkehrsweges von Würzburg nach Meiningen, denn die B 19, die später durch das Dorf führte, war noch Zukunftsmusik.   

Vom Königlichen Bezirksamt zu Instandsetzungsarbeiten verpflichtet 

Doch wie das so ist im Leben, einer rechnet sich etwas aus, ein anderer macht einen Strich durch die Rechnung. Im Falle des Geldersheimer Untertors war dies das Königliche Bezirksamt in Schweinfurt, das im Februar 1909 dessen Abbruch untersagte.  Die Kosten für die Renovierung wurden von Amts wegen auf 800 bis 1000 Mark geschätzt. Auf den Abbruch der südlichen Mauer, um die Vorbeifahrt am unteren Tor zu ermöglichen, wurde hingewiesen. Das juristische Tauziehen um den Abriss ging in die nächste Runde. Auch die Königliche Regierung von Unterfranken und Aschaffenburg war der Meinung "Das Torhaus muss erhalten bleiben", die Dringlichkeit der Reparaturen wurde angemahnt.    

Auch das Wappen von Julius Echter ist am Torhaus zu finden. Foto: Helmut Glauch

Das Königliche Bezirksamt Schweinfurt legte im Mai 1909 nach, forderte innerhalb von zwei Wochen einen Gemeinderatsbeschluss über die Renovierung des Torhauses. Im Geldersheimer Gemeinderat schaltet man weiter auf stur. Die Sache zieht sich hin, im Mai 1910 wird die Gemeinde vom Bezirksamt gar verpflichtet mit den Instandsetzungsarbeiten zu  beginnen. Ohne Erfolg! Im Gemeinderat setzt man möglicherweise darauf, dass der Zahn der Zeit Fakten schafft. Zwei ältere Frauen, die seinerzeit im Torhaus wohnten, hätten sich schon Bretter an die Decke genagelt, weil es durchregnete, berichtet  Alfred Popp.     

Ein Schild erläutert in kurzen Worten die Geschichte des ortsbildprägenden Bauwerks. Foto: Helmut Glauch

Auch im Streit vergeht die Zeit. Im Juli 1919 stellte die Gemeinde Geldersheim erneut den Antrag das denkmalgeschützte Tor abreißen zu dürfen, was zu einer weiteren Absage führte. Im Juli 1922, das Königliche Bezirksamt Schweinfurt war längst Geschichte, ist im Schweinfurter Tagblatt von einer Teilrenovierung der Wohnung des unteren Torhauses zu lesen. Gleichzeitig wurde die Mauer an der Südseite abgebrochen, die zweite Durchfahrt, wie sie noch heute besteht, wurde geschaffen.    

Ab 1972 auch ein Fußweg neben dem Torhaus

Auf eine gründliche Renovierung musste das Torhaus allerdings noch bis 1928 warten, wird aber seither wieder als Wohnung genutzt. 1953 dann eine weitere gründliche Renovierung, das Fachwerk wird bei dieser Gelegenheit wieder freigelegt. Im Juli 1972 beschließt der Gemeinderat dann den Durchbruch an der nördlichen Seite, damit dort Fußgänger durchlaufen können. Das untere Tor wird erneut innen und außen renoviert und – die Zeiten des Aborthäuschens sind endgültig vorbei – eine Toilette eingebaut.      

Nach erneuter Renovierung 1999 ist das untere Torhaus im neuen Jahrtausend angekommen und ist gleichzeitig ein Tor zur Geldersheimer Geschichte und der letzte Rest der Dorfmauer, die schon 1647/48 abgebrochen wurde. Ein erneuter "Abrissantrag", so charmant ist manchmal die Geschichte, ist schon alleine deshalb nicht zu befürchten, weil heute der Bürgermeister darin wohnt.

Als die Straße noch den Gänsen und Pferdefuhrwerken gehörte. Diese Aufnahme mit Blick von der Untertorstraße auf das Tor stammt aus der Zeit um 1930. Foto: Archiv Popp

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